Serhat Yıldırım : «Ich halte an der Hoffnung fest»
«Als die AKP 2002 an die Macht kam, hofften viele Menschen auf demokratische Reformen. Die neue Regierung schien bereit zu sein, alte Machtstrukturen aufzubrechen. Doch nach jeder gewonnenen Wahl verlor die Gewaltenteilung mehr an Bedeutung, während sich immer mehr Macht beim Präsidenten konzentrierte. Die Gerichte wurden zunehmend politisch beeinflusst.
Der Putschversuch vom Juli 2016 war für mich ein entscheidender Einschnitt. Ich erinnere mich gut an diese Nacht. Als wir nach Hause kamen, schaltete mein Vater den Fernseher ein. Erst da erfuhren wir, was geschehen war. Mein Vater reagierte sofort skeptisch: Ihm war der Ablauf suspekt, er passte nicht zu den teils sehr blutigen Militärputschen, die er aus früheren Jahren kannte.
Nach dem Putschversuch veränderte sich das politische Klima spürbar. Es kam zu Massenverhaftungen, Medien wurden geschlossen, kritische Stimmen gerieten noch stärker unter Druck. Diese Entwicklung veränderte die gesamte Türkei.
Für uns Kurd:innen traf diese neue Repression allerdings auf eine viel ältere Erfahrung. Unser Kampf um Sprache und Identität ist älter als die heutige Regierung, und der Putsch hat vor allem verstärkt, was vorher schon da war. Seit Generationen fordern wir die Anerkennung unserer Kultur und unserer Rechte. In den vergangenen Jahren haben sich die Einschränkungen weiter verschärft: Kulturelle Einrichtungen geraten unter Druck, kurdische Ortsnamen werden in türkische zurückverwandelt, kurdischsprachiger Unterricht bleibt eingeschränkt. Gleichzeitig sehe ich, dass viele Kurd:innen bewusster an ihrer Sprache und Identität festhalten – gerade weil sie bedroht sind.
Wenn ich von Freiheit spreche, meine ich deshalb zuerst das Recht, die eigene Kultur leben zu können. Eine Sprache bewahrt Erinnerungen, Literatur und Geschichte. Sie verbindet Menschen mit ihrer Herkunft und ihrer Gemeinschaft.
Freiheit bedeutet für mich auch, das eigene Leben mitgestalten und mich an politischen Entscheidungen beteiligen zu können. Von dieser Freiheit ist in der Türkei kaum mehr etwas übrig geblieben.
Trotz allem halte ich an der Hoffnung fest. Sie entsteht für mich aus den Erfahrungen früherer Generationen: Kurd:innen haben ihre Sprache und ihre Kultur immer bewahrt. Zehn Jahre nach dem Putschversuch wünsche ich mir vor allem eines: dass wieder mehr Raum entsteht für freie Meinungsäusserung und kulturelle Rechte – damit eines Tages niemand mehr dafür kämpfen muss, die eigene Identität frei zu leben.»
Serhat Yıldırım (37) lebt in Adıyaman. Er hat Kurdologie studiert und arbeitet heute als Landwirt und Musiker.