Leitartikel : In die Welt integriert

Nr. 29 –

Die Schweiz scheidet an der WM nach einer «Identitätsverwechslung» aus. So schade wie treffend, schreibt Kaspar Surber.

Was war das nur für eine Nacht, die fast unbemerkt zum Tag geworden war! Frühmorgens gegen halb fünf Uhr jubelten in den Wohnzimmern, Bars und Public Viewings quer durch die Schweiz Millionen über das 1 : 1 von Dan Ndoye. Um nur Minuten später an der gelb-roten Karte für Breel Embolo wegen einer Schwalbe zu verzweifeln, die den WM-Viertelfinal gegen Argentinien vorzeitig entschied. «Mistaken Identity», Identitätsverwechslung, heisst die neue Fifa-Regel, die den Übertrag einer Verwarnung ans andere Team ermöglichte. Dass die Schweiz wegen einer Identitätsfrage aus dem Turnier fliegt – das immerhin ist eine hübsche Pointe.

Denn erfahrungsgemäss sind solche WM-Entscheidungsspiele stets auch vorgezogene 1.-August-Feiern, bei denen die Identität des Landes mitverhandelt wird, zumindest unter Fussballfans. Und erst recht in den Medien, die mit sportjournalistischem Pathos den unmittelbaren Moment überhöhen. Ein neues, multikulturell geprägtes Nationalbewusstsein konstatierte der «Tages-Anzeiger», einen Triumph der Aggloschweiz, wo besonders viele Secondos aufwachsen, rief die NZZ aus. Selbst der «Nebelspalter» staunte über das «Integrationswunder» namens Nati. Wer etwas leiste, sei hierzulande noch immer willkommen gewesen, führte das Magazin paternalistisch aus. Die Anmahnung des Leistungsprinzips ist natürlich besonders originell, wenn man sich das eigene Medium von Millionär:innen subventionieren lässt. Aber Spass beiseite!

Schliesslich ist es zutreffend, dass sich die Schweiz unwiderruflich in eine migrantisch geprägte Gesellschaft verwandelt hat. Wie es leider auch stimmt, dass die tägliche Realität und ihre politische Aushandlung weit auseinanderklaffen. Die Männernati ist dafür nur das stärkste Sinnbild. Während der Vater von Torschütze Ndoye aus dem Senegal stammt, kam die Mutter des gestrauchelten Embolo mit ihrem Sohn einst aus Kamerun in die Schweiz. Das rechtsbürgerlich geprägte Parlament tut in dieser Legislatur derweil alles, um unter dem Dauerdruck der SVP die Vorstellung einer homogenen, weissen, christlichen Nation aufrechtzuerhalten. Mit regelmässigen Verschärfungsorgien in der Asylpolitik. Und mit der schnöden Ablehnung der Demokratie-Initiative, die eine erleichterte Einbürgerung und damit politische Mitbestimmung für alle fordert. Könnten die Eltern von Ndoye oder Embolo heute noch in die Schweiz kommen? Unsicher.

Das neue Gemeinschaftsgefühl unter den Schweizerfahnen im Public Viewing mag entspannt wirken, und die Vorbilder der Fussballnati, der Männer wie der Frauen, sind gerade auch für migrantische Kinder und Jugendliche in diesem Land ermutigend. Wie offen oder wie repressiv diese Gesellschaft für Menschen ohne Schweizer Pass am Ende aber ist, entscheidet sich an der Gesetzesarbeit im Parlament, an so wichtigen Erfolgen an der Urne wie zuletzt gegen die «10-Millionen-Schweiz»-Initiative – und bei den Wahlen 2027.

Gewiss kann man in einer linken Grundsatzkritik einwenden, dass die Fifa-WM sowieso eine turbokapitalistische Veranstaltung sei und sich aus einem patriotischen Fähnchenmeer niemals eine Welle der internationalen Solidarität erheben kann. Man würde dann aber vermutlich übersehen, wovon das moderne Fussballspiel im eigentlichen Sinn handelt und was man davon lernen kann: wie man Räume nach vorne öffnet. So gesehen muss die Schweiz auch gar nicht auf ihre Migrant:innen stolz sein, die sie angeblich integriert hat, ob im Fussball oder in anderen Bereichen. Sondern dankbar, dass diese das Land zur Welt hin öffnen. ●