Natur statt Kultur : Wo kein Museum wird
Eine Landschaft wie Malerei und dank Bürger:innenbewegung und Naturschutz ungestörte Vogelhabitate: Fotografische Begegnung mit der Biosphäre Urdaibai im Baskenland.
Schon die Errichtung des heute so populären Guggenheim-Museums in Bilbao war im Baskenland keineswegs unumstritten. Zwar lassen der Museumsbau von Frank Gehry und etwa Richard Serras monumentale Stahlskulpturen im Museum keine:n Besucher:in unbeeindruckt. Doch die Geschichte des Projekts ist auch die einer erfolgreichen Gentrifizierung: Als das Guggenheim 1991 in Angriff genommen wurde, hatte Bilbao gerade eine brutale Deindustrialisierung hinter sich. Um die 100 000 Industriearbeitsplätze, vor allem in der Werft- und Stahlindustrie, waren abgebaut worden – keineswegs nur aus finanziellen, sondern auch aus politischen Gründen. Teile der Schwerindustrie hätten durchaus saniert werden können. Doch die Arbeiter:innenklasse von Bilbao galt als besonders radikal – mit den Werksschliessungen konnten auch allzu kämpferische Gewerkschaften ausgeschaltet werden. Statt auf Industriepolitik setzte die öffentliche Hand auf Massentourismus als neues Wirtschaftsmodell.
Im Rahmen dieser Umstrukturierung wurde das einst so rebellische Bilbao zu einem Tourismusmagnet, und das Guggenheim wurde zum neuen Wahrzeichen der Stadt. Mehr als eine Million Besucher:innen jährlich lockt das Museum mittlerweile an. Unter Stadtplaner:innen ist deshalb von einem Bilbao- oder Guggenheim-Effekt die Rede, wenn eine Stadt durch spektakuläre Architektur erfolgreich aufgewertet wird.
Schlecht bezahlte Jobs
Kein Wunder also, dass die heute im Baskenland regierende christdemokratische PNV an diesen Planungserfolg anknüpfen wollte. Bereits 2008 hatte die Guggenheim-Stiftung vorgeschlagen, im Biosphärenreservat von Urdaibai, etwa dreissig Kilometer östlich von Bilbao, einen Ableger ihres Museums zu errichten. Das Naturschutzgebiet an der Mündung des Oca-Flusses gilt als ökologisch besonders wertvoll, weil es sich um einen Tidefluss handelt, in dem sich mit den Gezeiten Meeres- und Süsswasser mischt. Die anliegenden grünen Berghänge erinnern an einen skandinavischen Fjord.
Doch das erste Vorhaben wurde aufgrund politischen Widerstands relativ schnell wieder aufgegeben. Erst ein zweiter Anlauf ab 2019 wurde von der Regionalpolitik entschlossener verfolgt. Das neue Guggenheim-Projekt sah vor, in den Ortschaften Gernika und Murueta zwei Komplexe zu errichten, ein Besucherzentrum und ein Museum. Das New Yorker Architekturbüro Cooper Robertson lieferte erste Entwürfe, die Baukosten wurden auf 130 Millionen Euro beziffert. Wie auch beim Museum in Bilbao sollte der Bau von der öffentlichen Hand finanziert, die Bewirtschaftung des Museums und damit auch die Einnahmen der privaten Guggenheim-Stiftung überlassen werden. Im Juni 2021 verkündete die Christdemokratin Elixabete Etxanobe, Chefin der Provinzverwaltung von Bizkaia: «Das Guggenheim in Urdaibai kommt auf jeden Fall.»
Doch in den betroffenen Ortschaften rührte sich Widerstand. Nicht gegen die Kunst, sondern gegen ein öffentlich finanziertes, aber privatwirtschaftlich betriebenes Museum, durch das vor Ort in erster Linie schlecht bezahlte saisonale Dienstleistungsjobs entstanden wären. Im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte standen gleichermassen die sozialen wie die ökologischen Folgen des Projekts. Wegen des Museums wären jährlich schätzungsweise 140 000 Besucher:innen zusätzlich in die Urdaibai-Bucht gekommen – allerdings nur während der Sommermonate und nur für Tagesausflüge. Der Massentourismus hätte das sensible Ökosystem belastet.
Stadtfest in Gernika
Hier zeigte sich wieder einmal, dass gesellschaftlicher Protest im Baskenland eher in Dörfern als in Grossstädten floriert. Die Plattform «Urdaibai Guggenheim Stop» mobilisierte Zehntausende zu Demonstrationen. Hunderte Künstler:innen, Gewerkschafter:innen und Umweltschützer:innen forderten die Einstellung des Projekts. Zwei Bürgerplattformen reichten Klage gegen den Beschluss des spanischen Umweltministeriums ein, der den Schutz des Biosphärenreservats zugunsten der Museumspläne eingeschränkt hatte. Dieser Klage schloss sich 2024 auch Greenpeace an.
Die Guggenheim-Stiftung lenkte schliesslich ein. «Der Stiftungsrat hat beschlossen, das Projekt nicht weiterzuverfolgen», verkündete Museumsleiterin Miren Arzalluz im Dezember 2025 knapp. Eider Gotxi von der Bürgerplattform «Urdaibai Guggenheim Stop» sagte einen Tag später in einem Interview mit der linken Tageszeitung «Gara»: «Wir haben von Anfang an gesagt, dass dieses Projekt nicht legal ist und Vorschriften manipuliert werden mussten, um das Vorhaben verfolgen zu können.»
Um sichtbar zu machen, dass «sich das Kämpfen lohnt», organisierte die Bewegung einen würdigen Abschluss der Kampagne. Diesen Februar lud «Guggenheim Urdaibai Stop» zu einem grossen Stadtfest nach Gernika, um – wie es im Aufruf hiess – «laut und deutlich zu sagen, dass sich eine organisierte Gesellschaft dem Wahnsinn der Institutionen und Autoritäten widersetzen kann». ●