Spatzen auf Kanonen : Queen der Discoweisheit

Nr. 28 –

Das Geschäftsmodell von Madonna besteht seit gut vierzig Jahren zur Hälfte darin, dass sich heterosexuelle Männer und alle, die sich dafür halten, über sie aufregen – etwa der Papst: Das Kruzifix passe nicht zu Mieder und Strapsen, hiess es einst im Vatikan. Weite Teile des Popfeuilletons kamen derweil zum Schluss, dass Madonna gar nicht singen könne. (Bei vielen anderen Frauen waren dünne Stimmen offenbar kein Problem, solange sie sexy hauchten.)

Die andere Hälfte der Menschheit liebt sie für ihre Pionierarbeit, im globalen Pop die Sexualität selbst in die Hand zu nehmen, früh solidarisch für Diversität in Begehren und Herkunft einzustehen und gelegentlich famose Alben herauszubringen, selbst nach dem einst biblischen Popalter von vierzig Jahren: «Ray of Light» (1998), «Music» (2000)­, «Confessions on a Dance Floor» (2006).

Nun ist sie 67, ihr Gesicht sieht weniger empowert als veroperiert aus, ich muss gestehen: Auch ich fand ihre Alben in den letzten zwanzig Jahren egal oder peinlich im Bemühen, ums Verrecken den Anschluss an einen zeitgenössischen Sound zu schaffen. Der weibliche Popstar, der Falten und die Pflege des Erbes zulässt, steht noch aus.

Das neue Album, «Confessions II», löst diesen Knoten nun zumindest musikalisch, und das ist mehr, als die Welt erwarten durfte. Auch wenn da kein Überhit wartet wie der Discohousekracher «Hung Up» mit dem Abba-Sample und den Flöten, ist Madonna und ihrem Produzenten Stuart Price ein Wurf voller Fun und, ja, Würde gelungen. Denn nun nimmt sie ihre Position als Elder Stateswoman des Pop an. Madonna gibt die Überbringerin der alten Discoweisheiten (keine Sprache, nur Körper, Liebe, Licht) und singt auch vom Schmerz ihrer Kämpfe.

So findet sie eine schöne Position, wenn sie die transgressive Dance-Szene im New York der frühen achtziger Jahre feiert, die sie hervorgebracht hat. Nicht umsonst ist die autobiografische Nummer «Danceteria» der beste, lustigste, dichteste, unwiderstehlichste Track dieses Albums. Aus der Disco kommt sie, in die Disco geht sie. Amen, now get up and dance. ●

Dass es auf dem Album auch Features gibt, etwa mit Sabrina Carpenter und Tochter Lourdes Leon, muss man wissen, denn hören kann man es nicht so richtig. Geteilt wird der Thron dann doch nicht.