Best Western : Bücher für unsere Nachkommen

Nr. 29 –

Dorothee Elmiger fährt durch die dunkle, heisse Gegenwart

Es ist jetzt ein Rauschen in den Bezirken, vor allem nachts, wenn man alleine durch die Strassen geht, vielfach verstärkt, chorisch. Ein Summen von hoch oben, auch in den Lichtschächten, Hinterhöfen. Die Stadt schläft unruhig, und dies ist ihr Wiegenlied: White Noise. Ununterbrochen arbeiten die Maschinen. Sie kühlen die Stadt und machen sie immer heisser.

Spät in einer dieser Nächte fahre ich im Taxi durch Greenpoint, dann über die Grenze nach Queens. Lagerhallen, Schrottplätze. Er habe einmal in derselben Strasse gelebt wie ich, sagt der Fahrer, als wir gerade über einen Seitenarm des East River fahren, totes Gewässer, hochverschmutztes Industriegebiet. Seine erste Wohnung, als er vor 22 Jahren aus Pakistan hier angekommen sei. Auf meinem Handy hell ein «Substack»-Artikel über William T. Vollmann, den grossen, den schwierigen, unmöglichen Schriftsteller und Reporter. Im August komme sein neues Buch, 3096 Seiten, und zum Glück habe er es noch beenden können, denn er sterbe, sterbe an Krebs.

Ich war noch jung, als ich Vollmann in einem Wiener Hotel beim Frühstück sah; er hatte eine Art Geigerzähler bei sich. Ein Jahr zuvor hatte ich «Imperial» gelesen; eine gigantische Recherche, die umfassende Beschreibung des südkalifornischen Imperial Valley. Damals in Wien wusste ich nicht, dass Vollmann gerade in Japan gewesen war, deshalb auch das Gerät zur Strahlenmessung: Für seine «Carbon Ideologies» war er ins Sperrgebiet von Fukushima gefahren. Im Radio verglich er sich mit den weiblichen Ameisen, die im Alter immer mehr Risiken auf sich nehmen. «I would really like to try to do some good in the world before I die and, you know, if I get cancer as a result, it’s no real loss.»

In diesem Sommer nehme ich die «Carbon Ideologies» wieder hervor. Die Bücher sind adressiert an unsere Nachkommen, die in den Ruinen unserer Gegenwart leben werden. «Dark, hot future». Was haben wir nur angerichtet, und was haben wir uns dabei gedacht? Dem eigentlichen Text sind mehrere Hundert Seiten mit Zahlen und Rechnungen vorangestellt. Wir müssten doch erst einmal die Masse und die Dimensionen verstehen, so Vollmann: Was ist eine BTU? Was graue Energie? Wie funktioniert ein Verbrennungsmotor? Die Kalkulationen und Tabellen bewegen mich: Hier hat sich einer die Mühe gemacht, all das aufzuschreiben, im Vertrauen darauf, dass wir es lesen und lernen können. Einer, der sich selbst brennend interessiert für die Dinge, für die seltsame, komplizierte Welt. Er habe keine Antwort auf die Frage, was man angesichts der Klimaapokalypse tun solle, schreibt er im Vorwort. Aber er habe sich geschämt, nichts zu tun. Und dann doch nichts getan, nur dieses Dokument hinterlassen.

Alle paar Jahre reise er nach Pakistan, sagt der Taxifahrer, als wir so durch die dunkle, heisse Gegenwart holpern. Irgendwann wolle er ganz zurück. Ein Haus mit siebzehn Schlafzimmern, dort werde er leben. Auf meinem Handy die Meldungen der Stadt: Stromausfall in der Bronx, in Brooklyn wird die Netzspannung reduziert, in Jamaica Trockeneis verteilt. Als ich den Fahrer frage, was er am meisten vermisse, beginnt er zu weinen. Er vermisse seinen Vater. Als Kind habe er zwei Wünsche gehabt, und der Vater habe ihm beide Wünsche erfüllt: ein Pferd und einen jungen Adler. Auch wenn der Adler dann bald gestorben sei, der Hitze wegen. Still fahren wir weiter durch die Nacht. Im Auto ist es kühl, und draussen jetzt noch heisser. ●

Dorothee Elmiger ist Autorin und lebt in Queens, New York.