WM 2026, 2030, 2034 : Riad. Ein Wintermärchen
Wie sich die Fifa, der Fussball und seine linken Fans nach dem WM-Final vom Sonntag entwickeln. Eine Vorschau.
Als einziger Schweizer Intellektueller – so meine ich – habe ich mit kaltem Blut und kritischer Distanz die Fussball-WMs von Deutschland 2006 bis Katar 2022 als sozioökonomische Phänomene im globalisierten Spätkapitalismus analysiert und dagegen angeschrieben. Sollte ich nicht der Einzige sein, bitte melden! Dieser Text ist vor dem Ende des Spiels von «Parmelins Schweiz» gegen «Mileis Argentinien» entstanden, weil mir das Resultat egal ist und nichts an meiner Position ändern wird. Man braucht meine tiefe Abneigung gegen den Profimännerfussball nicht zu teilen, aber man soll zur Kenntnis nehmen, dass es sie gibt.
Nach «Look Back in Anger» kommt «Look Forward in Disgust»: Die WM 2030 – ausgetragen in Argentinien, Uruguay, Paraguay, Spanien, Portugal und Marokko – wird in Sachen Perversionen eine Übergangs-WM sein. Abgesehen von der Geschichte mit der goldenen Kettensäge, die Milei vor dem Final mit den Worten «Gianni, querido amigo mío!» dem 2027 wiedergewählten Fifa-Boss überreicht, wird sie wegen der sechs Austragungsländer vor allem mehr CO₂ und nochmals mehr Geschichten produzieren.
Jede Fussball-WM ist letztlich eine Geldmaschine und ein Geschichtengenerator, und jeder unbedarfte Journalist findet noch eine rührende oder kritische Story, mit der er glaubt, ein wenig gegen den Wahnsinn anzuschreiben. Wie jene über den «grünen» norwegischen Spieler Morten Thorsby, über den kongolesischen Lumumba- und Fussballfan Michel Kuka Mboladinga oder die Geschichte vom Stolz des Vaters von Manuel Akanji. Man erzählt einander Geschichten und spielt damit das Spiel von Trump, Rubio, Infantino und das Spiel der Sponsoren. Darunter der saudische Erdölförderer Aramco, die grösste Klimasünderfirma der Welt, und die UBS, die gerade versucht, den Abbruch der AHV einzuleiten.
Bloss nichts vermischen
Interessant wird es dann 2034. Prinz Muhammad Bin Salman (MBS) wird an der Eröffnungsfeier in Riad 1664 Wanderarbeiter aus 64 Mannschaften mit «I welcome the global football family!» begrüssen. Neben ihm werden links Alessia und Sabrina Infantino sitzen, die Zwillinge von Gianni Infantino, die 2031 das Kopräsidium der Fifa übernommen haben, und rechts US-Präsident J. D. Vance. Die Kamera wird auf Staatspräsidentin Meloni, Kanzlerin Weidel und Präsidentin Le Pen schwenken, die zusammen mit Premier Farage eine richtige Gaudi haben.
Im Eröffnungsspiel Saudi-Arabien gegen die Marshallinseln wird der Schiedsrichter Cristiano Ronaldo die rote Karte zeigen – jenem Ronaldo, der mittlerweile saudischer Staatsbürger geworden ist und, weil er mit 49 noch «krass fit» ist, auch «longevity influencer». Prinz MBS lässt den Schiedsrichter vom Platz weg verhaften und verschwinden, die Infantino-Zwillinge nicken zustimmend. Die Uno vermutet, der Schiedsrichter sei später – wie schon Journalist Jamal Khashoggi – zerstückelt und in Säure aufgelöst worden.
Auf den Auslandseiten der Tageszeitungen herrscht eine Zeit lang eine gewisse Empörung. Ein mutiger Kolumnist fordert die Abwahl von Alessia und Sabrina Infantino sowie die Einbestellung des saudischen Botschafters. Aber die Brandmauer zur Sportredaktion hält: Dort werden Spielzüge diskutiert, die Trikots der Nationalteams verglichen, und in einem grossen Interview kommt der saudische Chauffeur des Schweizer Nationaltrainers zu Wort: «Man soll Sport und Politik nicht vermischen!»
Als dann der Schweiz in einem langweiligen Spiel gegen den Südsudan der Einzug in die K.-o.-Runde gelingt, gibt es kein Halten mehr: Debatten wie «Pro und kontra Freinacht» oder «Soll Sascha Ruefer mit 62 noch kommentieren dürfen?», Tipps für Billigflüge nach Riad und Promiprognosen für das Sechzehntelfinal füllen die Seiten. Der saudische Botschafter ist beim SRF-Talk «Sykora Gisler» zu Gast und betont, dass Frauen in Saudi-Arabien seit 2018 Auto fahren dürfen und die Zahl der Hinrichtungen zurückgegangen sei. Yvonne Eisenring, Gülsha Adilji und Maja Zivadinovic (die 2030 ihren Podcast «Zivadiliring» neu lanciert haben) diskutieren über Fussball und Sex im Harem. Dominic Wuillemin und Thomas Schifferle finden im Podcast «Dritte Halbzeit» gemeinsam einen Paragrafen im Fifa-Reglement, der die Verhaftung von Schiedsrichtern in Ausnahmefällen zulässt.
Aura der Leidenschaft
Doch im Ernst: Es gibt anlässlich der aktuellen WM keine Hinweise, dass Links-Grün (und ihre Medien-Outlets von WOZ über «Republik» bis «Tages-Anzeiger») 2034 grundlegend anders ticken wird als Rot-Weiss (von «Blick» über «Nau» bis SRF). Es gibt keine Hinweise, dass man sich zu einem Boykott zusammenraufen wird, wobei Boykott nicht nur heisst, dass man von der «eigenen» Mannschaft verlangt, nicht hinzugehen, sondern dass man auch keine Spiele schaut, keine Geschichten erzählt und den Kindern keine Trikots oder Panini-Bildchen kauft.
Auch wenn klar ist, dass es keinen richtigen Fussball im falschen gibt, glaubt man vor allem bei linken Männern immer noch an das Völker- und Klassenverbindende. Noch jede:r erst- oder zweitklassige Musiker:in, Slam-Poet:in, Schriftsteller:in oder Intellektuelle outet sich irgendwann als Fan, um sich mit einer Aura von Leidenschaft zu umgeben. So wie man bei der WOZ an das Märchen vom FC St. Gallen als «Bewegung» glaubt, freut man sich über das Migrantische im WM-Fussball und findet sich plötzlich mit dem «Nebelspalter» in einer ähnlichen Position wieder. Noch in der kritischsten Kolumne steht plötzlich der Satz: «Manchmal gucke ich auch gern.»
Und kluge, gebildete Journalist:innen eiern in Podcasts auf die Frage nach einem Boykott mit Argumenten herum, die man lieber nicht auf die Debatte über Hitlers Propagandaspiele von 1936 in Berlin übertragen möchte. ●
Der Kolonialhistoriker Hans Fässler war sowohl beim Cup-Final als auch bei Schweiz gegen Argentinien beim Public Viewing in der St. Galler Innenstadt, um zu versuchen, erwachsene und mündige Fussballfans zu verstehen. Vergeblich.