Tülay Korkmaz* : «Die Nacht veränderte meine Familie»
«Ich war fünfzehn Jahre alt, als der Putsch geschah. Ich sass mit meiner Familie in einem Café, als die ersten Meldungen über irgendwelche Unruhen im Land auf den Handys erschienen. Und plötzlich war dann von einem Putschversuch die Rede. Trotz allem blieben wir ruhig, wir gingen zu unseren Nachbar:innen und setzten uns dort vor den Fernseher.
Mir war in diesen Momenten die historische Bedeutung dieser Nacht nicht klar. Während meine Eltern schon erfolgreiche Militärputsche in der Türkei erlebt hatten, kannte ich diese Szenarien nur aus Geschichtsbüchern. Am nächsten Tag aber verstand ich, dass der Putschversuch unser Land verändern würde – und das nicht zum Guten. Es war ein Samstag, und die Nachrichten überschlugen sich mit Meldungen über massenhafte Festnahmen.
Trotzdem ging ich an diesem Tag zu meinem Coiffeurtermin. Das mag sich für Aussenstehende komisch anhören, aber ich wusste nicht, was ich sonst machen sollte. Nichts war eindeutig, und irgendwie mussten wir ja auch weitermachen. Mir ist die Aggressivität der Coiffeuse in Erinnerung geblieben. Es war spürbar, dass die Nacht sie mitgenommen hatte, und ich protestierte auch nicht, als sie fast schon an meinen Haaren riss. Eigentlich schämte ich mich, dass ich sie mit etwas so Profanem wie einem Haarschnitt belästigte, aber mir war gerade nach etwas Simplem.
Diese Nacht veränderte auch meine Familie. Wir gehören der Mittelklasse an, meine Eltern sind Arbeiter:innen und waren eigentlich politisch immer links gewesen. Aber nach dem Putschversuch wurden sie stiller. Sie hatten Angst um ihre Arbeit, Angst vor dem Staat. Die Regierung, so sagten sie mir, werde immer verrückter. Niemand würde uns unterstützen, wenn wir fielen.
In den drei Jahren Ausnahmezustand erlebten wir täglich, dass Menschen wegen ihres Widerstands gegen die Regierung festgenommen wurden. Also beschränkten wir unsere kritischen Gespräche auf unser Zuhause und sprachen nur mit Menschen, die wir kannten und denen wir vertrauten, über die Dinge. Wer sich mit der Politik anlegt, der verbrennt sich in diesem Land, predigte mir meine Mutter – und ich muss ihr bis heute versprechen, dass ich mich daran halte.»
* Von der Redaktion anonymisiert. Die 25-jährige Studentin lebt in Diyarbakır.