Maschinensturm KI (7) : Der Tod der Interpretation
Warum die KI-Suche von Google mit Internetrecherche im eigentlichen Sinn nichts mehr zu tun hat.
Bei der diesjährigen Entwickler:innenkonferenz von Google Mitte Mai verkündete die Leiterin der Suchabteilung, Liz Reid, grosse Neuigkeiten. Ab jetzt gelte bei der Suchmaschine «AI first». KI-generierte Antworten erhalten Vorrang, und die vertraute Liste von Links findet sich, fast wie ein Nachgedanke, weiter unten. Der riesige Bildschirm hinter Reid hätte deutlicher nicht sein können. Dort stand schwarz auf weiss: «Google-Suche ist KI-Suche.» Doch der Satz ergibt keinen Sinn. Generative KI hat mit Suche schlichtweg nichts zu tun.
KI-Systeme basieren derzeit auf einem Algorithmus namens Transformer. Die Aufgabe des Transformers besteht darin zu raten, was das nächste Wortbruchstück in einem Satz sein könnte, und entsprechende Buchstabenfolgen zu generieren. Man braucht kein grosses Fachwissen, um zu sehen, dass sich diese Prozedur grundlegend von einer Suche nach etwas unterscheidet: Einen Chatverlauf nach der Stelle zu durchsuchen, wo der Kollege seine Urlaubszeiten genannt hat, ist nicht dasselbe, wie ihm eine neue Nachricht zu schreiben.
Entsprechend ist auch ein Suchalgorithmus anders angelegt als ein Generieralgorithmus. Ersterer zielt darauf, Informationen zu finden, die die Begriffe der Suchanfrage enthalten, und spuckt Quellen aus. Letzterer, also die KI, ergibt eine Zeichenfolge, die plausibel an die Nutzer:innenanfrage anschliessen soll. Die Antwort kann natürlich Informationen enthalten, die gefragt sind. Nur: Ob es Informationen oder Halluzinationen sind, bleibt im Dunkeln. Man kann bekanntlich einen Stöckelschuh als Hammer einsetzen. Aber kein Baumarkt nimmt die Hämmer zugunsten von Schuhen aus dem Sortiment. Warum jedoch gelingt es Google, uns weiszumachen, KI sei das bessere Such-Tool?
KI hat die Suche schon einmal gekillt
Google rechtfertigte seine Entscheidung mit dem Hinweis auf den enorm angestiegenen Zugriff auf den KI-Modus. Angeblich lieben die Leute die KI-Zusammenfassungen, und Google reagiert nur auf die Nachfrage. Die Geschichte lässt sich aber auch anders erzählen. Traditionelle Websuche ist so schlecht geworden, dass die Nutzer:innen inzwischen, ob sie wollen oder nicht, im KI-Modus landen. Diese Verschlechterung ist auch nicht von selbst passiert. Sie erfolgt einerseits aus dem Versuch, Suche zu monetarisieren und mit Werbung zu verschmelzen, sodass auf den ersten Rängen Bezahlkunden landen und nicht die besten Treffer. Andererseits ist es aber die KI selbst, die die klassische Suche verdorben hat.
Vom Flow des «Surfens» ist wenig übrig. Alle paar Seiten müssen Nutzer:innen ein Captcha lösen, dessen Prozeduren immer aufwendiger werden. Der Grund dafür ist, dass Websites heutzutage von KI-Bots überschwemmt werden. Die Firma Cloudflare betreibt ein Dashboard, das den Internetverkehr live anzeigt. Dem Board zufolge gehen inzwischen deutlich über die Hälfte der Zugriffe auf Webinhalte von Bots aus – ebenjenen Bots, die sich im Netz rumtreiben, um der Google-Suche eine KI-Synopse beizusteuern. Es ist kostspielig für die Betreiber:innen von Seiten, all diese Anfragen zu bedienen, weshalb sie Schranken einbauen. Deren Kehrseite ist die Frustration echter Nutzer:innen, die wieder und wieder ihr Menschsein beweisen müssen. So ist plötzlich die KI-Zusammenfassung bequemer. Aber ohne diese wäre es gar nicht erst so unbequem geworden.
Hinzu kommt der KI-Output selbst. Nach neueren Schätzungen ist die Hälfte der neuen Webinhalte zumindest partiell KI-generiert. Das heisst: Viele «Ergebnisse» der Suche führen ebenfalls zu wertlosem KI-Slop. Warum sollte man dann also überhaupt noch irgendwelchen Links nachgehen, statt einfach bei dem zu verweilen, was Google zuerst anzeigt?
Die Interpretationskrise
Die Umstellung der Suchgewohnheiten hat dramatische Folgen für unser Verhältnis zu Informationen. Schon 2016, nach dem ersten Wahlsieg Donald Trumps, wurde «post-truth» zum Wort des Jahres erhoben. Damals ging es darum, den Trend abzubilden, dass die öffentliche Meinung eher flüchtigen Emotionen als Fakten folgte. Man könnte meinen, mit den KI-Halluzinationen würde sich die Entkopplung von Wahrheitsansprüchen noch mal verschärfen. Aber das Problem reicht noch tiefer.
Um das zu verstehen, braucht man eine Dosis Linguistik. In Zeiten von Sprachmaschinen kommen wir schlecht ohne sie aus. In der Linguistik nennt man «Wahrheit» keine unumstösslich tiefe Einsicht, sondern das Resultat einer logischen Operation namens Interpretation. «Interpretation» ist hier ein Fachwort für die Überprüfung dessen, ob ein Satz mit den Sachverhalten in einer Welt zusammenhängt. Und tatsächlich reicht «eine» Welt: Der Linguistik liegt an der realen nicht viel, sie kann ihre Interpretation auch in der Welt eines Romans oder Traums oder Verschwörungsglaubens vornehmen.
Das mag erst mal seinerseits postfaktisch klingen, ist es aber nicht. Der linguistische Wahrheitsbegriff bildet ab, dass wir mitunter über Welten reden, die nicht unsere eigenen sind. Er erlaubt auch nachzuvollziehen, wie uns wissenschaftlicher Fortschritt aus einer Welt, in der Wale als Fische galten, in die Welt des schwedischen Naturforschers Carl von Linné versetzte, in der sie Säugetiere sind. Die linguistische Wahrheit ist relativ, also abhängig, nämlich von dem, worauf es wirklich ankommt: der Interpretationsfunktion. Denn an der Interpretation hängt ein entscheidender Unterschied: zwischen dem, bloss zu behaupten, dass etwas wahr ist – und dem, es zu prüfen. Es ist die Interpretation, die uns zum Urteil darüber befähigt, ob eine Äusserung innerhalb eines bestimmten Bezugsrahmens wahr ist.
Ohne Satz keine Wahrheit
Die Interpretation braucht, wie bereits erwähnt, zwei Zutaten: eine zu verifizierende Äusserung und eine Welt als Massstab. Was diese Welt nun mit Hyperlinks zu tun hat? Ziemlich viel. Das Internet ist ein Sammelbecken an Informationen, und es enthält auch eine Menge von Primärquellen, etwa Situationen, in denen jemand etwas gesagt oder getan hat. Der Bericht darüber, dass Liz Reid die Suchfunktion versenken will, lässt sich mit dem Link zum genauen Zeitpunkt ihrer Äusserung versehen. Damit muss noch nicht letztgültig entschieden sein, was in der echten Welt tatsächlich geschehen ist. Aber unser sprachliches Gehirn kann eine Verknüpfungsleistung vollziehen und feststellen, was Reid zumindest gemäss diesem Video in Wahrheit gesagt hat. Der Zauber des Internets besteht ja nicht zuletzt darin, unzählige Fährten für solche Verknüpfungen zu eröffnen, anstatt sie auf wenige kuratierte Ausnahmen zu beschränken.
Der andere Bestandteil der Interpretation ist die Äusserung selbst. Es muss etwas da sein, das wahr sein kann. Wo kein Satz ist, ist auch keine Wahrheit. Auch deshalb lässt die neue Suchmaschine von Google aufhorchen. Die neue Suchleiste «hilft dir, deine Fragen zu formulieren … Sie bietet Nuancen an, die dir vielleicht gar nicht eingefallen wären.» Will sagen: Google bietet dir nicht nur die Antwort auf deine Frage an, es bietet dir gleich die Frage selbst an.
Das Internet ohne Hyperlinks ist ein weltloses Internet. Und eine echte Suche zielt nicht auf automatische Textvervollständigung. Wenn uns der Unterschied nicht mehr auffällt, befinden wir uns sehr viel weiter jenseits der Wahrheit als im Postfaktischen. Wir sind im Post-Interpretierenden. ●