Auf allen Kanälen : Hilferuf aus dem Regenwald
Verbotene Diskussionen, unterbundene Vorstellungen: In Indonesien hat ein Dokumentarfilm die Öffentlichkeit aufgeschreckt.
Als «Pesta Babi» (Indonesisch für «Schweinefest») im Mai veröffentlicht wurde, erregte der Dokumentarfilm sofort die Aufmerksamkeit der indonesischen Öffentlichkeit. An 2500 Orten im Land fanden Vorführungen statt, auf Youtube wurde er bislang vierzehn Millionen Mal angeschaut. Diese Aufmerksamkeit ist längst nicht allen genehm: In mehreren Regionen wurden öffentliche Diskussionen über den Film verboten. Militärvertreter behaupteten, er sei provokativ; in der Stadt Ternate auf den nördlichen Molukken unterbanden Soldaten gar gewaltsam eine Vorführung (was die Nationalstreitkräfte indes bestreiten).
Warum das repressive Vorgehen gegen einen Dokumentarfilm? «Pesta Babi» spielt in Westpapua auf der Insel Neuguinea, ganz im Osten des Landes – und die Konflikte, die er ausgelöst hat, wurzeln in der umkämpften Geschichte dieser Region. Sie wurde 1969 ein Teil Indonesiens, nachdem sich im Rahmen eines hochumstrittenen Plebiszits 1025 Bewohner:innen, die von der indonesischen Militärregierung ausgewählt und bedroht worden waren, dafür ausgesprochen hatten. In der indigenen Bevölkerung herrscht hingegen die Ansicht vor, dass ihr Territorium damals unrechtmässig annektiert wurde. Für sie hatte die Eingliederung drastische Folgen: Der Regenwald in Westpapua wurde grossflächig zerstört, und die Region wurde zur ärmsten des Landes.
Davon handelt «Pesta Babi» unter Koregie des Investigativjournalisten und Aktivisten Dandhy Laksono und des Sozialanthropologen Cypri Jehan Paju Dale. Der Film erzählt die Geschichte der indigenen Bevölkerungsgruppen Marind, Yei, Awyu und Muyu, die ihre Wälder an ein von der Regierung vorangetriebenes Projekt zugunsten der Lebensmittel- und Energieindustrie verlieren. Die Bilder sind eindrücklich, etwa von den Hunderten gelben Baggern, die im Regenwald zerstörerisch in Stellung gebracht werden. Im Fokus steht aber vor allem die Gegenwehr: Schon in der Anfangssequenz sieht man, wie Indigene ein riesiges, siebzehn Meter hohes Kreuz schleppen. Es dient nicht etwa einem religiösen Ritual, sondern zur Markierung ihres Territoriums – ein Zeichen des Widerstands gegen die indonesische Regierung, die ein Auge auf weitere 2,5 Millionen Hektaren Land in der Region geworfen hat. 1800 solche Symbole haben Anhänger:innen der Bewegung Rotes Kreuz in den letzten zehn Jahren aufgestellt.
Viel seiner Kraft entwickelt der Film aus der Zusammenarbeit Dandhys mit Cypri Jehan Paju Dales, der einst an der Universität Bern promovierte und sich an der umfangreichen Recherche, die historische und anthropologische Hintergründe mit journalistischer Investigation und politischer Analyse verknüpft, beteiligte. So ist es den beiden gelungen, die komplexen Beziehungen zwischen unterschiedlichen Akteur:innen auf Film zu bannen: Neben den indigenen Gemeinschaften und der Regierung spielen auch die Streitkräfte, Konzerne und die Kirche wichtige Rollen im Konflikt. Letztere gibt etwa vor, ihre Gemeinde zu schützen, unterstützt tatsächlich aber das staatliche Projekt.
Von «Pesta Babi» hat sich schliesslich nicht nur das Militär «provoziert» gefühlt. Auch mehrere Universitäten haben Vorführungen verboten. Der Rektor der Universität Mataram etwa erklärte, «Pesta Babi» sei «nicht sehenswert; es ist besser, Fussball zu schauen». Angesichts der grossen Aufregung und der politischen Dynamik rund um die Veröffentlichung des Films richtete Koregisseur Cypri in einem Interview mit der papuanischen Zeitung «Jubi» eine dringliche Botschaft ans indonesische, aber auch ans internationale Filmpublikum. «Pesta Babi» sei mehr als bloss eine Kritik, sagte er, «dieser Film ist ein Hilferuf». Die indigenen Bewohner:innen Westpapuas kämpften um nichts anderes als um ihr Überleben, inmitten eines «Völkermords und Ökozids», wie er es nennt. «Hoffentlich kommt die Botschaft an», so Cypri. ●
Aus dem Englischen von Xenia Klaus.