Politische Kunst : Kein Recht auf Recht

Nr. 28 –

In einem Zürcher Restaurant wird dieser Tage nicht nur gespiesen, sondern auch die Geschichte des verwahrten Jenischen Hanspeter Zablonier verhandelt.

Hinter den Schriftzug an der Fassade des Restaurants Schlüssel im Zürcher Seefeld wurde das Wort «bund» gesprayt. Dass das Restaurant, in das letzten Freitagmittag zu einem Medienlunch eingeladen wurde, «Schlüssel» heisst, mag Zufall sein, doch es passt symbolisch zum Anlass. Denn der Mann, der im Zentrum steht, hat weder Schlüssel noch einen Schlüsselbund – er sitzt seit Jahrzehnten verwahrt im Gefängnis: Hanspeter Zablonier wurde vor 27 Jahren wegen eines Gewaltdelikts zu einer zweijährigen Freiheitsstrafe verurteilt. Seine Strafe hat er längst abgesessen, doch aus dem Gefängnis kam er seit seiner Inhaftierung nie mehr.

Wie es dazu kommen konnte, weshalb beim Jenischen und ehemaligen Verdingbub Zablonier jegliches Rechtssystem versagt hat und warum diese Geschichte nicht nur von staatlichem Unrecht, sondern auch von Rassismus erzählt – davon handelt das transdisziplinäre Projekt «Verdingt. Verwahrt.» des Kollektivs #BigDreams. Und es stellt die Frage, wer hier eigentlich vor wem geschützt werden soll: die Gesellschaft vor einem potenziellen Straftäter, wie das suggeriert wird, oder Zablonier vor einer Schweiz, die ihm grosses Unrecht angetan hat.

Lauch vom selbstgebauten Grill

Das ambitionierte Projekt verbindet kulinarischen Genuss mit künstlerischen und persönlichen Interventionen, juristischen Einordnungen und politischen Statements. Und – so viel sei hier vorweggenommen – es funktioniert in seiner ganzen Komplexität erstaunlich gut.

Seit über zwei Jahren stehen Sabina Aeschlimann und Daniel Riniker, Initiant:innen des Kollektivs, telefonisch und brief‌lich mit dem 56-jährigen Zablonier in Kontakt und besuchen ihn regelmässig in der Justizvollzugsanstalt Pöschwies in Regensdorf, wo er verwahrt wird. Im Austausch mit ihm, der am liebsten einen Hof mit eigener Gastwirtschaft betreiben möchte, entstand die Idee eines Restaurants.

Das Kollektiv lädt nun an mehreren Abenden zu einem Fünfgänger in das eigens für diesen Anlass liebevoll eingerichtete Restaurant im Seefeld ein. Zwei lange Tafeln sind gedeckt. Das Menü hat Koch Ramon Süsstrunk in Absprache mit Zablonier kreiert und bereitet es auf dessen eigens gebautem Holzgrill zu. Zwischen den Gängen werden verschiedene Erzählungen von Zablonier eingespielt, und es gibt Performances und Gespräche von Fachpersonen und Wegbegleiter:innen.

Am Medienanlass erläutern Uschi Waser, die sich als Jenische und Betroffene des Schweizer Unrechtssystems seit langem für Zablonier einsetzt, und Zabloniers Anwalt Stephan Bernard den Journalist:innen die Sachlage, während die auf hervorragend grilliertem Lauch kauen und eine Brotsuppe löffeln. «Das Recht hat aufgehört, Recht zu sein», so Bernard.

Besonders pikant: Das erste Gutachten, das zur Verwahrung von Zablonier führte, stammt vom forensischen Psychiater Arnulf Möller, der später in Halle stellvertretender Kreisvorsitzender der rechtsextremen Partei NPD wurde. Dass dieser gegen den Jenischen Zablonier ein rassistisch motiviertes Gutachten erstellt hat, ist offensichtlich. Ebenfalls brisant: Anwalt Bernard ist überzeugt, dass es eine Korrelation gibt zwischen Verdingung und späterer Verwahrung. Hier wünsche er sich eine Aufarbeitung. Denn Zablonier sei zwar ein Extremfall, aber: «Er ist nicht ein singulärer Fall.»

Nähe als Stärke

Bekannt wurde das Kollektiv #BigDreams 2021 mit einer interventionistischen Auseinandersetzung mit einem anderen Justiz- und Medienskandal. Im Zentrum des fünfteiligen Kunstprojekts, das damals für viel medialen Rummel sorgte, stand Brian Keller, der unter dem Pseudonym Carlos zum bekanntesten Schweizer Häftling geworden war. Das Kollektiv musste sich den Vorwurf der fehlenden Distanz gefallen lassen. Auch wurde die Frage aufgeworfen, ob diese Intervention noch Kunst sei.

Das Projekt «Verdingt. Verwahrt.» zeigt nun, dass gerade eine solche Nähe entscheidende künstlerische Annäherungen an den Protagonisten und das Thema ermöglicht. Und dass in diesem künstlerischen Kontext die vordergründig komplexen juristischen Zusammenhänge plötzlich erstaunlich leicht verständlich daherkommen. Welche Möglichkeiten bleiben, wenn das Recht aufgehört hat, Recht zu sein?

Kunst kann das Recht nicht ersetzen, doch sie kann Verdrängtes sichtbar machen, Unrecht öffentlich hinterfragen, Debatten anregen und politische Vorgänge anschieben. So ist es wohl auch kein Zufall, dass Anwalt Bernard fast zeitgleich mit der Eröffnung des Pop-up-Restaurants ein Gesuch um bedingte Entlassung für Zablonier gestellt hat. Es ist vielmehr die konsequente Umsetzung dieser spannungsreichen künstlerisch-politischen Intervention. ●

▶ «Verdingt. Verwahrt.» im Restaurant Schlüssel in Zürich, Seefeldstrasse 177. Bis 24. Juli 2026. Apéro ab 18.30 Uhr. Am 18. Juli 2026 mit Kinderbetreuung, Apéro ab 16.30 Uhr. bigdreams.ch