Literatur : Wanderer am Ende der Zeit

Nr. 29 –

Der letzte Mensch auf Erden, was könnte das für einer sein? Hendrik Otremba findet in seinem neuen Roman einen faszinierenden Dreh für diese postapokalyptische Fantasie. Sein Protagonist kann nicht sterben: «Quälende Laune einer unbegreiflichen Natur. Der Menschheitstraum, sein Fluch.»

Oswalth Kerzenrauch heisst der Mann in «Der Gräber», ein fast etwas penetrant sprechender Name – eine Kerze raucht ja meist erst dann so richtig, wenn sie bereits erloschen ist. Einem Oswalth und einem Kerzenraucher konnte man schon auf «Kratermusik» (2024) begegnen, dem letzten Studioalbum von Otrembas Band Messer. Die Kraterlandschaft, die Kerzenrauch jetzt im Roman durchschreitet: Berlin. Oder das, was in dieser fernen Zukunft davon übrig ist.

Ganz leer ist es noch nicht auf der Erde, bald soll die letzte Raumfähre zum Ersatzplaneten abfliegen. Aber es kommen auch welche von dort zurück, darunter ein Söldner auf einer Mission und ein alter Dandy, der auf dem kaputten, entvölkerten Planeten seinen Nihilismus auskosten will. So ist plötzlich recht viel los auf dieser toten Menschheitsbühne – als sei es dem Autor doch nicht ganz geheuer gewesen, ohne Plot um diesen einsamen Wanderer zwischen den Überresten von heute, diesen «Flaneur am Ende der Zeit». Ruinenporno? Schon auch, aber das ist ein Etikett, mit dem man diesem dunkel schillernden Roman nicht gerecht wird.

Wer nicht sterben kann, hat ja auch viel Leben hinter sich. Virtuos schneidet Otremba zwischen den Lebensaltern seines unsterblichen Protagonisten hin und her, streift so durch die Epochen, zurück bis in unsere Gegenwart, in der sich der Abgrund bereits abzeichnet. Aber manchmal, da riecht es auch etwas streng hier. Das kommt vom Geschlechterbild dieses Romans, der seinem kaum alternden Kerzenrauch, ach, für jede Zeit auch eine eigene – sterbliche – Geliebte zur Seite stellt. Als Otremba im letzten Teil mit einem kosmischen Kniff so etwas wie eine postdystopische neue Perspektive aufscheinen lässt, hat man das fast verziehen. ●

Buchcover von «Der Gräber»
▶ Hendrik Otremba: «Der Gräber». Roman. März Verlag. Berlin 2026. 274 Seiten.