Aus der Küche des Wahnsinns : Wer hat ein Glotzproblem?
Karin Hoffsten über den «Swiss Stare»
Schon vor zehn Jahren stand in der Gratiszeitung «20 Minuten»: «Expats stören sich an starrenden Schweizern.» Der «Blick» schrieb drei Jahre später: «Wir haben ein Glotz-Problem! Nirgends ist man vor dem ‹Swiss Stare› sicher. Im Restaurant, im Zug, auf der Strasse, in Einkaufsläden, im Hallenbad und sogar beim Feierabendbier mit Arbeitskollegen – es trifft dich überall.»
In einer Kolumne im Onlinemagazin «Das Lamm» hielt 2023 eine Nigerianerin fest: «Der Schweizer Blick ist voll, direkt, lang, staunend, unverhohlen, schamlos» (übersetzt mit Google), was ich mir aus ihrer Perspektive als Schwarze Frau mit Kopftuch vorstellen kann. Den starrenden Blick registriert sie aber auch bei Schweizer:innen untereinander, kaum stosse jemandem etwas Peinliches zu.
Je nach Quelle wird das Starren mit nackter Neugier, aber auch mal mit einem Sicherheitsbedürfnis erklärt – man checke die Umgebung nach potenziellen Gefahren ab –, und oft wird es als abschätzig empfunden.
Doch wer sind denn diese schamlos starrenden Schweizer:innen? Wie wir gerade im Zusammenhang mit der Männer-Fussball-WM gelernt haben, gibt es doch eine neue, vielfältige Schweizer Identität, die Secondos und Secondas mit einschliesst. Glotzen die auch? Oder nur beim Public Viewing?
So lange sich das Thema auch durch die Medien zieht – ich weiss noch immer nicht, was damit gemeint ist. Ich bin ein neugieriger Mensch und schaue gerne Leute an. In öffentlichen Verkehrsmitteln sehe ich aber fast ausschliesslich über Handys gebeugte Köpfe. Und wenn mal jemand zurückschaut, ist es meist freundlich und mündet nicht selten in ein angeregtes Gespräch. Und obwohl ich inzwischen länger in der Schweiz lebe als in meinem Geburtsland Deutschland, merke ich einfach nichts vom «Swiss Stare», praktiziere ihn aber möglicherweise selbst.
Doch man lese und staune: Vor fünf Tagen informierte die «Süddeutsche Zeitung»: «Der ‹German Stare› ist zur Internet-Sensation geworden.» Dieser Blick sei «direkt, unverhohlen, irritierend und doch faszinierend», und unsympathischerweise diene er der Kontrolle: «Deutschland tendiere zu eher strengen sozialen Normen.» Folglich vermute ich, dass in der Romandie und im Tessin weniger gestarrt wird.
Mit meinen zwei Nationalitäten triffts mich leider doppelt. Sollten wir uns also jemals begegnen: Egal wie ich gucke – nehmen Sies mir bitte nicht übel. ●
Karin Hoffsten erinnert sich, dass sie trotz guter Erziehung auch geglotzt hat, als sie mit elf Jahren im Bus zwischen Sulzbach und Saarbrücken zum ersten Mal einen Schwarzen Menschen sah.