Geschichte : Die «humanitäre Tradition»
Schweizer Hilfswerke engagierten sich für eine Kolonie mit SS-Kriegsverbrechern. Das Projekt galt als gut und sinnvoll.
Mit Schweizer Unterstützung wurde 1951 eine «volksdeutsche» Siedlerkolonie in Brasilien errichtet. Unter den 2500 donauschwäbischen Siedler:innen befanden sich mindestens 16 ehemalige Angehörige der Waffen-SS: potenzielle Kriegsverbrecher. Diese empörende Entdeckung ist der Grund, weshalb die Nachfolgeorganisationen der damals beteiligten karitativen Werke den Berner Historiker Peter Hug mit einer Recherche der Hintergründe beauftragten. In dieser arbeitet Hug minutiös heraus, welche Interessen mit dem vermeintlich humanitären Projekt der Kolonie verfolgt wurden; wer es initiierte und die Siedlerfamilien auswählte; wie das Projekt finanziert und wie der Aufbau durch Schweizer humanitäre Organisationen gestaltet wurde.
Auch interne Konflikte und kritische Stimmen beschreibt Hug. Doch vor allem wird deutlich, dass in der Schweizer Europahilfe, einem damaligen Dachverband verschiedener Hilfswerke – darunter Organisationen der Caritas, des Arbeiterhilfswerks sowie des Bundes –, weitgehend Einigkeit darüber herrschte, dass das Projekt gut und sinnvoll sei. Hier liegt der eigentliche Skandal.
Kulturell-ethnischer Charakter
Bei einer Siedlerkolonie handelt es sich um eine Gruppenauswanderung mit dem Ziel, die Gruppe an einem neuen Ort «geschlossen» anzusiedeln, also ohne Integration in lokale Strukturen. Dazu werden neue Dörfer errichtet. Die Gruppe soll ihren kulturell-ethnischen Charakter in der neuen Umgebung behalten. Eine Siedlerkolonie fokussiert zudem die Landwirtschaft als Erwerbsgrundlage. Sie setzt langfristige Planung und grossflächigen Landerwerb voraus. Im konkreten Fall aus den 1950er Jahren wurde beim Aufbau der «geschlossenen Siedlung» die einheimische Bevölkerung enteignet.
Hug zeigt, dass ein katholischer Priester und ein Leiter einer grossen landwirtschaftlichen Genossenschaft aus der «volksdeutschen» Gruppe im faschistischen Unabhängigen Staat Kroatien das Siedlungsprojekt initiierten. Kern des Projekts war die Siedlung streng katholischer Familien aus 22 ehemaligen kroatiendeutschen Dörfern, die im Ustascha-Staat Privilegien genossen hatten. Weil es dort nicht genügend auswanderungswillige Familien gab, wurde das Auswahlkriterium auf alle donauschwäbischen Vertriebenen (auch aus Serbien, Ungarn und Rumänien), die sich nach dem Krieg in Österreich befanden, ausgeweitet. Der Charakter dieses völkischen Siedlungsprojekts wurde weder von den beteiligten Schweizer Hilfsorganisationen noch vom Bund, der katholischen Kirche, den regionalen österreichischen Behörden oder dem brasilianischen Staat infrage gestellt. Im Gegenteil, alle verfolgten auch eigene Interessen.
Für die Realisierung der Kolonie war das katholisch-germanophile Netzwerk, das sich von Österreich über die Schweiz bis zum Vatikan erstreckte, entscheidend. Der ideengebende kroatiendeutsche Pater fand durch Vermittlung der Salzburger Erzdiözese im Luzerner Direktor der Schweizer Caritas, Giuseppe Crivelli, einen fleissigen Mitstreiter. Crivelli erachtete eine donauschwäbisch-katholische Kolonie als sozial- und kulturpolitische Hilfe, mittels derer die Not der Vertriebenen gelindert werden sollte. Ein Südamerikadelegierter der Caritas wurde einer der beiden wichtigsten Mittelsmänner zum brasilianischen Staat. Der zweite Mittelsmann vor Ort war ein enger Vertrauter Regina Kägi-Fuchsmanns, der Geschäftsführerin des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks.
Kägi-Fuchsmann war ebenfalls davon überzeugt, dass die Siedlergruppe «ethnisch homogen» sein sollte. Ausserdem war sie eine Verfechterin der Überbevölkerungstheorie. Aus Schweizer Perspektive stellten die zwölf bis vierzehn Millionen Vertriebenen in Deutschland und Österreich eine potenzielle Bedrohung dar. Es war weniger die Angst vor «Masseneinwanderung» als die Sorge vor Instabilität und möglichen kommunistischen Bestrebungen in den Nachbarstaaten.
Da die kroatiendeutsche Siedlungsidee weniger agrarromantisch als vielmehr landwirtschaftlich-kapitalistisch ausgerichtet war – die Bäuer:innen sollten erzwungenermassen in einer Agrargenossenschaft organisiert sein, die für den Markt produzierte –, freundete sich auch das Eidgenössische Politische Departement mit der völkischen Auswahl der Siedlerfamilien an. Die beiden Schweizer Mittelsmänner verteilten vor Ort Bestechungsgelder und handelten mit dem brasilianischen Staat einen Deal aus, der die Finanzierung der Kolonie über die Besteuerung zusätzlicher Exporte in Höhe von 31 Millionen Franken ermöglichte. So wurde das Projekt untrennbar mit der Schweizer Exportwirtschaft nach Brasilien verbunden.
«Aufhellung» der Bevölkerung
Die brasilianische Regierung war wiederum an dem kapitalintensiven landwirtschaftlichen Modernisierungsprojekt sowie dem rassistischen Ziel einer «Aufhellung» der Bevölkerung durch die Einwanderung aus Europa interessiert. Die Leidtragenden des kroatiendeutschen, schweizerischen, katholischen und brasilianischen Siedlungsprojekts waren die einheimischen Familien, die enteignet und teils vertrieben wurden oder später als Landarbeiter:innen für wenig Lohn auf dem «volksdeutschen» Grossbetrieb schuften mussten. Für sie interessierte sich niemand.
Peter Hug macht sehr deutlich, dass die «humanitäre Tradition» der Schweiz eine Erfindung der Nachkriegszeit war. Diese Erzählung und mit ihr Projekte wie eben die Siedlerkolonie in Brasilien sollten die Rüstungskooperation mit Nazideutschland vergessen machen und den Druck der Westalliierten auf das Land mildern. Dass sich die Schweiz ausgerechnet mit einem Kolonisationsprojekt im Globalen Süden, an dem SS-Kriegsverbrecher beteiligt waren, humanitär neu erfand: Das ist die historische Einsicht, die wir Peter Hug zu verdanken haben. Man kann sich nur weitere Arbeiten zur Schweizer Zeitgeschichte zwischen den 1930er und 1960er Jahren wünschen, die auch andere Nationalerzählungen hinterfragen. ●
▶ Peter Hug: «Humanitäre Hilfe der Schweiz für SS-Kriegsverbrecher. Zur Errichtung einer völkischen Siedlerkolonie in Brasilien, 1949–1952/59». Chronos Verlag. Zürich 2026. 220 Seiten.
Die Historikerin Alexa Stiller forscht an der Universität Bern zur Geschichte von Kriegen, zu Massengewalt und zum Völkerstrafrecht des 20. Jahrhunderts.