Rechtsterrorismus : Erinnern ist Widerstand

Nr. 29 –

Vor zehn Jahren erschoss ein Rassist im Münchner Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen. Der lange Kampf der Angehörigen gegen die Entpolitisierung des Anschlags weist weit über München hinaus.

Mahnmal mit Bildern der Opfer vor dem Münchner Olympia-Einkaufszentrum
«Viele von ihnen wären jetzt in ihren Zwanzigern»: Vor dem Münchner Olympia-Einkaufszentrum sind Porträts der Opfer an einem Mahnmal angebracht. Das Foto in der Mitte zeigt Can Leyla. Lennart Preiss, Getty

Gegenüber dem Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) im Münchner Stadtbezirk Moosach steht ein Mahnmal. «In Erinnerung an alle Opfer des rassistischen Attentats vom 22.07.2016» ist in den mannshohen, geschwungenen Edelstahlbogen eingraviert. Zwei Passantinnen halten inne, als ihre Blicke an den Porträts der Opfer hängen bleiben. «Krass, dass das schon zehn Jahre her ist», sagt die eine. «Viele von ihnen wären jetzt erst in ihren Zwanzigern», sagt die andere. Dann gehen sie schweigend weiter.

Ganz in der Nähe erschoss am 22. Juli 2016 ein achtzehnjähriger Münchner neun Menschen. Fünf von ihnen im McDonald’s vor dem Einkaufszentrum, vier vor und im OEZ. Sie hiessen Armela Segashi, Can Leyla, Dijamant Zabërgja, Guiliano Kollmann, Hüseyin Dayıcık, Roberto Rafael, Sabine Sulaj, Selçuk Kılıç und Sevda Dağ.

Deutsche Verkennung

Münchner:innen können meist noch heute ganz genau sagen, wo sie an jenem Freitag vor zehn Jahren waren. Knapp fünf Minuten lang fielen am frühen Abend Schüsse, stundenlang war die Stadt anschliessend in Angst versetzt. Denn während sich der Schütze versteckte, überschlugen sich die Falschmeldungen. Von bis zu drei Tätern mit Langwaffen war zeitweise die Rede. In der Innenstadt gerieten Menschen in Panik und berichteten von Schüssen an etlichen Orten, die sich später als Phantomtatorte herausstellten. Als Polizist:innen den Täter schliesslich auf dem Parkdeck des OEZ stellten, erschoss sich dieser selbst.

Das OEZ-Attentat von 2016 bezeugte, was sich auch davor schon erwiesen hatte und sich seither immer wieder bestätigen sollte: Deutschland hat ein Problem mit rechtem Terror. Zehn Menschen fielen nach der Jahrtausendwende den NSU-Terroranschlägen zum Opfer. In Halle scheiterte 2019 ein bewaffneter rechtsextremer Täter zunächst an der verriegelten Tür einer Synagoge und tötete anschliessend in deren Nähe zwei Menschen. Noch im selben Jahr ermordete in Kassel ein Rechtsextremist den CDU-Politiker Walter Lübcke, weil ihm dessen Engagement zugunsten Geflüchteter missfiel, und 2020 erschoss in Hanau ein Rassist zehn Menschen an zwei Tatorten.

Aber nicht nur in die Geschichte rechten Terrors reiht sich der OEZ-Anschlag ein, sondern genauso in die Geschichte von dessen Verkennung. Wie schon nach den NSU-Morden dauerte es Jahre, bis die rassistische und rechtsextreme Motivation des Täters anerkannt wurde. Zunächst stuften die Ermittlungsbehörden die Tat als «Amoklauf» und nicht als «Terroranschlag» ein: als Tat aus allgemeinem Menschenhass, nicht mit politischen und ideologischen Zielen. So äussern Angehörige und Freund:innen der Opfer bis heute neben grosser Trauer vor allem auch Wut und Enttäuschung: über das Versagen der Behörden, über das Ausbleiben von Unterstützung vonseiten der Stadt München. Und darüber, dass die Aufklärungsarbeit in weiten Teilen an den Hinterbliebenen selbst hängen geblieben ist.

Der «unpolitische Einzeltäter»

«Es war dieser verdammte Freitag», sagt Sibel Leyla. «Bis dahin hatten wir ein ganz normales Leben.» Ihr Sohn Can war vierzehn Jahre alt und hätte eigentlich auf dem Fussballplatz stehen sollen, doch weil das Training an jenem Abend ausfiel, verabredete er sich mit seinen Freunden im McDonald’s.

Sibel Leyla und ihr Ehemann Hasan sitzen in ihrem Wohnzimmer. Auf dem Tisch stehen Nüsse und Trockenfrüchte, an den Wänden hängen schwarz-weisse Fotos von Can, ihrem Jungen mit dem breiten Lachen. Als sich Hasan Leyla vorstellt, spricht er schon im zweiten Satz über seinen eigenen Vater: Der war 1966 als Gastarbeiter aus Antakya im Süden der Türkei nach Deutschland gekommen. «Wir sind eine der Familien, die dieses Land aufgebaut haben», sagt er. Das halbe Leben habe sein Vater in einer Giesserei geschuftet und sei kurz nach dem Renteneintritt gestorben. «Ich habe mich immer als Münchner gesehen», sagt Leyla. Seit dem 22. Juli 2016 fühlten er und seine Frau sich hier aber fremd.

Als sie damals von den Schüssen am OEZ erfuhren, riefen die Leylas als Erstes ihre Söhne an. Das Einkaufszentrum war weiträumig abgesperrt, und weil sie Can nicht erreichten, fuhren sie zu einer Sammelstelle für Menschen, die jemanden vermissten. Nach Stunden der Ungewissheit wurde ihnen abends um elf Uhr über eine Notruf-Hotline noch versichert: «Der Name Ihres Sohnes steht weder auf der Liste der Toten noch der Verletzten», rezitiert Leyla. Um drei Uhr morgens erlosch schliesslich die Hoffnung: Ein Polizist überbrachte ihnen die Nachricht von Cans Tod. «Keine psychologische Betreuung, nichts», sagt Hasan Leyla, «nicht mal nach Hause haben sie uns gefahren.» Über Tage wussten die trauernden Eltern nicht, wo sich der Leichnam ihres Sohnes befand.

Das rassistische Manifest, das der achtzehnjährige OEZ-Täter auf seinem Computer hinterliess, offenbarte seinen militanten Hass auf, wie er schrieb, «ausländische Untermenschen». Er bekannte sich zur damals noch jungen AfD. Er sympathisierte mit dem rechtsextremen 77-fachen Mörder von Utøya, wählte den fünften Jahrestag von dessen Anschlag in Norwegen für seine eigene Tat. Im Darknet besorgte er sich dieselbe Tatwaffe. In der Schule zeichnete er Hakenkreuze auf Schulbänke.

Drei Jahre und drei Monate, bis Oktober 2019, sollte es dennoch dauern, bis der Münchner Terroranschlag als solcher anerkannt wurde. Denn trotz der frühen Belege festigte sich bei Polizei, Politiker:innen und Presse schnell eine andere Erzählung: nämlich jene eines unpolitischen Einzeltäters. Ein polizeiliches Gutachten kam noch 2018 zum Schluss, es sei «nicht davon auszugehen, dass die Tat politisch motiviert war», unter anderem mit der Begründung, dass der Täter psychisch krank gewesen und gemobbt worden sei. Lange wurde auch auf dessen iranische Wurzeln hingewiesen, als würden diese ein rassistisches Tatmotiv ausschliessen. Und Bayerns damaliger Innenminister Joachim Herrmann argumentierte, der Täter habe schliesslich keiner rechtsextremen Organisation angehört.

Dabei entsprach das Täterprofil genau jenem des schon damals weitläufig bekannten «einsamen Wolfs»: Die Tat selbst führte er zwar allein aus, doch hatte er sich im Internet radikalisiert, bewegte sich in rechtsextremen Onlinemilieus und teilte auf der Gaming-Plattform Steam rassistische und antisemitische Vernichtungsfantasien. Erst 2019 wurde der Anschlag auf öffentlichen Druck hin neu evaluiert und vom bayerischen Landeskriminalamt als rechter Terror anerkannt.

Vernetzung und Anerkennung

Sibel und Hasan Leyla gehören zu jenen Angehörigen, die sich seit der Tat aktiv für eine sachgemässe Erinnerung engagieren. In der jahrelangen Fehldarstellung erkennen sie eine Entpolitisierung. «Diese Verharmlosung war nicht neutral», sagte Sibel Leyla in einer eindringlichen Rede, die sie diesen Frühling zum 20. Gedenktag für das NSU-Opfer Mehmet Kubaşik in Dortmund hielt: «Sie war eine Fortsetzung von Gewalt. Ein zweiter Angriff auf uns Familien, auf die Würde unserer Kinder, auf Wahrheit und Gerechtigkeit.» Erinnerung sei Widerstand, schlussfolgerte sie.

Schon nach den NSU-Morden waren es vor allem die Hinterbliebenen, die um eine angemessene Einordnung, um Aufklärung und Anerkennung kämpften – während sie medial durch den Begriff «Döner-Morde» gar noch stigmatisiert wurden. Und auch nach dem Attentat in München gab es kaum Institutionen oder Organisationen, die Erinnerungsarbeit geleistet hätten. Also nahmen Familien wie die Leylas das Heft selbst in die Hand: «Wir sind an so vielen Wochenenden auf eigene Faust und eigene Kosten durch ganz Deutschland gefahren, haben uns mit anderen Opferfamilien vernetzt, Gedenkveranstaltungen besucht, an Schulen gesprochen», sagt Hasan Leyla. Ihre eigene Trauer hätten sie dafür zur Seite schieben müssen, fügt Sibel an. «Nichts bringt Can wieder zurück», sagt sie, «aber wir müssen, leider, unseren Beitrag dazu leisten, dass niemand so etwas wie meine Familie erleben muss.»

Die OEZ-Hinterbliebenen gehörten zu den ersten Angehörigengruppen in Deutschland, die neben dem Trauern auch aktiv für eine politische und gesellschaftliche Einordnung des rechten Terrors kämpften. Ihre Arbeit trage sichtbar Früchte, sagt Sibel Leyla. Jahrelang hatte sie mit anderen Angehörigen etwa einen öffentlichen Gedenkraum gefordert. 2023 wurde in der Münchner Innenstadt der erste eröffnet, 2025 ein zweiter in Moosach. Bei dessen Eröffnung entschuldigte sich Grünen-Politikerin Mona Fuchs für das «Versagen der Stadt» und bedankte sich für das, was München von den Opferfamilien gelernt habe. «Es sind Momente wie diese, in denen wir merken: Wir machen das alles nicht umsonst», sagt Hasan Leyla. Seit 2022 organisieren sich mehrere der Opferfamilien sowie Unterstützer:innen im Verein «München erinnern!».

Offene Wunden auf der Bühne

Am Münchner Volkstheater wird seit letztem Jahr «Offene Wunde», ein dokumentarisches Theaterstück zur Tatnacht, aufgeführt. Es rekonstruiert diese aus Sicht der Geschwister von Opfern und behandelt auch die Jahre des Weiterlebens. Über ein Jahr lang führten die Regisseurinnen Christine Umpfenbach und Tunay Önder dafür mit sieben der neun Opferfamilien Gespräche. «Manche Angehörige hatten bis dahin noch nie so offen über das Attentat und ihre Gefühle dazu gesprochen», sagt Önder.

Wie aber lässt sich eine solche Tat respektvoll, ja erträglich auf einer Bühne darstellen? Das Bühnenbild im Volkstheater ist eine verbeulte Spiegelwand, in der sich das Publikum selbst sieht. In der Mitte klafft ein Loch. Fünf junge Darsteller:innen kommen als «Vertreter:innen» von sieben Familienangehörigen auf die Bühne. Önder erklärt, sie fungierten als «Stimmkörper von Menschen, die eine kollektive Erfahrung haben»; es gehe nicht darum, sie einzelnen Personen zuzuordnen. Bei den Proben seien die Angehörigen jederzeit willkommen gewesen.

An einem Vormittag im Mai besucht eine Schüler:innengruppe das Theater. Vor der Aufführung tritt Darsteller Enes Șahin auf die Bühne und spricht eine Triggerwarnung aus. Er beendet sie mit den Worten: «Aber was ist mit den Menschen, für die es keine Warnung gibt?» Der Raum mit 200 Jugendlichen ist so still, man würde eine Stecknadel fallen hören.

Der Tathergang wird von den Schauspieler:innen nicht gespielt, sondern erzählt. Andere Szenen, etwa den Grosseinsatz der Polizei oder Pressekonferenzen, stellen sie nach. Durch die Augen der Angehörigen werden die Menschen hinter der abstrakten Opferzahl sichtbar: Welche Talente und Träume sie hatten, welche Musik sie hörten, was sie als Bruder, Schwester oder Mutter auszeichnete. Und immer dann, wenn der Schmerz zu gross ist, um ihn in Worte zu fassen, erklingen Lieder. ●