Widerstand in Tansania : «Wenn wir nicht kämpfen, wer dann?»

Nr. 29 –

Getötete Demonstrierende, verschwundene Regimekritiker:innen: Tansania wurde in den letzten Jahren zur blutigen Blackbox.

Proteste bei den Wahlen 2025 in Arusha
Die Menschen verlangen Aufklärung: Bei den Wahlen 2025 eskalierte auch in Arusha die Gewalt. Keystone

Als der Fahrer hinter ihm in hohem Tempo aufschloss, dachte David Djumbe zuerst, der andere habe es eilig. Djumbe, Mitglied der wichtigsten tansanischen Oppositionspartei Chadema, war an jenem Abend Ende Mai in der tansanischen Küstenmetropole Daressalam zusammen mit einem Freund auf dem Heimweg und nur noch wenige Meter von zu Hause entfernt. Er liess das Auto vorbei. Doch nach dem Überholen zwang dieses Djumbe zum Halten, eine Gruppe von Männern stieg aus. «Sie waren mit Gewehren bewaffnet», erinnert sich Djumbe. Spätestens da ahnte er, dass er entführt werden sollte. «Viele meiner Freunde sind schon gekidnappt worden und nie wieder aufgetaucht. Ich fragte mich, ob das jetzt mein Ende ist.»

Die verflogene Hoffnung

David Djumbe erzählt das in einem Wohnzimmer in einem anderen afrikanischen Land. Er und der Freund, mit dem er aus dem Auto der Entführer entkommen konnte, sind aus Tansania geflohen. Trotzdem haben sie immer noch Angst, gehen kaum vor die Tür, leben fast wie Gefangene. Der 49-Jährige ist der persönliche Assistent von Tundu Lissu, einem der bekanntesten Oppositionspolitiker:innen in Tansania. 2017 überlebte Lissu einen vermutlich politisch motivierten Mordanschlag knapp: Mehr als dreissig Mal wurde auf sein Auto geschossen, Lissu von sechzehn Kugeln getroffen. Jahrelang musste er im Ausland behandelt werden und blieb anschliessend im Exil, denn in Tansania war immer noch der autoritär regierende John Magufuli an der Macht.

Die Hoffnung auf eine Verbesserung kam 2021: Nach Magufulis überraschendem Tod rückte Samia Suluhu Hassan nach, seine Stellvertreterin. Die Lage für die Opposition schien sich zu verbessern, und Lissu kehrte 2023 nach Tansania zurück. Doch die Entspannung dauerte nicht lange: Im April 2025 wurde der Oppositionspolitiker festgenommen und wegen angeblicher Anstiftung zum «Unfrieden» und wegen Hochverrat angeklagt. Lissu hatte unter anderem Reformen des Wahlrechts gefordert und Kritik an der Wahlkommission geäussert. Tansania bereitete sich damals auf die Parlaments- und Präsidentschaftswahlen vor, die am 29. Oktober 2025 stattfanden – ohne die beiden grössten Oppositionsparteien, die davon ausgeschlossen worden waren.

Die Wahl, die Hassan offiziell mit 97,66 Prozent der Stimmen gewann, wurde zum blutigen Höhepunkt der Repression in Tansania. Tausende protestierten gegen den Ausschluss der Opposition, die Sicherheitskräfte reagierten mit scharfer Gewalt. Die Opferzahlen reichen je nach Quelle von offiziell mindestens 518 Toten bis zu 3000 laut Schätzungen. Zudem sind etliche Menschen verschwunden, Regierungskritiker:innen sprechen von mindestens fünfzig. Weil die Regierung den Internetzugang rund um die Wahlen gekappt hatte, drangen kaum Informationen nach aussen. Bis heute ist der Zugang für Journalist:innen aus dem Ausland stark eingeschränkt, auch die tansanischen Medien sind unter Druck. So ist Tansania, das lange als friedliches Musterland Ostafrikas galt, zu einer Art Blackbox geworden.

Uno-Expert:innen warnten schon im Sommer 2025 vor einem Muster des Verschwindenlassens: Allein zwischen 2019 und Juni 2025 wurden demnach mindestens 200 Kritikerinnen, Journalisten und Menschenrechtsaktivist:innen entführt, nur wenige sind wieder aufgetaucht. Die Regierung kündigte Untersuchungen dazu an; offizielle Ergebnisse wurden bislang jedoch nicht veröffentlicht.

Die wachsende Wut

Auf dem T-Shirt, das Djumbe in seinem Zufluchtsort trägt, steht «Free Tundu Lissu», denn der ist noch immer in Haft. Dass Djumbe an jenem Abend im Mai lebend davonkam, verdankt er Motorradfahrern, die Zeugen der Entführung wurden – die «Boda Boda Rider» genannten Motorradtaxifahrer sind auf den Strassen Daressalams allgegenwärtig. Einige von ihnen hätten das Verbrechen verhindern wollen, immer mehr schlossen sich der Verfolgungsjagd an, bis es gemäss Djumbes Freund zwischen dreissig und fünfzig gewesen sein dürften. Buchstäblich in die Enge getrieben, hielten die Entführer schliesslich an, um auf ihre Verfolger zu schiessen und sie so zu zerstreuen. In diesen Minuten schaffte es Djumbe, sich trotz Handschellen aus dem Auto zu befreien.

Portraitfoto von David Djumbe
Nach einem Entführungsversuch ins Exil geflüchtet: David Djumbe. Annalena Hart

Baraka Juma* ist einer der Motorradfahrer, die den Entführern hinterhergejagt waren. Mit einem Kollegen ist er für ein Treffen in den Norden Daressalams gekommen – unter der Bedingung, dass ihre richtigen Namen nicht genannt werden. Leise und sachlich erzählt Juma, dass er an jenem Maiabend tatsächlich ein Verbrechen verhindern wollte – aber geglaubt habe, es handle sich um einen Autodiebstahl. Im Nachhinein sei er natürlich froh, dass die hochriskante Rettungsaktion ein Erfolg war. Er fühle mit der Opposition und den Kritiker:innen der Regierung: «Sie sprechen für uns alle und werden dafür von der Regierung misshandelt oder entführt.» Trotzdem sei er kein Mitglied der Opposition. «Manche von denen handeln auch nur aus Eigennutz», sagt Juma. Mehrere Menschen berichten gegenüber der WOZ, dass sich die Boda Boda Rider in Tansania immer häufiger zusammentun würden, um zu verhindern, was sie als ungerecht empfänden. Meist verteidigen sie dabei einen der ihren, aber offenbar zunehmend auch andere Opfer.

In Tansania hat die Gewalt rund um die Wahlen von 2025 viele verängstigt und verstummen lassen, viele andere aber auch erst richtig auf die Barrikaden gebracht. Davon ist jedenfalls Felius Festo überzeugt, der landesweite Kommunikations- und Mobilisierungssekretär der Jugendorganisation von Chadema. Mit seinem Ernst und seinem Selbstbewusstsein wirkt er älter als Mitte zwanzig. Die rund zwei Millionen Menschen starke Jugendorganisation der Partei habe seit den Wahlen 200 neue Mitglieder – obwohl diese in blutige Repression mündeten. «Jetzt sind noch viel mehr Menschen wütend auf die Regierung», sagt Festo. Auf seinem Handy zeigt er Videos von Kundgebungen, die seine Partei seit Mai im ganzen Land abhält. Auf jedem sind Menschen dicht gedrängt zu sehen, es scheinen jeweils Tausende zu sein.

Angesichts der enormen Repression und der überall spürbaren Angst überrascht der Erfolg der Veranstaltungen. Im Mittelpunkt der Kampagne stehen die Forderungen nach einer Freilassung von Tundu Lissu, nach einer neuen Verfassung und der Aufklärung der Gewalt rund um die Wahlen 2025. «Es ist unsere Verantwortung, für Veränderung zu kämpfen», sagt Felius Festo. Er sei bereit, dafür jeden Preis zu zahlen – und der 26-Jährige weiss, wovon er spricht. Festo kennt, so sagt er es, die direkten Drohungen. Schon oft habe er von unbekannten Anrufern zu hören bekommen: «Wenn du nicht damit aufhörst, lassen wir dich einfach verschwinden.»

Trotz seiner Angst war Festo während der Proteste am Wahltag auf der Strasse. Schon am Vormittag habe ein Freund, der neben ihm stand, eine Kugel in den Kopf bekommen, erzählt Festo, und in den darauffolgenden Tagen habe er noch viele weitere Tote gesehen. Das seien dunkle Tage gewesen, sagt er. «Ich hatte vorher noch nie jemanden sterben gesehen.» Natürlich habe er anschliessend darüber nachgedacht, sich aus dem politischen Aktivismus zurückzuziehen. «Aber ich habe mich gefragt: Wenn ich nicht für Veränderung kämpfe, wer wird es dann tun?», sagt Festo. «Wenn wir als die junge Generation nicht für die nächsten Generationen kämpfen, wer wird es dann tun?» Und weil er darauf keine Antwort hatte, ist er bis heute aktiv.

Sie werden nicht schweigen

Auch Neema Musya* ist wütend. Wie Festo ist die 26-jährige Klimaaktivistin davon überzeugt, dass die Wut der Menschen auf die Regierung seit den Wahlen zugenommen hat. Aber sie sagt auch: «Viele haben aufgegeben.» Als Treffpunkt hat Musya ein Jugend- und Aktivismuszentrum in Daressalam vorgeschlagen, die Global Platform, betrieben von der internationalen Organisation Action Aid. Angesichts der gegenwärtigen Umstände ein erstaunlicher Ort: eine grosszügige Villa, in der sich zivilgesellschaftliche Gruppen treffen und vernetzen können. Musya nimmt an diesem Vormittag an einem Training zu Klimagerechtigkeit teil. Für sie ist auch das Ökologische politisch: «In der Zeit, in der wir leben, kannst du über nichts sprechen, ohne nicht auch über Politik zu reden.» Das sieht sie einerseits als Tatsache, andererseits als Problem. «Wir haben in Tansania zwar Redefreiheit, aber keine Freiheit nach dem Reden», umschreibt es Musya, denn bei fast jedem Thema könne sich die Regierung – zu Recht oder zu Unrecht – angegriffen fühlen. Schweigen will Musya trotzdem nicht. «Du musst dir sehr gut überlegen, wie du etwas sagst», erklärt sie – «und wer für dich eintreten kann, wenn die Regierung zurückschlägt.»

Hinter Mauern, aber doch überraschend leicht zugänglich liegt in Daressalam das kleine Redaktionsgebäude der Onlinepublikation «The Chanzo», auf Deutsch «Die Quelle». Früher hätte jeder ganz leicht über die damals noch sehr niedrige Mauer steigen können, sagt Tony Alfred K., Mitgründer und geschäftsführender Redaktor der Publikation. Angesichts der steigenden Zahl von Entführungen habe sich sein Team entschlossen, die Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern, aber sich ansonsten nicht einschüchtern zu lassen.

«Ich glaube, dass wir an einem sehr kritischen Moment in der Geschichte unserer Nation stehen», sagt Alfred K. «Es ist wichtig, dass wir als mündige Menschen nicht schweigen.» «The Chanzo» hat über die versuchte Entführung von David Djumbe berichtet, schreibt über die wachsende Verschuldung des Staates und die Beschränkung des demokratischen Raumes – etwa durch das Verbot aller öffentlichen politischen Veranstaltungen, das die Regierung Ende Juni aussprach. Verhängt wurde es vielleicht wegen des grossen Erfolgs der Chadema-Versammlungen, vielleicht wegen der für letzte Woche angekündigten Massenproteste, die dann auch tatsächlich ausblieben. Aber «The Chanzo» werde auch weiterhin über Kritik und Proteste berichten, sagt Tony Alfred K. ganz nüchtern. «Wir haben uns diese schwierigen Zeiten nicht ausgesucht, aber wir leben nun einmal in ihnen», so der Redaktor. «Wir müssen tun, was zu tun ist. Denn es wäre unvernünftig, die Hoffnung zu verlieren.» ●

* Name geändert.