Open Air : Kein «shady business»

Nr. 29 –

Das Gurtenfestival verbietet das Depotsammeln. Das trifft manche empfindlich.

«Becherlen» sei ein anstrengender Job, erzählt Hubert Kostkiewicz, Musiker aus Breslau (Wrocław), am Telefon: vierzig bis sechzig Kilometer pro Tag am dauerlauten Festival und bei jedem Wetter, vom frühen Nachmittag bis tief in die Nacht hinein. Aber ein Job, der sich lohnt: 1500 bis 2000 Franken kommen jeweils pro Person zusammen, bei manchen sogar bis zu 3000 Franken. Ein ordentlicher Zustupf für Kostkiewicz, auch angesichts des polnischen Mindestlohns, der in den letzten Jahren zwar stetig gestiegen, aber immer noch tief ist: Heute liegt er bei umgerechnet circa 1000 Franken, vor zehn Jahren noch bei circa 500.

Kostkiewicz und einige seiner Freund:innen sind seit 2012 jeden Sommer an verschiedene Festivals in ganz Europa gereist, unter anderem ans Berner Gurtenfestival. Doch damit ist nun Schluss. Der Gurten verbietet ab diesem Jahr das gezielte Sammeln von Depotbechern (zwei Franken pro Stück) und Tellern und Besteck (je fünfzig Rappen). Über die gesamte Festivaldauer dürfen pro Person noch maximal zehn Depotartikel, die man nicht selbst gekauft hat, zurückgegeben werden. Weil «immer häufiger grössere Depot-Beträge ins Ausland überwiesen» wurden, geht das Gurtenfestival laut einer Mitteilung ans Publikum davon aus, dass es sich hier um «professionelle Organisationen handelt, die Depotsammler:innen anheuern». Und weiter: «Wir können nicht in Erfahrung bringen, ob diese Sammler:innen von diesen Organisationen fair bezahlt und gesetzeskonform versichert werden» – die Praxis entspreche deshalb nicht den «selbstauferlegten Standards in Sachen soziale Nachhaltigkeit».

Mini-Umverteilung

Kostkiewicz sagt, er habe natürlich nicht alle Sammler:innen gekannt, aber «professionelle Organisationen»? Das findet er eher unwahrscheinlich. «Shady business», krumme Geschäfte, habe er nie beobachtet. «Es kamen sehr unterschiedliche Leute, viele aus Osteuropa wie wir, andere aus Frankreich, Spanien, Deutschland.» Auch viele Aktivist:innen, Besetzer:innen, Künstler:innen, weshalb Kostkiewicz das Sammeln als eine Art Mini-Umverteilung von oben nach unten sieht, vom Grossfestival in kleine, lokale Kulturszenen in ganz Europa – wie jener in Breslau, der er selbst angehört. «Ich konnte mir mit dem Geld meine Musikinstrumente kaufen, eine Freundin hat sich das Studium finanziert, ein anderer Freund ein Musiklabel gegründet», sagt Kostkiewicz.

Die Argumentation in Sachen sozialer Nachhaltigkeit ist auch deswegen wacklig, weil es am Festival seit Jahren die sogenannten «Bäseler:innen» gibt, die frühmorgens zwischen 5 und 8.30 Uhr den Platz vom Müll befreien. Dafür gibt es keinen Lohn, sondern zwei Festivalpässe, ein Gurten-T-Shirt und ein Frühstück. Auf Anfrage schreibt das Gurtenfestival, dass rund ein Drittel der 1500 Helfer:innen eine solche Entschädigung statt eines Lohns bekommen; unfall- und haftpflichtversichert sind alle von ihnen. «Bäseler:innen» sind traditionell vor allem junge Leute, die sich sonst den Festivalpass nicht leisten könnten. Ein Skandal ist das nicht, ein Scheissjob ohne richtigen Lohn halt trotzdem.

In der Mitteilung ans Publikum schreibt das Gurtenfestival weiter, man habe «immer öfter […] die Rückmeldung erhalten, dass manche Depotsammler:innen die Depot-Becher harsch einfordern». Das gehe gegen den «Anspruch, unseren Besucher:innen ein rundum angenehmes und positives Festivalerlebnis zu bieten». Das kann sich Kostkiewicz zwar vorstellen. Er selbst hat das aber nicht beobachtet: «Als Sammler:innen haben wir ein Interesse daran, die Leute nicht zu verärgern.» Ein Grossteil ihrer Arbeit sei vom Publikum sowieso unbemerkt geblieben, weil dieser nicht daraus besteht, Leuten ihre Becher abzuschwatzen, sondern weggeworfene Depotartikel aus Mülleimern zu fischen.

Wohin das Geld geht

Was das «angenehme und positive Festivalerlebnis» angeht, da hat der Gurten in den letzten Jahren selbst nicht gerade geglänzt. 2023 wurde der Zeltplatz aufgehoben, weil er sich finanziell nicht mehr gelohnt habe. 2024 wurden für den dritten Festivaltag 7500 Tickets zu viel herausgegeben, was zu Warteschlangen und Gedränge führte. Erst Monate nach dem Festival gab die Leitung nach Recherchen der Zeitung «Bund» den – lukrativen – Fehler zu. Dieses Jahr wurde die Personenlimite um 2000 angehoben und mitten im Hitzejuni verkündet, es seien nur noch 0,5 Liter mitgebrachtes Getränk erlaubt (inzwischen wurde die Regelung leicht angepasst: Zusätzlich mitgebracht werden darf eine leere 1,5-Literflasche, die man dann auf dem Gelände mit Wasser auffüllen kann). Auch die Ticketpreise steigen kontinuierlich, mittlerweile kostet ein Viertagespass 367 Franken.

Wer sich über das Verhalten mancher Depotsammler:innen aufregt, könnte sich also stattdessen fragen, was man sich an einem Grossfestival sonst so alles gefallen lässt. Und von wem. Wo man sonst sein Geld liegen lässt und bei wem. «It’s a solidarity thing», sagt Kostkiewicz, der dieses Jahr nun zu Hause bleibt. ●