Tanz : Ein Werk ohne Ablaufdatum
Was geschieht mit den Stücken einer weltberühmten Choreografin nach deren Tod? Ein Treffen mit dem Sohn von Pina Bausch.
Pina Bausch ist das, was man eine Jahrhundertchoreografin nennt. Als sie 2009 überraschend starb, sass der Schock tief. Wie würde es mit ihrem Ensemble weitergehen? Würde es aufgelöst, und was würde mit dem grossen Stückerepertoire geschehen? Bausch hatte 1973 das Tanztheater Wuppertal Pina Bausch gegründet und mit ihm einen ganz eigenen Tanzstil kreiert, der als moderner deutscher Ausdruckstanz in die Annalen einging. Bis zu ihrem Tod brachte sie mit dem Ensemble fast jedes Jahr eine neue Choreografie heraus.
Salomon Bausch, Pinas Sohn, sass zum Zeitpunkt ihres Todes gerade über seiner juristischen Doktorarbeit. Schnell entschlossen gründete er die Pina Bausch Foundation. «Meine Mutter und ich haben viel darüber gesprochen, dass eine Stiftung eine gute Form sein könnte, um ihr künstlerisches Erbe in die Zukunft, über ihre aktive Zeit hinaus, zu sichern», sagt der alleinige Bausch-Erbe. Kurz nach dem Tod seiner Mutter war die Stiftung offiziell registriert, aber noch ohne Räume, Geld und Plan.
Mit Haut und Haar
Im Juni treffen wir Salomon Bausch am Tanzfestival Lugano Dance Project. Der 44-Jährige ist seit der Gründung Vorstand der Stiftung, vergibt Lizenzen und Urheberrechte und verfügt über einen nicht zu unterschätzenden Einfluss, wenn es um die Autorisierung der Werke seiner Mutter geht. Er habe die Stiftung unabhängig vom Wuppertaler Tanztheater geschaffen. «Ich hätte nicht darauf gewettet», so Bausch, «dass die Gelder für das Ensemble weiterhin fliessen und das Publikumsinteresse an den alten Bausch-Stücken bestehen bleibt.» Doch es zeigte sich, dass das Publikum bis heute ins Theater strömt, wenn Pina Bausch auf dem Programm steht.
Für Salomon Bausch ist das Verwalten des Erbes seiner Mutter eine Lebensaufgabe. Gerade deshalb mag er auch das Wort «verwalten» in diesem Zusammenhang nicht besonders, es klinge zu sehr nach Bürokratie. Bausch erzählt, dass seine Arbeit sehr viel mehr mit Menschen, mit Künstler:innen, zu tun habe. Diese Umgebung ist ihm von Kindesbeinen an vertraut, ist er doch in den Probestudios seiner Mutter gross geworden.
Nach Lugano ist er wegen der Aufführung des ikonischen Bausch-Stücks «Kontakthof» gekommen. 1978 uraufgeführt, ist diese Arbeit neben «Café Müller» (1978), «Nelken» (1982) und «Das Frühlingsopfer» (1975) eine ihrer berühmtesten und tourt bis heute international, getanzt von nachfolgenden jungen Tänzer:innen des Wuppertaler Tanztheaters Pina Bausch oder anderen Kompanien. Salomon wacht darüber, dass die Stücke seiner Mutter in deren Sinn und mit dem originalen Setting auf die Bühne kommen. Und doch veränderten sich die Stücke und seien nie gleich, je nach Publikum, je nach Befindlichkeit der Tänzer:innen, meint Bausch.
Besonders freue er sich über das am Lugano-Festival gezeigte, mit dem Londoner Theater Sadler’s Wells koproduzierte Werk, das im Nachsatz den Titel «Echoes of ’78» trägt. Nach eineinhalb Jahren Tournee war in Lugano die Dernière. Auf der Bühne standen nicht wie im Original-«Kontakthof» neunzehn Performer:innen, sondern gerade einmal acht. Es waren jene, die vor etwas weniger als fünfzig Jahren im ursprünglichen Cast getanzt hatten und heute zwischen siebzig und achtzig Jahre alt sind. Von den restlichen Ehemaligen sind einige schon verstorben oder gesundheitlich nicht mehr in der Lage aufzutreten. Das Besondere an diesem Projekt: Die Lücken wurden nicht mit jüngeren Tänzer:innen gefüllt, sondern bewusst leer gelassen.
Die australische Choreografin und Filmemacherin Meryl Tankard, die bis 1984 fest im Tanztheater Wuppertal engagiert und auch an der Uraufführung von «Kontakthof» beteiligt war, kennt Pina Bauschs Arbeitsstil bestens. Sie hatte diesen Abend neu arrangiert, ohne dabei Eingriffe in die Choreografie oder das Bühnenbild vorzunehmen. Sie überblendete aber das Livegeschehen mit Videomaterial von damals und machte daraus ein berückend schönes Stück über die Vergänglichkeit.
Das Erbe Pina Bauschs zu wahren, heisst in der Regel, dass deren Stücke eins zu eins wiedergegeben werden. Um sie lebendig zu halten, müssen sie vom Wuppertaler Tanztheater wie auch von anderen Kompanien aufgeführt werden. Schon zu Bauschs Lebzeiten kamen Anfragen von anderen Ensembles, die ihre Stücke aufführen wollten. Was damals eher selten war, geschieht heute häufiger. «Natürlich haben wir Videos und schriftliche Aufzeichnungen», sagt Bausch, «aber das Werk existiert nur auf der Bühne, anders als bei einem Gemälde, das man in einem Museum sachgemäss konservieren kann.» Darum sei es zentral, eine junge Generation Tänzerinnen und Tänzer nachzuziehen und sie mit Pina Bauschs Erbe vertraut zu machen, sagt Bausch.
Es ist das lebendige, in den Tänzer:innenkörpern gespeicherte Know-how, das von Generation zu Generation weitergegeben wird. Über fünfzig Choreografien hat Bausch kreiert. Dazu bewahrt die Stiftung viel Material auf, das inzwischen gut aufgearbeitet ist: Probennotizen, Programmzettel, Fotos, Interviews und Videomaterial. Dieses öffentlich zugängliche und kostenfreie digitale Videoarchiv ist in seinem Umfang einzigartig.
Ein radikaler Vorschlag
Aber wie lange kann man als Ensemble von Stücken Pina Bauschs zehren? Wie lange kann das Wuppertaler Tanztheater attraktiv bleiben und überleben? Dazu braucht es auch neue künstlerische Handschriften. Salomon Bausch beobachtet, dass sich viele junge Tanzschaffende in erster Linie deshalb bei der Kompanie bewerben, weil sie Werke von Pina Bausch tanzen wollen. Ihm scheint aber sehr wohl bewusst zu sein, dass es immer wieder neue Zugänge zum grossen Werk seiner Mutter oder «Auffrischung» durch neue Arbeiten von aussen braucht.
Seit 2009 hat es beim Wuppertaler Tanztheater auffallend viele Wechsel bei der künstlerischen Intendanz gegeben. Zuletzt nahm der französische Choreograf Boris Charmatz 2025 vorzeitig den Hut. Neben Stücken Pina Bauschs schuf er mit dem Wuppertaler Tanztheater auch eigene Werke und kam damit gut an. Doch Gerüchten zufolge soll seine siebenstündige Version «Forever – Immersion in Pina Bausch’s Café Müller» dem Erbverwalter in der freien Aneignung zu weit gegangen sein; es gab nach der Aufführung am Theaterfestival in Avignon keine weiteren mehr. Zwar ist Salomon Bausch ins Auswahlverfahren der Ensembleleitung nicht involviert, doch dürfte seine Meinung einiges Gewicht haben. Zum Abgang von Charmatz schwiegen sich alle Beteiligten aus. Auch Bausch selber lässt das Gerücht kommentarlos stehen.
Vor wenigen Jahren schlug der inzwischen verstorbene Raimund Hoghe (1980 bis 1989 Dramaturg bei Pina Bausch) vor, es wie der amerikanische Choreograf Merce Cunningham zu halten. Dieser verfügte testamentarisch, dass seine Company noch ein oder zwei Jahre mit seinen Stücken durch die Welt touren dürfe, sich dann aber auflösen müsse. Eine radikale, aber möglicherweise weise Entscheidung. Das Werk Pina Bauschs ist ohne Ablaufdatum. Ob das Gleiche auch für das Wuppertaler Tanztheater gilt, wird sich zeigen. ●