Wetterleuchten : Mascha und der Oligarch
Anna Jikhareva über westliches Wunschdenken
Am Wochenende verschlug es mich in Zürichs Alten Botanischen Garten. In schönster Sommerkulisse lud hier ein prestigeträchtiges Literaturfestival zum «explosiven Gespräch» über die «politische Sprengkraft von Kunst». Und wer könnte für dieses von Feuilleton und Literaturbetrieb so geliebte Thema geeigneter sein als Theatermacher Milo Rau und die russische Konzeptkünstlerin Maria «Mascha» Aljochina?
Rau, der zuletzt ein paar missglückte «Mit Rechten reden»-Versuche gestartet hatte, hielt sich im Gespräch angenehm zurück und überliess die Bühne Aljochina, die einst mit der Punkband Pussy Riot in Putins Reich für Furore sorgte und dafür zwei Jahre ins Straflager musste. Und Aljochina wusste diese Bühne für sich zu nutzen. Die Aktivistin sprach über ihr Gefühl, für Russlands Krieg gegen die Ukraine mitverantwortlich zu sein, und ihre aus diesem Gefühl der Verantwortung erwachsene Unterstützung für das angegriffene Land. Vor allem aber verwies sie auf die westliche Gleichgültigkeit gegenüber einem Krieg, der schon mehr als vier Jahre dauert und unzählige Todesopfer fordert. In bester Pussy-Riot-Manier brachte sie die Untätigkeit des Westens auf den Punkt: «Eine Rakete für Putins Körper wäre schön. Aber ich habe keine, und jene, die welche haben, hatten nicht die Eier.»
Je länger Aljochina redete, desto weniger wollte das Gesagte zur fröhlichen Sommerstimmung passen – auch wenn der Moderator sich alle Mühe gab, noch jede ihrer Aussagen ins Unpolitische zu verkehren. Das versammelte Zürcher Bürgertum rutschte derweil immer peinlicher berührt auf seinen Stühlen umher. Zu unbequem war wohl, was die Russin da von der Bühne rief, zu nah rückte plötzlich die Realität eines Krieges, den man sonst so gerne verdrängt.
Ebenfalls am Wochenende sorgte ein anderer Russe für Gesprächsstoff. Aufwendig inszeniert vom britischen «Economist», durfte der milliardenschwere Oligarch Andrei Melnitschenko – basierend auf «fast sechzig Stunden Interviews» – auf vielen Magazinseiten seine Sicht der Dinge darlegen. Die Gedanken des Mannes, der in Zug einen erfolgreichen Düngemittelkonzern besass, bevor er mit Sanktionen belegt wurde und nach Moskau zurückkehrte, sind schnell zusammengefasst: Melnitschenko warb für eine stärkere Rolle für die Wirtschaftselite (also sich selbst) bei der Gestaltung von Russlands Zukunft – und warnte vor einer Isolation oder gar dem Zerfall des Landes. Von schlechtem Gewissen, gar dem Gefühl einer Verantwortung für das Leid, das Russland täglich über die Ukrainer:innen bringt, keine Spur.
Einen Putin-treuen Milliardär, der sich nie als Kriegsgegner hervortat, als «Mann, der Russland verändern würde» vorzustellen, zeugt primär von realitätsfernem Wunschdenken. Wohl in der Hoffnung, dass da jemand das Parkett betreten hat, der eine andere Politik verfolgen, die Beziehungen zum Westen normalisieren – und den Weg für westliches Kapital wieder ebnen würde. Dass er dies ohne Erlaubnis des Manns im Kreml tat, ist kaum vorstellbar. Eher ist davon auszugehen, dass Melnitschenko dem Westen lediglich Putins Kunde überbrachte.
Im Westen, dachte ich nach diesem russischen Wochenende, hat man schon immer lieber jenen zugehört, deren Aussagen sich mit den eigenen Interessen deckten. In Russland sind derweil zahlreiche Warnerinnen und Kritiker in Straflagern verschwunden oder wurden ermordet. «Haben Sie das Gefühl, der Westen versteht Russland?», fragte der Moderator im Botanischen Garten Mascha Aljochina irgendwann. «Nein. Nächste Frage», antwortete sie bloss lapidar. ●
An dieser Stelle nehmen die WOZ-Journalist:innen Anna Jikhareva und Daniel Hackbarth abwechselnd die politische Grosswetterlage unter die Lupe.