Bülent Can* : «Wir hängen im Einkaufszentrum rum»

Nr. 29 –

«Ehrlich gesagt, an den Putschversuch erinnere ich mich nicht wirklich. Ich war noch zu klein. Für mich und meine Generation gab es eigentlich immer diesen Präsidenten. Eine andere Türkei kenne ich nicht. Seinen Namen sage ich mittlerweile kaum noch laut – schon eine kritische Bemerkung kann Konsequenzen haben.

Letztes Jahr war ich bei den Protesten gegen die Festnahme von Ekrem İmamoğlu, damals Bürgermeister von Istanbul. Vor ein paar Wochen war ich dann wieder mit Freunden auf der Strasse, gegen die geplante Schliessung der Bilgi-Universität. İmamoğlu sitzt immer noch. Aber die Uni – die konnten wir retten. Ein kleiner Sieg, aber immerhin.

Ehrlich, viele in meinem Alter haben aufgegeben. Keine Partei spricht für uns. Es geht immer nur um die älteren, konservativen Wähler:innen. Unsere Zukunft interessiert niemanden wirklich. Und alles wird teurer. Theater oder Konzerte kann sich kaum noch jemand leisten. Wir sitzen im Café oder gehen ins Einkaufszentrum, weil es sonst nicht mehr viel gibt. Das meiste läuft über Social Media. Da informieren wir uns, da reden wir, und manchmal wird da auch was organisiert – weil es fast der einzige Ort ist, wo man noch halbwegs frei reden kann.

Vor kurzem hat eine der bekanntesten LGBTQ-Bars in Istanbul zugemacht. Der Druck war einfach zu gross geworden. Wieder ein Stück weniger Freiraum. Ich bin jetzt 21 Jahre alt, das sollte die schönste Zeit meines Lebens sein. In anderen Ländern gehen die Studierenden zum Lernen ins Ausland, sie feiern oder machen Urlaub mit ihren Freund:innen. Für mich ist das nicht möglich. Ich will meinen Eltern nicht zur Last fallen, mein Kellnerjob reicht gerade mal für meine Unisachen. Ich will mich nicht beklagen, immerhin kann ich studieren – aber ich habe es auch einfach satt, immer von diesem Mann an der Spitze belehrt zu werden.

Viele Leute, die ich kenne, sind müde. Die Unsicherheit, die Angst, das Gefühl, dass man sowieso nichts ändern kann – das hinterlässt Spuren. Ich kenne viele, die mit Depressionen kämpfen. Offen redet keine:r darüber, aber man merkt es. Niemand sagt: «Ich kann meine Rechnung nicht bezahlen» oder «Ich habe Hunger», aber man spürt es trotzdem. Unsere Nachbar:innen zum Beispiel kaufen kaum noch Fleisch. Zu teuer.

Mein Sportstudium ist fast fertig. Was danach kommt – keine Ahnung, ehrlich gesagt. Ich liebe die Türkei, meine Familie ist hier, meine Freund:innen sind hier. Trotzdem, ich glaube, ich werde irgendwann weggehen. Nicht weil ich mein Land aufgeben will, sondern weil ich hier einfach keine Perspektive mehr sehe. Und weil es jedes Jahr ein bisschen schlimmer wird.» 

* Von der Redaktion anonymisiert. Der 21-jährige Student lebt in Istanbul.