Wetterleuchten : Magie der Zahlen

Nr. 28 –

Daniel Hackbarth über Schwerreiche in den USA – und wie man ihnen in Kalifornien das Leben zur Hölle machen will.

Schon gehört? Taylor Swift hat geheiratet! Die Sängerin ehelichte am Vorabend des 250. Jahrestags der US-Unabhängigkeitserklärung in New York ihren Verlobten, einen dreifachen Super-Bowl-Champion. Was rätseln liess: Wollte der Megastar damit dem Präsidenten, der für den darauffolgenden 4. Juli die «unvergesslichste Geburtstagsparty aller Zeiten» angekündigt hatte, die Show stehlen, mithin ein Zeichen gegen den Autoritarismus setzen?

Man wäre ja für jede widerständige Regung dankbar, die Sache ist aber komplizierter. So beleuchtete die FAZ Swifts «Faible für Numerologie»: Kurz gefasst liesse sich demnach der Termin damit erklären, dass die 13 ihre Glückszahl ist, während ihr Liebster die Nummer 87 auf dem Trikot trägt: Im Datum des 3. 7. seien also beide Ziffern jeweils zur Hälfte repräsentiert. Damit wäre das Spektakel im Madison Square Garden, wo die Zeremonie stattfand, also primär wegen privater Spleens auf genau diesen Tag gelegt worden.

Trotzdem hat die «American royal wedding» eine politische Seite: Wenn «our everygirl» («New York Times») zum Nationalfeiertag mit einem Repräsentanten des US-Sports schlechthin die Ringe tauscht, beschwört dies das Bild eines Landes herauf, das man aus Highschoolfilmen kennt: bodenständig, ein bisschen bieder, stereotyp amerikanisch. So gesehen hätte sich Swift als Projektionsfläche zur Identifikation inszeniert, gleichsam als Gegenentwurf zur Maga-Masche, um destruktive Affekte zu schüren und zu polarisieren.

Das ist sicher ein irgendwie ermutigendes Zeichen. Noch ermutigender, da substanzieller, ist jedoch das, was sich in Kalifornien abzeichnet. In dem Bundesstaat kommt Anfang November ein Referendum vors Volk, das erstmals in der US-Geschichte zur Einführung einer Vermögenssteuer führen könnte. Ziel ist eine einmalige Abgabe von fünf Prozent für Leute, deren «net worth» mehr als eine Milliarde Dollar beträgt. Umfragen lassen hoffen, dass die Vorlage, die einige Trump-Buddys betreffen würde, angenommen wird.

Auch ein Zirkel linker französischer Ökonom:innen um Camille Landais, Thomas Piketty, Emmanuel Saez und Gabriel Zucman trommelt für die Initiative: gelebter Internationalismus unter Kopfarbeiter:innen. Saez und Zucman rechneten in der «New York Times» vor, dass in Kalifornien 250 Milliardär:innen beheimatet sind, deren addiertes Vermögen jährlich um 15 Prozent wachse. Dennoch würden diese derzeit im Schnitt nur 0,26 Prozent ihres Vermögens als Einkommenssteuer berappen.

Gegner:innen der Initiative argumentieren, dass die Steuer die Reichen vertreiben und den Staat sogar um Einnahmen bringen würde. Diese Prognose ist umstritten: Es sind viele Faktoren, die ein vor dem Fiskus zitternder Milliardär erwägen muss, etwa ob das Ziel, Geld zu sparen, es wert ist, das Netzwerk vor Ort zu verlieren.

Trotzdem ist Kapitalflucht nicht bloss eine Schimäre. Demokratien aber müssen sich fragen, ob sie es dulden können, wenn Einzelne Werte ausser Landes schaffen, handelt es sich doch de facto um gesellschaftlich erwirtschafteten Reichtum, der privat angeeignet wurde. Wem das zu sehr nach Marx-Lesekreis klingt: Hat man nicht mal mehr den Mut, mittels Besteuerung die obszöne Ungleichheit anzugehen, kann man es mit der Politik auch ganz sein lassen. ●

An dieser Stelle nehmen die WOZ- Journalist:innen Anna Jikhareva und Daniel Hackbarth abwechselnd die politische Grosswetterlage unter die Lupe.