Weltraumfantasien : Flucht zum Mars

Nr. 29 –

Als uns vor fünfzig Jahren erstmals Fotos vom Mars erreichten, war die Enttäuschung gross. Trotzdem wurde die rote Wüste zum neuen Wilden Westen umgeträumt.

historische Marskarten von Eugène Antonialdi und Aufnahmen des Mars vom Hubble-Teleskop
Kanäle auf dem Mars? Auf der Karte nach den Beobachtungen des Astronomen Eugène Antonialdi von 1894 sind sie eingezeichnet. Die Aufnahme des Hubble-Teleskops von 2003 zeigt, dass solche Strukturen nicht in dem Ausmass existieren. Encyclopaedia Britannica, Getty

Am 21. Juli 1976 schickte Viking 1 die ersten Farbfotografien zur Erde. Tags davor war die Sonde der Nasa nach fast einem Jahr Flugzeit auf dem Mars gelandet. Im Jet Propulsion Laboratory in Kalifornien zeigte sich die Oberfläche des Roten Planeten, Datenzeile um Datenzeile. Als der erste Fels erkennbar war, wurde laut gejubelt. Ein Ingenieur, der die Auswertung der Bilder leitete, meinte: «Man wartet geradezu darauf, dass Kamele hinter den Dünen hervorkommen. Leider sehen wir weder Kamele noch sonst irgendwelche Lebewesen.»

Das war mehr als ein flacher Witz, denn die Erwartungen waren hoch gewesen. Im Umfeld der Viking-Mission hatte es Stimmen gegeben, die sich dafür aussprachen, die beiden Sonden so auszustatten, dass sie auch nachtaktive Tiere fotografieren oder sogar Köder auslegen könnten. Doch selbst in den Bodenproben der Viking konnten nicht einmal Mikroorganismen nachgewiesen werden.

Bis 1982 sollten die Sonden noch Zehntausende Bilder schiessen. Und mit jedem Bild wurde der Mars leerer. Der Philosoph Hans Blumenberg nörgelte, kaum je sei eine Neugierde «so rapid geschwunden, in sich zusammengesunken, wie das Interesse am Planeten Mars». Der Mars habe sich als ein «Reich der Langeweile» entpuppt.

Knospende Marsianer ohne Darm

Die Menschheit hat sich leere Flecken auf der Karte immer schon vollgeträumt. Homers «Odyssee» wäre eine lasche Segelsportgeschichte ohne all die Monster, die dem Helden auf Inseln auflauern. In der Neuzeit weitet sich die Fantasie himmelwärts – selbst der Astronom Johannes Kepler, der eine der Mathematik verpflichtete Astronomie forderte, schrieb mit dem «Traum vom Mond» (1609) eine der ersten Geschichten über Aliens. Als die Geräte, mit denen man ins All starrt, präziser werden, entvölkert sich der Mond in den Köpfen.

Der Glaube, dass auch die anderen Planeten im Sonnensystem belebt sind, erhält im 19. Jahrhundert durch wissenschaftliche Erkenntnisse einen Schub: Alle Planeten schienen aus denselben chemischen Elementen zu bestehen wie die Erde, und es wurde bewiesen, dass organische Stoffe aus unorganischen synthetisiert werden können. Kombinierte man dieses Wissen mit Charles Darwins Evolutionstheorie, konnte man daraus schliessen: Leben konnte theoretisch überall entstehen und sich in alle Richtungen entwickeln.

Am ehesten erwartete man Leben auf dem Mars. Trotz seiner geringeren Grösse schien er der Erde am ähnlichsten: Ein Tag dauert dort auch etwa 24 Stunden, seine Rotationsachse neigt sich ähnlich zur Sonne wie die der Erde, und seine Polkappen sind ebenfalls vereist. Grossen Flächen auf dem Mars hat der Mensch Namen wie Mare Erythraeum oder Mare Sirenum gegeben – heute weiss man, dass es sich dabei vermutlich tatsächlich um Ozeane gehandelt hat und die Bedingungen auf dem Roten Planeten früher freundlicher waren.

In seinem Roman «Krieg der Welten» von 1897 beschreibt H. G. Wells den Mars als einen sterbenden Planeten, mit dünner Luft und beissender Kälte. Doch diese feindliche Umgebung hat die Marsbewohner nur gestählt: «Der unmittelbare Druck der Not hat ihren Verstand geschärft, ihre Kräfte erhöht, ihre Herzen verhärtet.» Wells inszeniert Darwins Evolutionstheorie als Horror der Effizienzsteigerung: Seine Marsianer brauchen keine Fortpflanzung, sie knospen sich einfach ab, sie haben keinen komplexen Verdauungsapparat nötig, sie saugen das Blut ihrer Opfer direkt in ihren Blutkreislauf.

Wells’ Erzähler zeigt durchaus Verständnis dafür, dass diese perfekten Kriegsmaschinen auf der Erde einfallen, um ihre Gattung zu retten: Wir Menschen hätten ja auch etliche Tierarten ausgerottet und seien gegen «inferiore Rassen» wenig gnädig gewesen. In der Invasion durch die Aliens wird das koloniale Skript umgedreht, mit dem britischen Empire als Opfer.

Erstaunlich viele Marsfiktionen vor den beiden Weltkriegen waren allerdings äusserst friedlich. Das hatte seinen Grund in einer wirkmächtigen Wissenschaftsfantasie des späten 19. Jahrhunderts: 1877 hatte Giovanni Virginio Schiaparelli, Direktor der Sternwarte von Mailand, die günstige Nähe des Mars für Beobachtungen genutzt – und auf dem Planeten Kanäle entdeckt.

Schiaparelli sah den Mars durchzogen von linienartigen Vertiefungen, er sprach von «canali». Das kann man als «Furchen» oder als «Flussbetten» übersetzen – oder eben als «Kanäle», was dann nahelegt, dass jemand sie künstlich angelegt haben muss. Astronomen wie der Franzose Camille Flammarion oder der US-Forscher Percival Lowell sahen in Schiaparellis Entdeckung den endgültigen Beweis für intelligentes Leben auf dem Mars, da die Marsianer es offenbar geschafft hatten, den Planeten durch geschickte Bewässerung lebenswert zu erhalten.

Das Paradies der Sozialisten

Im gleichen Jahr wie «Krieg der Welten» erschien der Roman «Auf zwei Planeten» des Deutschen Kurd Lasswitz. Auch Lasswitz’ Marsianer fliegen zur Erde, mit dem Ziel, die unterentwickelte Menschheit gegen deren Willen mit ihrer «vieltausendjährigen Kulturarbeit» zu beglücken. Doch werden sie äusserst schmeichelhaft dargestellt: Sie sind rücksichtsvoller als Menschen, essen ausschliesslich vegetarisch, die Gesellschaft ist demokratisch organisiert, und das Lesen von Zeitungen (auch oppositionellen!) ist Pflicht. Der Betrieb des komplexen Kanalsystems prägt die Politik der Eintracht auf dem Mars, die Not führt nicht zur Verhärtung wie bei Wells, sondern fördert die Gemeinschaft.

Schiaparelli selbst blieb lange vorsichtig mit solchen Deutungen der «canali». Erst später zog er in Erwägung, dass der Mars nicht nur das «Paradies der Wasseringenieure», sondern auch das «Paradies der Sozialisten» sei. Ihre deutlichste Ausprägung fand diese Idee beim russischen Mediziner Alexander Bogdanow, den Lenin ermutigt hatte, einen utopischen Roman zu schreiben. In Bogdanows «Der rote Stern» von 1908 erhält der Protagonist eine Führung auf dem Mars, der ein kommunistisches Paradies ist: Sogar die Pflanzen sind hier rot. Lenin mochte den Roman letztlich nicht, enthielt er doch einige unorthodoxe Untertöne, unter anderem, dass die Marsbevölkerung ihre Revolution ohne Blutvergiessen vollzogen hatte.

Nach 1900 verschwand die Marskanäle-These wieder aus der Astronomie. Die «canali» hatten sich als optische Täuschungen erwiesen, befördert durch Schiaparellis Kurzsichtigkeit. Doch seine Theorie beflügelte weiterhin Marsutopien auf der ganzen Welt und beeinflusste so nicht zuletzt die Kindheit jener Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg die Raumfahrt vorantrieben – in den USA und der UdSSR.

Die Fantasie von kooperativen Gemeinschaften im All überlebte sehr populär im «Star Trek»-Universum mit seinen divers zusammengesetzten Crews und diesen Interieurs mit dem spröden, aber hoffnungsvollen Charme von Uno-Konferenzsälen. Der techfaschistische Palantir-Gründer Peter Thiel sagte einmal wenig überraschend, «Star Trek» sei kommunistisch, er bevorzuge «Star Wars».

Dabei beschränkte sich das Ideal des Gemeinbesitzes im All nicht auf Science-Fiction: Noch 1967 war das All im Weltraumvertrag der Vereinten Nationen zur «terra nullius» erklärt worden. Das bedeutete, dass Staaten zum Beispiel Planeten nicht erobern durften, aber auch, dass Ressourcen, die im All gewonnen werden, der Menschheit als Ganzes dienen sollten.

In den Jahren nach der Landung der beiden Viking-Sonden gerät dieser universalistische Blick ins All zunehmend unter Druck. Der Enthusiasmus der Mondlandung von 1969 liess sich sieben Jahre später nicht mehr wiederholen. Spätestens unter Ronald Reagan gewinnen die Lobbyist:innen, die das All kommerziell nutzen wollen, die Oberhand.

Zauberwort «Terraforming»

Der Blick vom Mond auf die Erde hatte die Wertschätzung der blauen Kugel gesteigert, ihr Foto stieg zu einer Ikone der Umweltschutzbewegung auf. Diese veränderte auch den Blick auf den Verschwendungstaumel des Nachkriegsbooms. 1972 zeigte der Club of Rome in seinem Bericht «Die Grenzen des Wachstums», dass die modernen Industriegesellschaften die Ressourcen des Planeten innert Kürze aufgebraucht haben würden.

Eine Reaktion darauf war die Entwicklung eines grünen Bewusstseins. Eine andere war die Flucht in technischen Optimismus: Wenn ein Planet nicht reicht, muss die Menschheit halt expandieren. Ein Entwurf, wie das aussehen könnte, kam von Gerard O’Neill, einem Physiker der Princeton University, bei dem später auch Amazon-Gründer Jeff Bezos studieren sollte. Bereits Mitte der 1970er plädierte er dafür, die Erde zu verlassen, um in gigantischen fliegenden Zylindern künstliche Welten im All zu errichten – unter der Leitung privater Unternehmen. Die Zylinderform sorgt für künstliche Schwerkraft durch Rotation, die Menschen leben darin auf gekrümmten grünen Wiesen. «The High Frontier» hiess O’Neills Buch von 1976.

Die Frontier, das war die sagenumwobene äussere Grenze des Siedlerkolonialismus in den USA. Sie produzierte endlos Geschichten von Menschen, die in der Wildnis ein neues Leben aufbauen, ohne den Ballast der alten Welt. So zum Beispiel «Unsere kleine Farm», eine serielle Romanverfilmung über eine Farmerfamilie in Kansas, die ab 1974 sehr erfolgreich im US-Fernsehen lief (zwei Jahre später dann auch im deutschen Fernsehen); und seit kurzem zeigt Netflix eine Neuauflage dieser Serie. Solche rückwärtsgewandten Fantasien erzählen vom Wunsch, in eine scheinbar unberührte Landschaft aufzubrechen, um dort sein Glück zu versuchen.

Die Fotos vom Mars, die 1976 die Erde erreichten, kamen dem entgegen und liessen sich passgenau in diese Fantasien integrieren: Die roten Felsen erinnern an das Monument Valley, die Weite, die sich im Horizont verliert, liess den Wilden Westen auferstehen. Wie die Soziologin Janet Vertesi feststellte, hat sich das Spiel mit den Bildklischees der Pionierzeit in späteren Marsmissionen stets verdichtet, etwa in Fotos, die zeigen, wie ein Mars-Rover in den Sonnenuntergang «reitet». Die Leere der Wüste wird zum Versprechen von Freiheit.

Zur Frontier als mythologischem Glutkern des amerikanischen Traums gehört auch der Wille, sich der Natur in aller Härte auszusetzen und das Land urbar zu machen. Der Mars hält diesbezüglich einige Herausforderungen bereit. Denn obschon er der Erde aus astronomischer Sicht gleichen mag, seine Oberfläche ist eine lebensfeindliche Hölle. Ohne Schutzanzug würde der Speichel der mutigen Astronaut:innen sofort zu kochen beginnen, wenn sie den Mund öffneten, sofern sie nicht ohnehin schon erstickt wären. Das, obwohl es eiskalt ist: Denn die Atmosphäre des Mars ist äusserst dünn, so etwas wie Luftdruck (oder Atemluft) existiert nicht.

Doch Durchhalten ist angesagt: «Interplanetares Leben ist ein rein technisches Problem, wie jedes andere», sagt die Space-X-Ingenieurin Shana Diez in «Mars» (2016–2018), einer Dokufiktionserie von National Geographic. «Man braucht nur Menschen, die extrem hart daran arbeiten.» Ihr Chef, der Weltraumentrepreneur Elon Musk, sieht das ähnlich. Für ihn ist der Mars ein ­«fixer-upper of a planet» – womit er meint, dass der Planet vielleicht etwas renovationsbedürftig sei. Natürlich müsse man anfangs in künstlichen Atmosphären unter Glaskuppeln leben, später werde man aber durchaus erdähnliche Zustände erreichen.

Wie die Romanciers hundert Jahre vor ihm sieht Musk die Lösung darin, die Elemente, die an den Polkappen festgefroren sind, auf dem Planeten zu verteilen. Doch dafür braucht er keine komplexen Gesellschaftssysteme: Um 2015 propagierte Musk, man solle die Pole des Mars mit Atombomben beschiessen, damit das gefrorene CO₂ verdampft und so die Atmosphäre verdichtet. Später krebste er leicht zurück und meinte, er wolle einfach zwei künstliche Sonnen installieren, um den Mars aufzuwärmen.

Hinter dem Techoptimismus von Leuten wie Musk steckt das Zauberwort «Terraforming», also die Vorstellung, dass man mit menschlichen Eingriffen künstlich eine Atmosphäre schaffen könne. Der Astrophysiker Adam Becker zerpflückt in seinem Buch «More. Everything. Forever» (2025) mit grossem Vergnügen diesen Zukunftsirrsinn der Techbros. So bleibe auch bei einer funktionierenden Atmosphäre noch immer das Problem der mangelnden Schwerkraft auf dem Mars: Können Kinder normal wachsen, wenn die Marsanziehung nur ein Drittel jener der Erde ausmacht?

Doch auch wenn man einer Firma wie Space X zutrauen mag, dass sie ihren Arbeiter:innen auf dem Mars Luft im Litermass verkaufen und Kinder jahrelang in Zentrifugen halten würde, bleibt ein weiteres Problem: Auf der Erde schützt uns ein intaktes Magnetfeld vor der kosmischen Strahlung. Auf dem Mars gibt es das nicht, was die Wahrscheinlichkeit, an Krebs zu sterben, immens steigert. Und dieser Schutzschild lässt sich nicht terraformen.

Selbst eine Space-Robinsonade wie der Spielfilm «Der Marsianer» (2015), in dem ein zurückgelassener Astronaut aus dem gesammelten Kot der Crew eine Plantage zaubert, ist noch zu idyllisch. Der Dokumentarfilm «Letzte Ausfahrt: Weltall» (2022), der sich den Hindernissen der Besiedlung des Weltalls widmet, formuliert es lakonisch: Ja, vielleicht könne man irgendwann irgendwie auf dem Mars leben. Aber die heldenhaften Aussiedler:innen würden dann wohl, um vor der Strahlung geschützt zu sein, in einer Art bunkerartigem Amazon-Logistikzentrum darben müssen und ihren recycelten Urin trinken.

Man kann sich lebhaft vorstellen, wer diese Terraformingversuche am eigenen Leib bis zum Krebstod absolvieren darf – die Techmillionäre selbst werden es, trotz Musks Wunsch, einst auf dem Mars zu sterben, kaum sein. Es wird im neuen Wilden Westen keine Space-Cowboys geben – bestenfalls rechtlose Wanderarbeiter:innen.

Für die Menschheit?

Aber wozu dann all die Sehnsucht nach einem vertrockneten, kalten Wüstenplaneten? Google-Gründer Larry Page feiert Musks Marspläne als pure Menschenfreundlichkeit: «Musk will zum Mars fliegen, um der Menschheit eine Absicherung zu bieten. Das ist ein lobenswertes Ziel … und es ist philanthropisch.» Tatsächlich hat Musk mehrmals erwähnt, man müsse den Fortbestand der Menschheit sichern, indem man die Menschheit auf anderen Planeten ansiedele, der Mars solle als «Back-up» dienen, sollte die Erde einmal nicht mehr bewohnbar sein.

Adam Becker zeigt in seinem Buch eindringlich, warum man diese Ideen nicht als menschenfreundliche Bubenträume missverstehen sollte. Die Kolonien im All, von denen Männer wie Musk und Bezos träumen, funktionieren wie ultralibertäre Mikrostaaten auf Bohrinseln und Pontons, die dazu dienen, Steuern, Arbeitsrechte und Nachhaltigkeitsvorgaben zu umgehen. Der Traum von der neuen Frontier erweist sich so als Mutation der wirtschaftsliberalen Wachstumsideologie: Man blickt auf die Menschheit wie auf ein börsenkotiertes Unternehmen.

Doch überschätzt man die Herren bereits, wenn man ihre Businesspläne zu einer neuen Welt auf dem Mars ernst nimmt. Angesichts der Tatsache, dass es vor Ort einen für Lebewesen beeindruckend ordentlich eingerichteten Planeten gibt, den es bewohnbar zu halten gilt, sollte klar sein: Das Geschwafel von Terraforming zwecks Rettung der Menschheit zielt am Ende vor allem darauf ab, bei dieser Aufgabe zu kneifen. ●

Literatur:

David Baron: «The Martians. The True Story of an Alien Craze that Captured Turn-of-the-Century America». New York 2025.

Adam Becker: «More. Everything. Forever. AI Overlords, Space Empires, and Silicon Valley’s Crusade to Control the Fate of Humanity». New York 2025.

Helga Abret, Lucian Boia: «Das Jahrhundert ­ der Marsianer». Wilhelm Heyne Verlag (Bibliothek der Science-Fiction-Literatur, Band 32). München 1984.

Janet Vertesi: «Seeing Like a Rover: How Robots, Teams, and Images Craft Knowledge of Mars». Chicago/London 2015.