Kunststadt : Reise in die Zukunft von gestern
Gibellina ist Italiens erste «Hauptstadt der zeitgenössischen Kunst». Doch die Planstadt in Sizilien steht auch für die Tragik einer linken Vision von modernem Städtebau.
Ausgestorben? Von wegen, in Poggioreale im Westen Siziliens ist an diesem Tag im Juni gerade recht viel Betrieb. Die Gegend um das Valle del Belice war 1968 von einem schweren Erdbeben erschüttert worden. Dörfer wie Poggioreale oder Gibellina wurden zerstört, rund 370 Menschen starben, 70 000 verloren ihr Zuhause. Das alte Poggioreale steht seither leer, ein Geisterdorf wie aus dem Bilderbuch, verfallen und überwuchert.
Aber jetzt wird gearbeitet: Es laufen die letzten Vorbereitungen für das Fest zu Ehren des heiligen Antonio. Auf dem einstigen Dorfplatz, der Piazza Elimo, sind Dutzende von blauen Plastikstühlen aufgereiht, bei manchen der zerstörten Häuser, die immer noch die Hauptgasse säumen, wurden die Fassaden mit Stützpfeilern neu gesichert. Die offiziellen Gäste, die tags darauf erwartet werden, sollen sich während der feierlichen Prozession bei Kerzenlicht nicht vor herabstürzenden Trümmern fürchten müssen.
Hätte man den Ort damals nicht wiederaufbauen können? Klar, sagt einer der Arbeiter, der schon als Junge hierherkam, um das Geisterdorf zu erkunden: Mit dem nötigen Kleingeld sei alles möglich, sicher hätte man das Dorf auch retten und wiederbeleben können. Stattdessen baute man unten im Tal ein neues Poggioreale, als Planstadt im dörflichen Format. Auch dort, keine zehn Minuten talabwärts mit dem Auto, gibt es wieder eine Piazza Elimo. Architektonisch ist sie ein bizarrer stilistischer Clash aus brutalistischem Wohnungsbau und klassizistischen Tempelsäulen. Die Bar hat geöffnet, der weitläufige Platz ist verwaist.
Irrgarten aus Beton
Auch das Nachbardorf Gibellina gibt es nun doppelt. Dort, wo es bei dem Erdbeben verwüstet wurde, ist Gibellina heute eine surreale Attraktion, seit der Künstler Alberto Burri (1915–1995) das Gelände in ein begehbares Mahnmal verwandelte. «Cretto di Burri» heisst das Werk, fertiggestellt zwanzig Jahre nach Burris Tod: ein Irrgarten aus knapp mannshohen Betonquadern, wobei die Gassen, die dazwischen verlaufen, das einstige Dorf nachzeichnen – eine futuristische Steinwüste, wie von Aliens in die Hügel geworfen. Gerade an heissen Tagen ist das auch ein dystopischer Erlebnisparcours, der spürbar macht, wie man nicht für die angebrochene Heisszeit bauen sollte: ein Monument der Versiegelung.
Gibellina hat man nach dem Erdbeben ebenfalls ganz neu aufgebaut, einige Kilometer weiter westlich. Federführend war hier der linke Bürgermeister Ludovico Corrao (1927–2011), der sich dabei von stadtplanerischen Ideen der Moderne leiten liess. Für den Wiederaufbau versammelte Corrao eine ganze Reihe namhafter Figuren der italienischen Architektur und Kunst. Sie sollten einen Ort entwerfen, wo Kunst und Städtebau in einem offenen, geteilten Lebensraum verschmelzen würden.
Bring mir die Zukunft
Es klingt wie ein frommer Wunsch: «Portami il futuro», so lautet das Motto von Gibellina als Italiens erster Hauptstadt der zeitgenössischen Kunst, «Bring mir die Zukunft». Der künstlerische Leiter des ganzjährigen Programms ist Andrea Cusumano, ein Schüler des Wiener Aktionskünstlers Hermann Nitsch. Im Museo d’Arte Contemporaneo etwa, benannt nach Bürgermeister Ludovico Corrao, versammelt die Ausstellung «Domestic Displacement» derzeit Werke von Künstler:innen wie Mona Hatoum, Shirin Neshat oder William Kentridge, die sich mit räumlichen Verwerfungen und instabilen Geografien beschäftigen. Und ab 24. Juli zeigt der kosovarische Künstler Sislej Xhafa, in Zürich bekannt für seine Riesenschaukel im Hardaupark, neue Freilichtskulpturen, die er in Gibellina entwickelt hat.
Tatsächlich ist das neue Gibellina ein einzigartiger urbanistischer Freilichtpark voller überraschender Perspektiven. Zwei der prägendsten Bauwerke stammen vom marxistischen Bildhauer Pietro Consagra (1920–2005). Als Pforte über der Zufahrtstrasse thront seine «Stella di Pietra», ein so monumentales wie filigranes Wahrzeichen. Noch imposanter ist das Teatro Consagra mit seiner elegant geschwungenen Betonfassade, deren Mittelteil an ein Fuchsgesicht erinnert. Der brutalistische Bau war als begehbare Skulptur konzipiert und sollte dereinst ein Gemeinschaftszentrum beherbergen.
Doch das Teatro Consagra steht auch sinnbildlich für die Tragik dieser Planstadt. 1972 entworfen, aber nie vollendet, ist es seit 1989 im Rohbau geblieben. Von aussen sieht es aus wie ein stillgelegtes Parkhaus, die Zugänge ins Innere sind aus Sicherheitsgründen abgeriegelt. Vor sechs Jahren wurde zumindest die neue Strasse eröffnet, die durch die Bögen führt. Fehlt nur der Verkehr. Die Strasse ist verwaist, die Bar nebenan offen. Sie befindet sich in einem weiteren Bau von Consagra, dem «Meeting», einer Welle aus Beton und Glas.
Gibellina wirkt an diesem Tag wie ausgestorben, zu breit die Strassen, zu spärlich der Schatten. Eine real existierende architektonische Utopie, aber als Geisterdorf. Ein städtebauliches Versprechen, verloren im sizilianischen Nirgendwo. Ein Museum der Zukunft von gestern. Oder einfach: eine kolossale Fehlplanung, gut gemeint, aber falsch gedacht?
Kein Mittel gegen die Landflucht
Man kann sich fragen, ob dieses ländliche Niemandsland der richtige Ort war, um die Idee einer solchen modernistischen Wohnstadt zu realisieren. Wie sollten die, die beim Erdbeben ihr altes Zuhause in den Hügeln verloren hatten, in dieser weiträumigen Gartenstadt aus Kunst und Beton jemals heimisch werden? Lebten vor dem Erdbeben noch über 6000 Menschen in Gibellina, so zählte die neu entworfene Stadt nie mehr als 5000 Einwohner:innen. Und seit 1991 schrumpft die Bevölkerung immer weiter. Heute leben nur noch rund 3500 Menschen in Gibellina Nuova.
Das ist nicht aussergewöhnlich angesichts der anhaltenden Landflucht in der ganzen Region. Ludovico Corraos progressive Vision für Gibellina konnte offenbar auch nichts dagegen ausrichten. Oder hat dieses bemerkenswerte städtebauliche Experiment die Abwanderung eher beschleunigt? In der ganzen Provinz Trapani gibt es jedenfalls nur eine Gemeinde, die derzeit noch stärker schrumpft als Gibellina, das ist Poggioreale.
In diesem Jahr soll nun etwas mehr Leben in die Planstadt kommen. Das Kulturministerium in Rom hat Gibellina zur italienischen «Hauptstadt der zeitgenössischen Kunst» ernannt (vgl. «Bring mir die Zukunft»). Ein reichhaltiges Kulturprogramm mit Ausstellungen, Residencies und Performances soll das ganze Jahr hindurch für Betrieb sorgen. Wie nachhaltig das ist, wird sich weisen. B&Bs gibt es einige in Gibellina, ein Hotel findet man nicht. Overtourism dürfte hier nie ein Problem werden.
Beweglich, provisorisch, paradox
Pietro Consagra schrieb in seinem Buch «La città frontale» (1969) gegen Räume an, die «durch standardisierte Produktivität» vorgegeben sind. Schachtelförmigen Wohnräumen erteilte er eine Absage und brachte dabei auch das modernistische Versprechen von Gibellina programmatisch auf den Punkt: «Wir wollen uns keinem Konzept der Stabilisierung unterwerfen. Welchen Raum wir auch immer nutzen müssen, er soll beweglich, provisorisch, transparent, paradox und den ewigen Strukturen der Macht entzogen sein.»
Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet sein Teatro Consagra zum unfreiwillig paradoxen Monument geworden ist: Es ist provisorisch geblieben seit 1989, aber bewegt hat sich seither nicht mehr viel.
Ob sich das in naher Zukunft ändert? Seit Jahren geistert ein neues Vorhaben herum, wie Consagras ikonischer Bau endlich vollendet werden könnte: der «Consagra Innovation Hub». Das Projekt geht auf die Architekturbiennale 2018 in Venedig zurück, wo ein Planungsbüro aus Bologna die Idee präsentierte. Für sechzehn Millionen Euro soll der Rohbau zu einem Zentrum für Forschung, Bildung und Innovation ausgebaut werden. Der Zeitplan allerdings ist sportlich: Damit die in Aussicht gestellten Fördergelder nicht verfallen, muss das Projekt bis Ende 2029 realisiert sein. ●