Leser:innenbriefe

Nr. 29 –

Keine Genesung versprechen

«Long Covid: Crashkompetenz ist entscheidend», WOZ Nr. 27/26

Der Artikel erweckt den Eindruck eines Dissenses zwischen den Patient:innenorganisationen und Dr. Michael Stingl. Wir teilen dieselbe Position: Psychosoziale Begleitung kann Menschen mit schweren körperlichen Erkrankungen unterstützen. Sie ersetzt jedoch keine Behandlung der somatischen Grunderkrankung und darf nicht mit einem Genesungsversprechen verbunden werden.

Deshalb braucht die Debatte um Brain Retraining eine präzise medizinische Differenzierung. Der Beitrag vermischt unterschiedliche Krankheitsbilder, Patient:innengruppen und Evidenzebenen. Erfahrungen aus heterogenen Long-/Post-Covid-Kollektiven lassen sich nicht auf Patient:innen mit ME (bzw. ME/CFS) übertragen. Ebenso wenig können individuelle Genesungsgeschichten als Wirksamkeitsnachweis einer Behandlung dienen.

Pacing bedeutet, individuelle Belastungsgrenzen ernst zu nehmen, da ihre Überschreitung den Gesundheitszustand verschlimmern kann. Brain-Retraining-Programme beruhen dagegen auf Konzepten, die Belastungsgrenzen und Krankheitssignale als ungefährlich oder als Ausdruck fehlgeleiteter neuronaler Muster interpretieren. Der D-A-CH-Konsensus stuft aktivierende Ansätze bei ME als kontraindiziert ein. Bettina Grande, führende Expertin für die Rolle der Psychotherapie bei ME, betont zudem, dass psychotherapeutische Interventionen weder die durch PEM bedingten Belastungsgrenzen noch deren Wahrnehmung infrage stellen oder umdeuten dürfen.

Gerade weil therapeutische Empfehlungen weitreichende Folgen haben können, sollten sie auf wissenschaftlicher Evidenz und nicht auf der Verallgemeinerung von Einzelfällen beruhen. Heilungsgeschichten dürfen nicht dazu führen, dass ME-Patient:innen unter Druck geraten, potenziell schädliche Behandlungen auszuprobieren.

Jonas Sagelsdorff, Geschäftsleiter Schweizerische Gesellschaft für ME & CFS

Dr. Michael Stingl, Neurologe, Facharztzentrum Votivpark, Wien

Ko-Autoren des D-A-CH Konsensus- Statements zur Diagnostik und Behandlung von ME/CFS

Der Artikel beschreibt die Grabenkämpfe um Long Covid treffend. Da in der Debatte auf beiden Seiten jedoch grundlegende medizinische Fakten ignoriert werden, handelt es sich um eine Debatte ohne Relevanz, wenn es darum geht, die Forschung und die Versorgung zu diesen Krankheitsbildern zielführend voranzubringen.

Erstens krankt die Debatte an mangelnder Kenntnis der Vielfältigkeit der Krankheitsbilder, die unter Long Covid gefasst werden. Nicht jede heftige Post-Covid-Fatigue ist ME/CFS. Zweitens wird das Diagnosezeitfenster verkannt. Die Diagnose ME/CFS wird erst nach sechs Monaten der Chronifizierung vergeben, weil es im frühen Verlauf häufig zu Spontanheilungen kommt. Der wichtigste Faktor für eine solche Stabilisierung oder gar Genesung ist, nicht durch die Symptome «durchzupushen», sondern dem Körper radikale Ruhe mit konsequentem Pacing und viel Bettruhe zu gönnen.

Als moderat ME/CFS-Betroffene, die durch Literaturrecherche den Weg der Besserung gefunden hat, weiss ich: Das dysregulierte Immunsystem mit den krankhaft veränderten T-Zellen kann sich in gewissem Mass selbst heilen, wenn man jeden weiteren Entzündungsschub (Crash) verhindert. Das Schlüsselwerkzeug dafür ist ein perfektes Belastungsmanagement.

Die ME/CFS-Community fokussiert ihr Lobbying völlig zu Recht auf die biomedizinische Forschung für Schwerbetroffene, deren Immunsystem nachweislich so schwer geschädigt ist, dass es sich nicht mehr selbst heilen kann. Wer eigene Heilungserfolge in der ME/CFS-Frühphase oder bei anderen Post-Covid-Subtypen als Beweis gegen die biomedizinische Realität von ME/CFS verkauft, betreibt keine Wissenschaft, sondern gefährliche Desinformation auf Kosten der Schwächsten.

Lina Walti, Zürich

Zu kurz gedacht

«Kommentar: Keinen Beton auf die Alp!», WOZ Nr. 28/26

Als Älplerin sind mir die Auswirkungen des Klimawandels und extremer werdende Wetterlagen bestens bewusst, der Aufruf zu einer effizienteren Wassernutzung ist logisch und notwendig. Ziegen sind in der Lage, vergleichsweise ressourcenschonend Milch und Fleisch zu produzieren, und sind wertvoll bei der Offenhaltung der Landschaft und somit für die Biodiversität. Aber Ziegenfleisch einigermassen rentabel zu vermarkten, ist – bis auf ein paar Wochen um Ostern – fast unmöglich. Für Ziegenmilch ist der Markt besser, aber auch hier sind die Grenzen schnell erreicht und die Abnahmemöglichkeiten gering.

Die Forderung nach mehr Ziegen auf den Alpen muss mit einer höheren Wertschätzung von Fleisch und Milch dieser Tiere einhergehen. Alles andere ist zu kurz gedacht.

Paula Löhring, per E-Mail

Schweiz mitschuldig

«Krieg im Sudan: Allerhöchste Alarmstufe», WOZ Nr. 28/26

Danke, dass ihr über den (absichtlich?) vergessenen Krieg berichtet. Aber es ist ein ängstlicher Bericht, nichts über die Tonnen Blutgold, die in der Schweiz gewaschen werden. Enttäuschend. Von der WOZ erwarte ich schon, dass ihr über die Verwicklungen der Schweiz informiert, auch wenn der Krieg im Sudan äusserst komplex ist.

Silvia Brennwald, per E-Mail

Sich nicht für eine Seite entscheiden

«Auf allen Kanälen: Mustergültige Marzili-Spirale», WOZ Nr. 28/26

Im ganzen aufgeregten Diskurs zu den Ereignissen im Marzilibad geht vergessen, dass wir es dabei mit mehr als nur einem berechtigten Schutzbedürfnis zu tun haben.

Unbestritten ist, dass die Badverantwortlichen mit dem Aufbieten der Polizei und der anschliessenden Verhaftung der trans Frau völlig überzogen reagierten. Der in der Folge gross orchestrierte Medienrummel diente nicht wirklich der Information, sondern primär der Selbstinszenierung.

Trotzdem führt uns eine differenzierte Analyse dieses Falls in ein eigentliches Dilemma. Sowohl der geschützte Raum von Frauen wie auch die umfassenden Rechte von trans Menschen sind ganz grundsätzlich schutzwürdige Bedürfnisse. Lösen lässt sich dieser Konflikt jedoch nicht, indem wir uns für die eine oder andere Seite entscheiden. Lösen liesse er sich nur im direkten, gleichberechtigten Dialog der Involvierten.

Denken wir an Rosa Luxemburgs Worte, gerichtet an ihre Mitstreiter:innen: «Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.»

Peter Baumgartner, St-Ursanne