Darbende Bäume : Plötzlicher Blatttod
Die Wälder leiden unter der Trockenheit. Die Folgen zeigen sich bei einem Spaziergang im Solothurner Jura.
Pascal Schneider steht im Wald und schwitzt. Es ist kurz vor Mittag, die Sonne sticht durch die lichten Baumkronen, die kaum noch Schatten spenden. Ein schmaler Pfad führt den Sunnenberg in der Solothurner Gemeinde Herbetswil hinauf, er ist übersät mit toten Blättern, bei jedem Schritt raschelt es. Schneider hebt eines der Blätter auf, zerbröselt es zwischen den Fingern. «Eigentlich müssten die im Herbst abfallen und braun sein», sagt er. Jetzt, Mitte Juli, ist das Laub am Boden vielerorts noch grün, aber völlig vertrocknet. «So etwas habe ich noch nie gesehen», sagt er.
Dabei beschäftigt sich Schneider seit Jahren mit dem Zustand der Wälder. Der Dreissigjährige ist Doktorand an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Gemeinsam mit zwei Kolleg:innen vom Amt für Wald, Jagd und Fischerei des Kantons Solothurn führt er an diesem Vormittag durch den Wald von Herbetswil, um auf die Folgen der seit Wochen andauernden Hitze aufmerksam zu machen. Während in Spanien, Frankreich, Portugal oder Griechenland verheerende Waldbrände toben, machen Trockenheit und extrem hohe Temperaturen auch dem Wald in der Schweiz enorm zu schaffen. «Die Bäume stehen unter absolutem Stress», sagt Schneider.
Hier im Jura zeigt sich das besonders deutlich. Das liegt an der Beschaffenheit der Böden: Mit wenig Erde und viel Kalkstein haben diese eine geringe Wasserspeicherkapazität und trocknen besonders schnell aus. Sind die natürlichen Wasserspeicher aufgebraucht, sind die Bäume auf Niederschlag angewiesen. Wobei auch punktueller Regen in diesem Stadium kaum mehr helfen könne, sagt Schneider. Die Böden seien so trocken, dass Niederschlag oberflächlich abfliesse und kaum bis zu den Wurzeln gelange. Sollten Hitze und Dürre anhalten, könne es in anderen Teilen der Schweiz bald ähnlich aussehen.
Trockenstress kann Bäume nachhaltig schädigen und innerhalb weniger Jahre zum Absterben führen, im Jura dürften viele Bäume diesen Sommer nicht überleben. Der Wald mit seinen zahlreichen wichtigen Funktionen – er ist Lebensraum für Tiere und Pflanzen, bietet Schutz vor Felsstürzen und Erdrutschen, ist Naherholungsgebiet für Menschen sowie Wasser- und CO₂-Speicher – ist in seiner aktuellen Form durch die Klimaerhitzung zunehmend bedroht.
Nicht ein verfrühter Herbst
Dabei sind nicht alle Baumarten gleich betroffen. Der Sunnenberg beheimatet einen Mischwald mit grossem Buchenanteil. Diese leiden besonders stark. Auf etwa 700 Metern über dem Meer sind zahlreiche der Wipfel braun, manche bereits völlig kahl, beim Blick gen Himmel kommt Herbststimmung auf. Viele der kleinen Bäumchen sind verdorrt, auf einigen hängen noch die grünen, aber völlig vertrockneten Blätter. «Plötzlicher Blatttod» werde dieses Phänomen genannt, sagt Schneider. Bei sehr starkem Trockenstress hat der Baum keine Möglichkeit mehr, die Nährstoffe aus den Blättern zurückzuholen, wie er das jeweils im Herbst tut, bevor er sie abwirft. An anderen Pflanzen zeigen grüne Blätter braune Flecken oder werden ganz braun. Auch hier könne man nicht einfach von einem verfrühten Herbst sprechen. «Dahinter steckt ein ganz anderer Mechanismus», sagt Schneider, «die Sonne verbrennt sie einfach.»
Selbst hitzeresistentere Baumarten wie die Mehlbeere oder der Spitzahorn haben aktuell Mühe. «Alle leiden», sagt Joshua Huber. Der 29-Jährige ist Kreisförster im Forstkreis Thal-Gäu, er ist in Herbetswil aufgewachsen, kennt den Wald seit seiner Kindheit. Huber zeigt hangaufwärts, wo die kargen Bäume die Sicht mehrere Meter weit freigeben. «Normalerweise ist das eine grüne Wand.» Dass die Hitze den Wäldern schwer zusetzt, kennt er zwar bereits aus dem Sommer 2018, der zahlreiche Bäume absterben liess. «Aber damals begann es im August und betraf im Kanton primär den Bezirk Dorneck. Nun geht das schon seit Ende Juni so.» Die Trockenheit erhöht auch das Risiko für Waldbrände. Hinzu komme die Gefahr von herabfallenden abgestorbenen Ästen, sagt Lea Jost, Waldschutzbeauftragte des Kantons. «Wanderer sollten sich nicht zu lange hier aufhalten.» An diesem heissen Vormittag sieht man ohnehin keine.
Die Frage, wie auf die extremen Wetterverhältnisse reagiert werden soll, treibt das Forstwesen um. «Die Planbarkeit geht verloren», sagt Huber. Zwar kann ein Auslichten des Waldes helfen, den Wasserhaushalt zu regulieren, an Südhängen wie dem Sunnenberg sei man dabei aber zurückhaltend. «Durch die stärkere Sonneneinstrahlung können die Buchenstämme verbrennen und der Boden wiederum rascher austrocknen.»
Resistentere Arten gefragt
Welch komplexe Belastungen die Klimaerhitzung für die europäischen Wälder mit sich bringt, hat Pascal Schneider mit Kolleg:innen aus dem Ausland auch in einer kürzlich veröffentlichten Studie aufgezeigt. So setzen nicht nur heisse und trockene Sommer den Bäumen zu. Selbst ideale Wachstumsbedingungen wie etwa warme, feuchte Frühlinge können zum verfrühten Baumsterben beitragen, das seit rund zwanzig Jahren in ganz Europa immer häufiger beobachtet wird. Das liegt vermutlich daran, dass die Bäume in solchen Frühjahren stärker wachsen, was ihren Wasserbedarf erhöht und sie bei Trockenheit für Hitzestress anfälliger macht. Feuchte Frühlinge bieten zudem gute Bedingungen für Krankheitserreger wie Pilze, in ungewöhnlich milden Wintern können Schädlinge wie Borkenkäfer besser überleben.
«Es wird viel Umdenken und Anpassung im Waldmanagement brauchen», sagt Schneider. Der Wald werde in Zukunft gewiss nicht mehr so aussehen wie in den letzten hundert Jahren. Bei künftigen Pflanzungen müssten deshalb trockenresistentere Bäume aus südlichen Regionen in den Fokus rücken, etwa die Steineiche aus Spanien, der Speierling, die Mehl- oder die Elsbeere. Um zu sehen, welche Baumarten gegen Ende des 21. Jahrhunderts in den Schweizer Wäldern gut überleben und bereits heute dort gedeihen können, hat die WSL in den letzten Jahren ein landesweites Netzwerk von über fünfzig Testpflanzungen aufgebaut. Bis zu fünfzig Jahre lang sollen diese wertvolle Informationen liefern.
Doch auch dann wird die Anpassung noch Zeit brauchen. Bis ein Baum seine volle Grösse erreicht, vergehen mehrere Jahrzehnte. Eine Übergangszeit mit viel lichteren Wäldern sei kaum vermeidbar, sagt Schneider. Wichtig sei deshalb, schon jetzt auf grösstmögliche Diversität zu setzen. Der Sunnenberg ist dafür eigentlich ein gutes Beispiel, neben Buchen wachsen hier Berg- und Spitzahorn, Esche, Waldföhre, Mehlbeere, Eiche oder Kirsche. Dass die grossen Buchen am Südhang dauerhaft überleben werden, sei zwar unwahrscheinlich, sagt Kreisförster Huber. «Spannend ist aber, was dann mit der Verjüngung geschieht.» Er zeigt auf den Waldweg. Aus dem braun-grünen Blättermeer ragt ein kleines Eichenpflänzchen hervor – und wirkt noch erstaunlich fit. Ein möglicher Hoffnungsträger. ●