Krieg im Sudan : Allerhöchste Alarmstufe
Sudanesische Rebellentruppen drohen die Stadt al-Ubajid einzunehmen, die Zivilgesellschaft ist in Gefahr. Derweil heizen verschiedene Staaten den Konflikt weiter an.
Fast achtzehn Monate lang belagerten die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) die sudanesische Stadt al-Faschir, bis sie im vergangenen Jahr schliesslich ihren Sieg erklärten. Was folgte, waren ethnische Säuberungen, Vergewaltigungen und Folter. Zehntausende der schätzungsweise 250 000 in der Stadt verbliebenen Zivilist:innen könnten gemäss Schätzungen ums Leben gekommen sein, genaue Zahlen gibt es nicht. Die Vereinten Nationen sprechen rückblickend von «Kennzeichen eines Völkermords».
Nun droht sich der Schrecken von damals in der Stadt al-Ubajid in der Nachbarregion Kordofan zu wiederholen: Von der «höchsten Alarmstufe» sprach Uno-Hochkommissar Volker Türk am vergangenen Freitag während einer Dringlichkeitssitzung des Uno-Sicherheitsrats. Die Anzeichen für erneute Kriegsverbrechen der RSF seien «eindeutig und unmissverständlich», es drohe eine «humanitäre Katastrophe».
Erhöhte Sterblichkeit
In al-Ubajid leben nach Angaben der Uno rund eine halbe Million Bewohner:innen sowie zusätzlich rund 100 000 Binnenvertriebene. Die Stadt, in der sich ein Stützpunkt der sudanesischen Streitkräfte (SAF) und ein Militärflugplatz befinden, gilt als strategisch wichtiger Knotenpunkt im Krieg, der seit Mai 2023 – massgeblich zwischen den RSF von Milizenführer Mohammed Hamdan Daglo und der Armee unter Abdel Fattah al-Burhan – geführt wird.
Seit Ausbruch des Krieges war die Stadt bereits mehrfach von den RSF belagert worden. Laut einem Bericht des Humanitarian Research Lab (HRL) der Yale-Universität deutet nun vieles darauf hin, dass die Milizen bald erneut versuchen werden, die Stadt einzunehmen. Laut den Expert:innen, die sich auf die Auswertung von Satellitenbildern stützen, haben die RSF bereits begonnen, die Stadt von Westen, Norden und Süden her einzukreisen. Ähnlich wie bei der Belagerung von al-Faschir im vergangenen Jahr scheinen die Milizen gezielt gegen die zivile Infrastruktur vorzugehen, um so den Druck auf die Bevölkerung zu erhöhen.
Laut dem HRL wurden Tankstellen und Stromnetz-Knotenpunkte bombardiert. Aus Mangel an Treibstoff und Strom hätten zahlreiche Spitäler bereits schliessen müssen, der Verkehr für Güter und humanitäre Hilfslieferungen sei stark eingeschränkt worden. Zudem wirkten sich die Angriffe zunehmend auf die Wasserversorgung aus. Immer mehr Menschen fehle es an Zugang zu sauberem Trinkwasser, was Krankheiten wie Cholera begünstige und ganz allgemein die Erkrankungs- und Sterblichkeitsrate erhöhe.
Dabei waren die Milizen der RSF im Konflikt mit der sudanesischen Armee zuletzt deutlich unter Druck geraten: Mehrere hochrangige Kommandanten – darunter ein Berater von RSF-Führer Daglo – sollen zur sudanesischen Armee übergelaufen sein. Zudem waren vermehrt Berichte über interne Streitigkeiten und eine zunehmende Fragmentierung der Milizen bekannt geworden. Konnten diese zu Beginn des Krieges zunächst schnell Gebietsgewinne verzeichnen und grosse Teile der Hauptstadt Khartum einnehmen, wurden im vergangenen Jahr viele Gebiete, einschliesslich der Hauptstadt, von der sudanesischen Armee zurückerobert. Während die SAF heute die Khartum und die Gebiete entlang des Nils bis zum Roten Meer kontrollieren, beherrschen die RSF vor allem den grössten Teil der westlichen Region Darfur.
Alle Verhandlungsversuche gescheitert
Umso wichtiger dürfte den Milizenführern die Offensive in al-Ubajid und der Region Kordofan erscheinen, in der sich die RSF mit ihren Alliierten und die SAF bisher verschiedene Einflussgebiete teilten. Ein militärischer Sieg in al-Ubajid würde zudem nicht nur die RSF-Herrschaft stärken, sondern auch eine neue Schneise in Richtung Zentralsudan und Khartum schlagen und so vermutlich für neue Motivation bei den eigenen Kämpfern sorgen.
Ob und wie schnell die RSF die Stadt einnehmen können, ist bislang unklar. Nach einem Bericht des HRL haben die verbliebenen SAF-Truppen in den vergangenen Monaten fast 51 Kilometer an Verteidigungswällen und Schutzgräben errichtet. Kommt es zu einer Einnahme, sehen Expert:innen ein grosses Risiko für die Zivilbevölkerung. Anders als al-Faschir ist al-Ubajid zwar nicht Teil des Konflikts in Darfur, in dem über Jahrzehnte aus rassistischen Motiven Hass gegen ethnische Minderheiten geschürt wurde. Doch droht die Zivilbevölkerung gemäss Expert:innen Opfer von Vergeltungstötungen zu werden – oder ins Kreuzfeuer der Kämpfe zu geraten. Nach Angaben des Uno-Menschenrechtsbüros kamen bereits im Juni 45 Menschen bei Drohnenangriffen ums Leben.
Zudem könnte sich auch die humanitäre Lage noch deutlich verschärfen: Laut dem Famine Early Warning Systems Network sind bereits jetzt Teile der Bevölkerung mit erheblichen Versorgungslücken und akuter Mangelernährung konfrontiert. Vor allem bei den Binnenvertriebenen ist das Risiko einer Hungersnot gross.
Auch deshalb wurden die Warnungen auf internationaler Ebene zuletzt immer lauter: «Wir dürfen nicht zulassen, dass sich die Schrecken von al-Faschir in al-Ubajid wiederholen», sagte Uno-Generalsekretär António Guterres. Alle Staaten mit Einfluss hätten die Pflicht, diesem «Wahnsinn» Einhalt zu gebieten. Doch sämtliche Bemühungen, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln, sind bisher gescheitert – auch weil beide Seiten, unterstützt durch Hilfe aus dem Ausland, bisher stets davon überzeugt waren, den Krieg auf militärischer Ebene gewinnen zu können.
Waffenhilfe aus den Emiraten
Während die SAF militärische Unterstützung etwa aus Ägypten, dem Iran, der Türkei und Russland erhalten, werden die RSF vor allem durch die Vereinigten Arabischen Emirate unterstützt, deren Hilfe nicht zuletzt auch die Einnahme von al-Faschir ermöglichte. Die Emirate unterhalten laut einem jüngst erschienenen Bericht des investigativen Recherchekollektivs Lighthouse Reports ein geheimes Netzwerk im Nachbarland Libyen, um von dort aus die Milizen mit Waffen, Drohnen und anderen Rüstungsgütern zu versorgen.
Zwar haben die Emirate ebenfalls an der Dringlichkeitssitzung des Sicherheitsrats teilgenommen und betont, dass der einzige mögliche Weg vorwärts eine «sofortige und bedingungslose humanitäre Waffenruhe» sei. Angesichts der bisherigen Unterstützung für die RSF scheint die Ernsthaftigkeit dieser Forderung jedoch mehr als fraglich. ●