Fifa in der Kritik : Mittlerweile eine Art Profimafia
Die politische Bilanz der Fussball-WM fällt vernichtend aus. Warum das keine Überraschung ist, erklärt Sportjournalist und Buchautor Thomas Kistner.
WOZ: Thomas Kistner, haben Sie das Viertelfinalspiel zwischen der Schweiz und Argentinien gesehen?
Thomas Kistner: Nur die Zusammenfassung. Aber ich habe im Nachgang mit mehreren Schiedsrichterexperten gesprochen, und wir waren uns einig, dass das Spiel in jenes Muster passt, das sich bei dieser WM so deutlich wie nie zuvor erkennen lässt: Man sieht klar, bei welchen Mannschaften die Vorlieben der Fifa liegen.
WOZ: Wie meinen Sie das?
Thomas Kistner: Ich stelle einfach fest: Es wurde tendenziell jede Kleinigkeit gegen die Schweiz gepfiffen. Die spielentscheidende Szene, die mutmassliche Schwalbe von Breel Embolo, die unmittelbar nach dem 1:1-Ausgleich zum Ausschluss des Schweizer Stürmers führte, war dafür exemplarisch. Embolo war davor mehrfach von argentinischen Verteidigern hart angegangen worden. Seine Schwalbe, die auf der Höhe der Mittellinie stattfand – in einem «sinnfreien» Raum, weil es dort nicht darum geht, einen Elfmeter oder einen gefährlichen Freistoss herauszuschinden –, war vielleicht eine Art Angstsprung, um einem weiteren Tritt zu entgehen. Dass er für diese Aktion die zweite gelbe Karte erhielt, ist für mich unverhältnismässig.
Der Fifa-Kritiker
Thomas Kistner (68) recherchiert seit vier Jahrzehnten zu den Machenschaften und Strukturen der grossen Sportverbände, insbesondere des Weltfussballverbands Fifa, aber auch des Internationalen Olympischen Komitees. Besonders lesenswert ist sein 2012 erschienenes Sachbuch «Fifa-Mafia». Bis heute schreibt er regelmässig für die «Süddeutsche» über Sportpolitik. Für die WOZ hat Thomas Kistner im Januar 2007 eine grössere Recherche über Doping im Profisport verfasst.
WOZ: Gibt es denn nachvollziehbare Gründe, weshalb die Fifa ein Interesse haben könnte, Argentinien zu bevorzugen?
Thomas Kistner: Der südamerikanische Fussballverband Conmebol, in dem der argentinische Fussballverband Afa den Ton angibt, hat Infantino bereits vor der WM seine volle Unterstützung garantiert. Dies im Gegensatz zum europäischen Fussballverband Uefa, der sich zunehmend kritisch gegenüber Infantino und seinem Gebaren äussert. Die Europäer werden ihn beim Fifa-Kongress im März 2027 in Marokko eher nicht wiederwählen. Belegt ist auch die enge Beziehung Gianni Infantinos mit Claudio Tapia, dem Präsidenten des argentinischen Fussballverbands, gegen den aktuell wegen Korruption und Geldwäsche ermittelt wird. Tapia ist übrigens ein enger Vertrauter des argentinischen Megastars Lionel Messi. Den will die Fifa zum Superhelden aufbauen, der als Doppelweltmeister alle anderen überstrahlt – und viel Glanz an Infantino zurückgibt.
WOZ: Erkennen Sie weitere Vorlieben der Fifa bezüglich Mannschaften an der WM?
Thomas Kistner: Wie sich die veranstaltenden Länder schlagen, ist für den Erfolg einer Fussballweltmeisterschaft höchst bedeutend: Heimteams müssen erfolgreich sein und möglichst bis ins Halbfinal kommen. Davon hängen schliesslich die Stimmung im Land und der kommerzielle Erfolg ab. Es gibt viele Möglichkeiten, das zu beeinflussen. Es ist natürlich kein Zufall, dass die Heimteams oft in relativ leichten Gruppen landen. Entscheidend kann auch die Logistik sein, also wie einfach oder erschwerend etwa die Anreisen sind. Und dann sind da ja noch: die Schiedsrichter. Die wirken bei dieser WM bisweilen wie von allen guten Geistern verlassen.
WOZ: Für den grössten öffentlichen Aufschrei sorgte an dieser WM die aufgehobene rote Karte gegen US-Stürmer Folarin Balogun im Vorfeld der Viertelfinalpartie gegen Belgien. Dies, nachdem offenbar Donald Trump bei Fifa-Chef Infantino interveniert hatte.
Thomas Kistner: Man muss Trump ja dankbar sein, dass er diese Geschichte selbst ausgeplappert hat, weil er wieder zeigen wollte, wie gross sein Einfluss ist. Dadurch wurde erstmals auch vielen Fans klar, dass Infantino höchstwahrscheinlich eine direkte politische Einflussnahme auf das Spiel zugelassen hat. Nie zuvor ist derart offenkundig in die Integrität des Spiels eingegriffen worden. Das ist eine Schande und müsste zu Infantinos Abgang führen.
WOZ: Die Fifa sorgte schon lange vor der Amtszeit Infantinos für negative Schlagzeilen. Sie selbst haben 2012 ein Buch mit dem Titel «Fifa-Mafia» geschrieben, zu einer Zeit, als noch Sepp Blatter, ein anderer Oberwalliser, Chef des Weltfussballverbands war …
Thomas Kistner: Das stimmt. Aber die Dimension ist heute nochmals eine ganz andere. Plakativ könnte man sagen, dass die Fifa in der Blatter-Ära, die 2015 mit den Durchsuchungen im Zürcher Hauptgebäude wegen Korruptionsverdacht bei den Weltmeisterschaftsvergaben implodierte, eine Amateurmafia war. Unter Infantino hat sie sich, um in dem Bild zu bleiben, in eine Art Profimafia verwandelt. Blatter stand fast vierzig Jahre lang an der Spitze des Verbands. Schon als Generalsekretär ab 1981 war er de facto der Chef, weil der damalige Präsident, der Brasilianer João Havelange, nur ab und zu in Zürich vorbeischaute, sich aber operativ um nichts kümmerte.
In dieser langen Zeit entstand ein in Teilen korruptes Netzwerk: die «Fifa-Familie». Blatter hat die WM-Vergaben organisiert und die Geschäfte zunehmend auf die grösste Einnahmequelle ausgerichtet: die globalen Fernsehrechte. Das war ein Kipppunkt für die Fifa, denn plötzlich ging es um viel Geld, und wo viel Geld im Spiel ist, ist die Korruption nicht weit. In den Jahrzehnten davor hatten die Fifa-Funktionäre ihr Amt teils auf eigene Kosten ausgeführt. Das kann man sich heute gar nicht mehr richtig vorstellen.
WOZ: Was unterscheidet Gianni Infantinos Führungsstil von jenem Blatters?
Thomas Kistner: Als Infantino am 26. Februar 2016 zum Fifa-Präsidenten gewählt wurde, war die Chance auf einen Neuanfang da. Doch er hat vom ersten Tag an ein neues System erschaffen, das die Fifa und damit auch die aktuelle WM zu seinem Privatzoo hat verkommen lassen. In den zehn Jahren, seit er an der Spitze des Verbands steht, hat er sich die Fifa total untertan gemacht und de facto eine Alleinherrschaft installiert – so wie er sich das von jenen Leuten abgeschaut hat, mit denen er so gern für die Kameras posiert: Wladimir Putin, Tamim bin Hamad Al Thani, dem Emir Katars, Muhammad Bin Salman, Saudi-Arabiens Kronprinzen, oder eben Donald Trump.
WOZ: Was sind die Merkmale dieser Alleinherrschaft?
Thomas Kistner: Zunächst einmal hat Infantino alles aus dem Weg geräumt, was ihm gefährlich werden könnte. Das begann mit dem Vize-Generalsekretär und dem Compliance-Chef. 2017 servierte er dann die Ethikkommission ab. Deren Vorsitzende, Cornel Borbély aus der Schweiz und Hans-Joachim Eckert aus Deutschland, mussten ihre Posten räumen. Ersatz war unter anderem eine kolumbianische Verwaltungsjuristin ohne Erfahrungen auf diesem Gebiet. Als Generalsekretärin installierte Infantino die Senegalesin Fatma Samoura, die bis dahin als Uno-Koordinatorin für humanitäre Angelegenheiten gearbeitet hatte und keinerlei Berührungspunkte zum Fussball aufwies. So schuf er sich Strukturen, die ihm freie Hand liessen. Exemplarisch zeigt sich das bei der Vergabe der WM 2034 an Saudi-Arabien.
WOZ: Können Sie das kurz ausführen?
Thomas Kistner: Vor vier Jahren fand die WM ja in Katar statt, also auf dem asiatischen Kontinent. Das Rotationsprinzip der Fifa sieht vor, dass nach Nord- und Mittelamerika, wo die aktuelle WM stattfindet, nun Europa, Südamerika und Afrika folgen. Doch was macht Infantino, damit die Saudis nicht bis 2042 warten müssen? Er packt alle drei Kontinente zusammen in ein einziges Turnier. Die nächste WM wird in Marokko, Spanien und Portugal sowie für je ein Spiel in Argentinien, Uruguay und Paraguay stattfinden. Schon war der Weg erneut für Asien frei – was dort aber lange niemand wissen durfte, damit sich kein Land als Rivale gegen die Saudis bewerben konnte.
WOZ: Welche Rolle spielt eigentlich die Schweiz als Standort für die Fifa? Der Verband ist ja als privater Verein mit Sitz in Zürich organisiert.
Thomas Kistner: Die Schweiz bot lange Zeit eine Art schützenden Kokon. Nicht nur der Fifa, sondern etwa auch dem Internationalen Olympischen Komitee oder dem Internationalen Radsportverband, die ihre Hauptsitze ebenfalls in der Schweiz haben. Was auch damit zusammenhängt, dass das Land eine Steueroase ist. So wurde die Schweiz zum Zentrum der Sportwelt und schmückte sich auch lange damit. Die dunklen Seiten dieser Welt – Korruption oder Doping – ignorierte man lange oder stützte sie sogar, wie die Geheimtreffen zwischen dem damaligen Bundesanwalt Michael Lauber und Infantino zeigen. Da hat sich die Schweizer Justiz bis auf die Knochen blamiert. Seit Laubers Abgang ist das Verhältnis nicht mehr ganz so ungetrübt. Das hat auch Infantino erkannt, er hat bereits veranlasst, dass der Wegzug aus der Schweiz jederzeit umgesetzt werden kann.
WOZ: In der «Süddeutschen Zeitung», für die Sie schreiben, haben Sie vehement Infantinos Rücktritt gefordert und ihn als «grösste Gefahr für den Fussball» bezeichnet. Innerhalb der Fifa scheint er aber unantastbar, weil zu viele Landesverbände und Funktionär:innen von seinem System profitieren. Der Mann ist doch nicht wegzukriegen.
Thomas Kistner: Grundsätzlich ist sein Job schwierig geworden. Die Sportwelt geisselt ihn als Verräter an ihrem höchsten Gut, der Integrität des Spiels. Der Schaden, der durch die Aufhebung der Rot-Sperre nach Trumps Anruf entstanden ist, wird nicht weggehen. Er könnte ihn gar das Amt kosten. Die NGO Fairsquare hat beim Ethikkomitee des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) Beschwerde gegen Infantino eingereicht, und auch Mitglieder des EU-Parlaments fordern eine Untersuchung gegen ihn; das könnte etwas in Bewegung setzen. Hinzu kommen Strafermittlungen gegen die Fifa von den Generalstaatsanwaltschaften in New York und New Jersey wegen der astronomischen Ticketpreise und einer womöglich gezielten Täuschung von Fussballfans bei der Ticketvergabe. Es kann für Infantino ungemütlich werden. ●