Klimaanlagen : Wir sind hier nicht in Texas, Theodor

Nr. 29 –

Manche sehen in ihr einen rettenden Strohhalm – in einer brennenden Welt. Andere gehen sofort auf die Barrikaden: Der Kulturkampf um die Klimaanlage ist in der Schweiz angekommen.

Klimageräte an der Fassade eines Hauses im chinesischen Shenyang
«Die Wasserflasche der städtischen Kühlung»: Klimageräte an der Fassade eines Hauses im chinesischen Shenyang. Getty

Am Anfang war die Börse. Gerade ist das 20. Jahrhundert angebrochen, als in New York die Stock Exchange in einem neuen Gebäude ihre Türen öffnet. Gefeiert wird der Standort als «New York’s coolest place». Denn hier an der Wall Street beginnt 1903 der weltweite Siegeszug der Klimaanlage: In den Neubau wurde ein neuartiges Kühlsystem eingebaut, das erste seiner Art weltweit.

So erzählt es Jan Eike Dunkhase in seinem Buch «Kühle neue Welt», das gerade bei Reclam erschienen ist. Zwar waren auch in Deutschland früh erste Erfolge bei der Klimatisierung von Räumen erzielt worden, allerdings in erster Linie für die Industrie. Genauer: Die erste «Linde Kältemaschine» ermöglichte es der Spatenbrauerei in München 1878, das ganze Jahr über Bier unter den richtigen Bedingungen zu produzieren.

Aber die sogenannte Komfortkühlung ist ursprünglich ein US-amerikanischer Spleen, der Europäer:innen nördlich der Alpen bislang auffällig unbeeindruckt liess. Während in den USA rund neunzig Prozent der Leute ihr Zuhause klimatisieren, sind es in der Schweiz schätzungsweise zehn Prozent – halb so viele wie im europäischen Durchschnitt, den erwartungsgemäss vor allem die südeuropäischen Länder nach oben ziehen. In der Fachwelt ist von «AC penetration» die Rede. Europa ist von Airconditioning deutlich weniger durchdrungen als die USA, China (sechzig Prozent) und Saudi-Arabien (fast hundert Prozent).

Das soll sich jetzt ändern. Insbesondere die Feinde der Wokeness haben die Hitze zum Schauplatz ihres neusten Angriffs erkoren. Den Anfang machte Marine Le Pen in Frankreich, die sich unter anderem mit Jean-Luc Mélenchon von der linken Partei La France insoumise über Sinn und Unsinn von Klimaanlagen streitet. Sie behauptet, diese seien in Frankreich verpönt, weil sie als «rechts» gelten würden. Le Pen fordert, wie um das zu bestätigen, eine Klimatisierungsoffensive. Mélenchon entgegnet, sie habe «keine Ahnung», Klimaanlagen seien bloss eine Scheinlösung für das Hitzeproblem.

Inzwischen hat der Kulturkampf auch die Schweiz erreicht. Grundsätzlich könnte man sich darüber freuen, dass es dabei ausnahmsweise nicht darum geht, Minderheiten das Existenzrecht abzusprechen. Doch der Angriff bleibt befremdlich. Die NZZ warnt vor drohendem Produktivitätsverlust während einer Hitzewelle und fordert: «Klimatisiert die Büros!» Als Argument dienen tatsächlich die Börsenkurse von Klimaanlagenherstellern. «Inside Paradeplatz» kritisiert eine «grüne Kommando-Wirtschaft». Die CH-Media-Blätter zitieren den Blogger Noah Smith, der die Zahl der europäischen Hitzetoten mit jener der Opfer von Waffengewalt in den USA vergleicht.

Allein die letzte Hitzewelle hat in Europa mehr als tausend Menschenleben gefordert. Trotz der Gefahr ist nur ein kleiner Teil der Spital- und Pflegeheimflächen der Schweiz gekühlt. Vielleicht hat die Rechte ja recht: Wieso also hegen viele Schweizer:innen eine fast stolze Abneigung gegen die andernorts so selbstverständliche Technologie?

Ideales Klima

Die Klimaanlage ist auch ein koloniales Projekt. Schon historisch: Jan Eike Dunkhase beschreibt ausführlich die Schwierigkeiten der europäischen Invasoren mit der Hitze in den beherrschten Gebieten im Globalen Süden, immer verknüpft mit der rassistischen Vorstellung, diese sei dafür verantwortlich, dass die dortigen Gesellschaften irgendwie weniger entwickelt seien. Man könne sich ja, so die Vorstellung, auch kaum konzentrieren.

Inzwischen, so beschreibt es die Kulturwissenschaftlerin Eva Horn in einem Aufsatz von 2016, hat dank der Klimaanlage eine globale Standardisierung des «idealen Klimas» stattgefunden. Ob in Singapur, Peking oder Moskau: Wer das Flugzeug verlasse, betrete überall Räume mit der mehr oder weniger gleichen Temperatur, einer Temperatur, die sich «an der europäischen und amerikanischen Vorstellung eines idealen Klimas orientiert».

Der ewige nordeuropäische Frühling, der sich in den Innenräumen der Welt ausbreitet, ist wiederum Voraussetzung dafür, dass sich westliche Stadtplanung, Architektur, Arbeitskleidung und Lebensgestaltung sowie der Nullachtfünfzehn-Arbeitstag immer neue Regionen erschliessen. Eigentlich passten sich Körper und Kulturen den klimatischen Bedingungen an, schreibt Eva Horn. Glaspaläste in gleichförmigen Innenstädten – ganz egal, wo sie liegen – markieren einen Gegenentwurf dazu. Früher war auch in den Südstaaten der USA die Siesta gängig – bis in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die Klimaanlage zur Massenware wurde. Und in Nordeuropa? War bislang alles wie immer. Anpassung – ein Problem der anderen. Nur wird es jetzt halt auch hier heisser.

Stoisch schwitzende Überlegenheit

Von einer «Dialektik der Abkühlung» spricht Dunkhase, und er meint damit die etwas banale Erkenntnis, dass die Kühlung der Welt diese zusätzlich erhitzt. Für rund drei Prozent der globalen Treibhausgasemissionen sind inzwischen Klimaanlagen verantwortlich. Der Wert dürfte in den nächsten Jahren deutlich in die Höhe schnellen – und sich den heutigen Emissionen der Gebäudeheizung angleichen.

Passend ist in diesem Zusammenhang der Begriff der «bürgerlichen Kälte», den Max Horkheimer und Theodor W. Adorno geprägt haben. Er beschreibt die Haltung des bürgerlichen Subjekts, die negativen Folgen des eigenen Handelns auszublenden. Die sind im Kapitalismus unvermeidbar, die Gleichgültigkeit ihnen gegenüber quasi Überlebensbedingung.

Die Klimaanlage ist in mehrfacher Hinsicht eine Verkörperung dieser bürgerlichen Kälte. Nicht nur, weil die dafür nötige Stromproduktion zur weiteren Erhitzung beiträgt, sondern auch, weil die Klimaanlage ganz unmittelbar die heisse Luft nach draussen schleust. Das erhitzt das lokale Klima und verlegt die Unannehmlichkeit vom privaten in den öffentlichen Raum. Vor diesem Hintergrund ist auch die These, wonach Airconditioning irgendwie rechts sei, haltbar. Da hat der Widerwillen dagegen – stoisch schwitzend lässt sich die moralische Überlegenheit gegenüber dem Ami besonders gut geniessen – schon etwas Sympathisches.

Aber man muss sich das auch leisten können. Kürzlich veröffentlichte der «Guardian» ein Plädoyer für eine «progressive» Nutzung der Klimaanlage. Es gelte, die Klimatisierung von Räumen als Projekt der öffentlichen Infrastruktur anzugehen. Jede Wohnung, jedes Büro mit einer eigenen Klimaanlage auszustatten, sei «die Wasserflasche der städtischen Kühlung». Man solle stattdessen auf eine kommunale Versorgung hinarbeiten – Kühlung aus dem Wasserhahn quasi.

Wie das funktionieren könnte, wurde in Texas erprobt. Dort wurden im Rahmen eines Pilotprojekts von 2019 bis 2023 private Klimaanlagen zentral gesteuert, um den Verbrauch an die Belastung des Stromnetzes anzupassen. An sonnigen Tagen, an denen die Fotovoltaikanlagen besonders viel Strom produzierten, wirkten die Anlagen der Überlastung entgegen, an kühleren Tagen wurde die Kühlleistung reduziert. Der Komfort der Bewohner:innen habe, so das Ergebnis, unter der Versuchsanordnung kaum gelitten.

Texas ist nicht das Schweizer Mittelland, aber die Möglichkeiten eines pragmatischeren und vielleicht sogar kollektiven Umgangs mit der Klimaanlage auszuloten, wäre auch hier möglich. Die innere Protestantin braucht dem nicht im Weg zu stehen. Überhaupt verhält es sich auch mit der Klimaanlagenfrage so wie mit jedem Kulturkampf seit Bismarcks Angriff auf die Katholiken: Man sollte sich davon nicht vom Wesentlichen ablenken lassen.

In den zehn Minuten, die Sie gerade damit verbracht haben, auf Absolution der WOZ für die Anschaffung einer Klimaanlage zu hoffen, hat allein die Kühlung der kommerziellen Rechenzentren in der Schweiz so viel Strom verbraucht wie Sie in einem ganzen Jahr. ●

Jan Eike Dunkhase: «Kühle neue Welt. Eine Geschichte der Moderne». Reclam Verlag. Ditzingen 2026. 288 Seiten.