Kunst : Wenn Landschaft zum Archiv wird

Nr. 29 –

Zwei Ausstellungen, verbunden durch die Klausenpassstrasse und die Auseinandersetzung mit den menschlichen Spuren in der Natur.

Gemälde «Great Things End, Small Things Endure» von Noemi Pfister: eine Landschaft mit kahlem Baum auf dem mehrere Personen sitzen
Zeitgenössische Teenager lungern in dystopischen Landschaften: «Great Things End, Small Things Endure» von Noemi Pfister. Haus für Kunst Uri

Grosse Berge umringen fast klischeehaft pittoresk das Haus für Kunst Uri in Altdorf wie auch das Kunsthaus Glarus. Im Sichtfeld der Fenster beider Institutionen bilden sie die Kulisse für die kollaborative Doppelausstellung «The Sigh of the Mountain – Über Echos und Spuren in unseren Landschaften». Selten hat mich das Ortsspezifische einer Ausstellung derart berührt.

Das hätte es selbst dann, wenn ich nicht bereits einigermassen emotional angefasst das Haus für Kunst Uri als einen der zwei Ausstellungsstandorte betreten hätte. Ich fand auf dem Weg dorthin ein aus dem Nest gefallenes, frisch geschlüpftes Vogelküken. Stunden später und in Absprache mit dem lokalen Jagdaufseher musste das Schicksal des Vogelkükens dem Lauf der Natur überlassen werden: Das widersprach meinem Retterinnenimpuls, doch der Ausstellungsbesuch erinnerte mich einmal mehr an die weitreichenden Folgen menschlicher Allmachtsfantasien. Die Kuratorinnen Annette Amberg und Gioia Dal Molin nähern sich verschiedenen Facetten des Mensch-Natur-Landschaft-Verhältnisses weitaus weniger naheliegend an als auch schon gesehen.

Kalligramme und Klangwellen

Anhand des Ausstellungstitels lässt sich bereits erahnen, dass die Berge thematischer Ausgangspunkt der Doppelausstellung sind, die fast zwanzig zeitgenössische Kunstschaffende versammelt. Die Kuratorinnen beschränken sich dabei nicht auf Erzählungen reiner Bergidylle, sondern beleuchten viel eher kritische Perspektiven auf ökologische, kulturelle und politische Dimensionen von Landschaft. Die Mannigfaltigkeit der thematischen Verzweigungen ist beachtlich und nährt die Ehrfurcht vor der Natur, aber auch vor den Spuren menschlichen Handelns, die diese in sich trägt.

Über die Glasscheiben der Eingangstüren beider Institutionen erstreckt sich ein gemaltes Eingangsportal aus verzweigten Ästen, Blättern und Wurzeln. In das Pflanzengewirr eingebettet sind Textfragmente, die unter anderem von der mythologischen Bedeutung der Eibe erzählen – eines Baums, der seit Jahrtausenden in Uri und Glarus wächst. Das Glasgemälde stammt von der Künstlerin Leila Peacock, die herausfand, dass die Eibe vor bösen Geistern schützen solle. Gleich darauf begegnen den Besuchenden im Foyer des Hauses für Kunst Uri und im Eingangsbereich des Kunsthauses Glarus Naturfotografien, Kalligramme und Videoarbeiten des US-Künstlers Sky Hopinka. Er beschäftigt sich in den poetischen Arbeiten mit Wissen, Erinnerungen und Mythen indigener Kultur, die die Landschaft seiner Vorfahren beherbergt. Das breite Spektrum der Ausstellungsthemen beginnt bei der Mystik der Natur, deren Nachhall den Rest des Rundgangs begleitet.

Daneben steht die künstlerische Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Phänomenen und ihren Verkettungen. Die Künstlerin Dominique Koch beispielsweise schafft Skulpturen aus Schallwellen. Mithilfe eines von ihr entwickelten Verfahrens formen sich Glasobjekte durch die vibrierende Übertragung von Geofonaufnahmen, die Schwingungen im Boden als Schall erfassen. Die «Sound Fossils» sind Ausdruck eines klanglichen Verständnisses der Welt sowie der Versuch, diese als Ganzes zu fassen.

Die Unmöglichkeit dieses Unterfangens wiederum betonen die Malerinnen Noemi Pfister und Kateryna Aliinyk. Pfister platziert die als zeitgenössische Teenager gelesenen Protagonist:innen ihrer Werke in dystopische Landschaften. Die Menschheit wirkt ausgeliefert, die Natur wird sie ohnehin überdauern. Die zeitgenössischen Gemälde werden historischen gegenübergestellt: Vermittelten die Arbeiten aus dem 19. Jahrhundert Demut und Einklang mit der Natur, so strahlen die Gemälde aus dem Jetzt einen Zeitgeist aus, der von einem finsteren Blick in die Zukunft der Erde geprägt ist.

Ökologischer Imperialismus

Die historischen Gemälde sind nicht die einzigen Objekte, die aus dem Jetzt fallen. Die Ortsspezifik betonend, gibt es in beiden Ausstellungen Vitrinen mit historischem Material unter anderem aus dem Landesarchiv Glarus und dem Staatsarchiv Uri. Um 1850 gab es eine Auswanderungs- und Kolonialisierungsbewegung aus der Schweiz nach Nordamerika: in das Land, wo angeblich Milch und Honig flossen und in dem keine Missernten und Kartoffelseuchen wüteten. Ausserdem gab es auch die erste grosse Einwanderungswelle in die Schweiz aus Italien, und zwar um 1872, für den Bau des Gotthardtunnels. Dieser thematische Fokus der Ausstellung beschäftigt sich mit geopolitischen Bewegungen, ihrer Infrastruktur und inwiefern Landschaften Zeugnis davon ablegen.

«The Sigh of the Mountain» zeichnet vielseitig nach, wie die Natur über Jahrhunderte hinweg zur Trägerin gesellschaftlicher, politischer und kultureller Spuren wird. Bei genauem Hinhören ist das Seufzen der Berge für alle wahrnehmbar. Solange globale Machtzentren allerdings weghören, braucht es die Kraft der Kunst: Sie erinnert uns immer wieder daran, dass die Natur nicht vergisst. Und sie fordert uns auf innezuhalten, anstatt mit Highspeed und Scheuklappen durch den ökologischen Imperialismus zu preschen. ●

▶ «The Sigh of the Mountain – Über Echos und Spuren in unseren Landschaften» im Haus für Kunst Uri in Altdorf und im Kunsthaus Glarus, bis 30. August 2206. hausfuerkunsturi.ch, kunsthausglarus.ch