Durch den Monat mit Marlene Engelhorn (Teil 3) : Frustriert es Sie, dass nur wenige Reiche mitziehen?
Sie hat Millionen verschenkt – und bleibt dennoch Teil der Vermögenden. Ein Gespräch über Saus und Braus und die eigene Glaubwürdigkeit.
WOZ: Marlene Engelhorn, in einem Interview haben Sie mal gesagt: «Ich werde 2026 fast 100 Prozent meines Erbes rückverteilt haben.» Der «Spiegel» schrieb 2024 über Sie: «Engelhorn möchte sich einen Job suchen, der soll sie ernähren, nicht das Geld der Familie.» Werden Sie sich also demnächst eine Festanstellung suchen?
Marlene Engelhorn: Nein, ich habe mich für den Weg in die Selbstständigkeit entschieden. Das öffentliche Kapital, das ich aufgebaut habe, nutze ich heute, um mir darüber ein Einkommen zu schaffen. Mich auf eine reguläre Stelle in einem abhängigen Beschäftigungsverhältnis zu bewerben, wäre aus meiner Sicht respektlos und ignorant. Es ist offensichtlich, dass ich das nicht tun muss. Und ich fände es problematisch, wenn ich damit jemandem den Platz wegnähme, der auf genau diese Stelle angewiesen ist.
WOZ: Sie betreiben «Reichenbashing» aus der Position einer Multimillionärin – wie glaubwürdig ist das?
Marlene Engelhorn: Ich kritisiere meine eigene Klasse sehr deutlich. Aber «Reichenbashing» ist ein Begriff, der dafür erfunden wurde, Kritik zu delegitimieren. Mir geht es nicht um Einzelpersonen, mir geht es um Strukturen. Wir leben in einem System, das darauf ausgelegt ist, den Grossteil der Bevölkerung auszubeuten – bis hin zur Vernichtung –, damit ein sehr kleiner Teil in Saus und Braus leben kann.
WOZ: Auch Selbstverwirklichung muss man sich leisten können.
Marlene Engelhorn: Dass ich extrem privilegiert bin, betone ich ja immer wieder. Es ist letztlich völlig egal, ich kann mich noch so bemühen: Ich bin an diese Familie angebunden. Wenn man aus einer Suppe den Löffel herausnimmt, ist es immer noch eine Suppe. Ich bin überreich sozialisiert, das bekomme ich nicht weg. Ich könnte vieles kappen – aber wofür? Um irgendetwas zu beweisen? Ich habe mich entschieden, nicht zu dem reichsten Prozent gehören zu wollen und die materiellen Bedingungen, auf die ich Einfluss habe, zu verändern. Ob mir das gelingt, müssen andere beurteilen.
WOZ: 2021 haben Sie den Verein Taxmenow mitgegründet, der sich gegen Steuerprivilegien für Reiche einsetzt. Er hat «mehr als 50» vermögende Mitglieder, die seine Forderungen mittragen. Ist es nicht frustrierend, so wenig Unterstützung zu bekommen?
Marlene Engelhorn: Viele Überreiche profitieren von Intransparenz. Das ist eine Komfortzone, die davor schützt, Rechenschaft über das eigene Handeln abzulegen. Uns war bei Taxmenow wichtig, niemanden zu rekrutieren. Wer sich engagiert, soll das aus eigener Überzeugung tun. Wer sich öffentlich positioniert, sollte das bewusst tun. Nicht jeder muss so wie ich mit dem Kopf durch die Wand.
WOZ: Kommt Ihre Mission über das Symbolhafte hinaus?
Marlene Engelhorn: Ich glaube nicht, dass sich gesellschaftliche Veränderungen dadurch erreichen lassen, dass einzelne Überreiche ihre Meinung ändern. Viele von ihnen pflegen eine Geringschätzung gegenüber der Arbeiter:innenklasse und gegenüber armutsbetroffenen Menschen. Historisch haben Privilegierte ihre Privilegien kaum je freiwillig aufgegeben. Veränderungen entstehen durch politischen und gesellschaftlichen Druck von unten. Deshalb setze ich meine Hoffnung auf zivilgesellschaftliche Bewegungen, nicht auf die Einsicht der Vermögenden. Das entbindet die Privilegierten aber nicht von Verantwortung. Sie müssten ihr Kapital und ihre Möglichkeiten in den Dienst der Gesellschaft stellen – insbesondere der arbeitenden und armutsbetroffenen Menschen.
WOZ: Auch aus diesen Gründen haben Sie das Projekt «Guter Rat für Rückverteilung» initiiert und 25 Millionen Euro dafür zur Verfügung gestellt. Fünfzig ausgeloste Personen entschieden über die Vergabe, 77 Organisationen erhielten Geld. Ist das nicht ein Giesskannenprinzip?
Marlene Engelhorn: Warum? Unterstützt wurden sehr unterschiedliche Organisationen aus verschiedenen Bereichen – mit unterschiedlichen Summen. Entscheidend ist der Prozess: demokratisch, moderiert und nah an den Betroffenen. Das ist wirksamer als die Entscheidung Einzelner in Stiftungen, die ihre Erträge oft am Kapitalmarkt erwirtschaften und damit selbst Teil der Probleme sind, die sie lösen wollen.
WOZ: Wäre es nicht sinnvoller, wenige Organisationen langfristig und intensiv zu fördern?
Marlene Engelhorn: Damit würde man private Macht über das Gemeinwohl zementieren. Mir ging es darum zu zeigen, dass es nicht den guten Willen einzelner Reicher braucht, sondern demokratische Verteilung – idealerweise über Besteuerung und ein repräsentatives Parlament. Weil dies nicht der Fall ist, habe ich mich für einen Bürger:innenrat entschieden. Der kann tragfähige und mehrheitsfähige Lösungen hervorbringen.
WOZ: Der «Gute Rat» ist unweigerlich mit ihrem Namen verbunden. Ist das nicht am Ende doch ein moralisches Einzelprojekt?
Marlene Engelhorn: Gut möglich, aber das Projekt lässt sich von mir kaum trennen. Wir wollten damit aber so genau wie möglich eine Steuer simulieren, die den demokratischen Kern ernst nimmt. Wenn man Betroffene einlädt, unterstützt und moderiert, treffen sie hervorragende Entscheidungen. Wer isoliert ist, gibt auf – wir müssen zusammenhalten. ●
Marlene Engelhorn (34) lebt in Wien. Die Multimillionärin möchte «wie 99 Prozent der Gesellschaft auch arbeitend und Steuern zahlend» leben.