Kommentar : Keinen Beton auf die Alp!
Die Landwirtschaft muss Wasser speichern – aber ökologisch, fordert Bettina Dyttrich.
Mit jedem Tag ohne Regen werden die Folgen der Trockenheit dramatischer. Die Waldbrandgefahr steigt, auf den Wiesen wächst nichts mehr, viele Bäume werden den Sommer nicht überleben. Auch das Berggebiet ist betroffen. Der Schweizerische Alpwirtschaftliche Verband und sein Präsident, der Berner SVP-Nationalrat Ernst Wandfluh, wollen nun neue Wasserspeichermöglichkeiten. Künstliche Becken, wie sie heute schon beschneite Skigebiete verunstalten, sollen auch auf Alpen möglich werden. Wandfluh fordert vereinfachte Bewilligungsverfahren, eine Aufweichung des Landschaftsschutzes und Geld vom Bund.
Die Frage der Wasserspeicherung stellt sich nicht nur in den Bergen. Und sie lässt sich sehr verschieden angehen. Ökologische Pionierbetriebe wie der Katzhof im Kanton Luzern versuchen, mit Bäumen und Wassergräben eine Landschaft zu schaffen, die mehr Niederschlag speichert. Auch der Schutz und die Wiedervernässung von Auen und Feuchtgebieten, etwa mithilfe des Bibers, halten Wasser zurück. Solche Ansätze – man spricht von «Schwammland» – kühlen erst noch die Umgebung, fördern die Biodiversität und speichern Kohlenstoff, sind also klimapositiv. Doch sie sind nicht, was SVP-Vertreter:innen wie Wandfluh vorschwebt. Die Rechte setzt auf Beton. Wohin das führt, zeigt Frankreich, wo heftige Konflikte um «mégabassines» toben und Grossbetriebe ihrem Umland das Wasser abgraben.
Im Alpgebiet sind in Gebäude integrierte Regenwasserzisternen eine Option, die noch lange nicht ausgeschöpft ist. Neue natürliche Wassergräben in der Tradition der Walliser Suonen wären eine Bereicherung für die Landschaft. Doch darüber hinaus ist Zurückhaltung angesagt. Die letzten frei fliessenden Quellen sind sensible Ökosysteme, die Schutz verdienen. Betonbecken gehören nicht ins Sömmerungsgebiet. Die Alpwirtschaft hat ihre Berechtigung, aber nicht um jeden Preis. Auf Alpen, wo die Wasserversorgung für Grossvieh nur mit landschaftszerstörenden Eingriffen gesichert werden kann, braucht es andere Lösungen. Ziegen zum Beispiel: Sie brauchen viel weniger Wasser.
Nötig wäre eine überregionale Analyse: Welche Alpen sind besonders von Wassermangel betroffen? Wo gibt es ökologisch vertretbare Lösungen, wo müssen Tierbestände reduziert, vielleicht auch Alpen aufgegeben werden? Wo können die Tiere dieser Alpen hin? Die Schweiz hat hervorragende Institutionen wie die Agridea, die mit solchen Analysen bereits Erfahrung haben, etwa zur Frage, welche Alpen sich vor Wölfen schützen lassen. Sie wären nun gefragt – und nicht Baufirmen, die Becken ausbaggern. ●