Auf allen Kanälen : Ganz viel Hörensagen
Reiche Europäer sollen zum Töten angereist sein. Was ist dran an der «Sarajevo Safari»? Neue Recherchen zeigen: Wenig.
Die Geschichte verbindet True Crime mit skrupellosen reichen Täterfiguren – und passt manchen offenbar so gut ins Weltbild, dass die Frage, ob sie stimmt, in den Hintergrund tritt: Zwischen 1992 und 1995 sollen Menschen aus diversen westeuropäischen Ländern nach Sarajevo gereist sein, um dort von den Hügeln auf Zivilist:innen in der belagerten Stadt zu schiessen. Bereits 2022 erschien der Film eines slowenischen Regisseurs zu den angeblichen «Sarajevo Safaris», doch in Westeuropa wurde vor allem seit vergangenem November darüber berichtet. Damals nahm die Mailänder Staatsanwaltschaft Ermittlungen auf, nachdem der italienische Autor Ezio Gavazzeni Anzeige erstattet hatte. Als im Frühjahr sein Buch «I cecchini del Weekend» (Die Wochenendschützen) erschien, erhielt er erneut viel Aufmerksamkeit.
So auch in der Schweiz. «Ja, bei der Menschenjagd waren auch Schweizer dabei», titelte etwa die «SonntagsZeitung» am 22. März. Das Zitat stammt vom als Journalist vorgestellten Gavazzeni, der zuvor vor allem Kriminalromane und Reiseführer geschrieben hat. Für sein Buch ist er nicht nach Sarajevo gereist; auch sonst war er nie in der Stadt. Dennoch wurde seine Geschichte vom «Spiegel» in Deutschland bis zur «Times» in Grossbritannien aufgenommen.
Mittlerweile ist allerdings klar, dass weder Gavazzenis Buch noch der Film noch die Behauptungen des oft zitierten kroatischen Verschwörungstheoretikers Domagoj Margetić einer echten Überprüfung standhalten. Detailliert nachzulesen ist dies etwa in einer aufwendigen Recherche der Nachrichtenwebsite «Balkan Insight», in einer mehrteiligen Artikelserie der FAZ oder im Onlinemagazin «Übermedien»*.
Darin wird auf zahlreiche Unstimmigkeiten und Leerstellen verwiesen. Die spektakulärsten Angaben in Gavazzenis Buch stammen von einem anonymen angeblichen französischen Söldner. Rund 230 Italiener und nochmals ähnlich viele Franzosen, Belgier, Schweizer und Österreicher hätten demnach an den «Safaris» teilgenommen. Allein schon diese Zahlen machen die Erzählung höchst unwahrscheinlich; während der fast vierjährigen Belagerung wurden nach Angaben des Dokumentationszentrums in Sarajevo bis zu 350 Zivilist:innen von Scharfschützen getötet. Sollten tatsächlich gegen 500 ausländische Wochenendschützen zum Töten angereist sein und einzelne von ihnen an einem Tag mehrere Menschen getötet haben, müssten sie demnach für praktisch alle Scharfschützenopfer verantwortlich sein.
Viele weitere Angaben in Gavazzenis Buch sind falsch oder äusserst unglaubwürdig. Eine Quelle behauptet etwa, die Schützen seien auch nach Tuzla gebracht worden. Die Stadt war jedoch unter der Kontrolle der bosnischen Armee, die Front verlief fünfzehn Kilometer entfernt – zu weit für Scharfschützen. Eine andere gibt an, der Kriegsverbrecher Željko Ražnatović, besser bekannt als Arkan, lebe heute auf Zypern, obwohl der im Jahr 2000 in Belgrad erschossen wurde. Überprüfen lässt sich wenig: Fast alle von Gavazzenis Quellen treten anonym auf. Zwei namentlich genannte Kronzeugen distanzieren sich inzwischen von seiner Darstellung.
Es gibt durchaus Aspekte an dieser Geschichte, die eine Berichterstattung rechtfertigen. Die Mailänder Staatsanwaltschaft ermittelt gegen vier italienische Verdächtige, auch in Österreich und Belgien gibt es Ermittlungen; angeklagt oder verurteilt wurde bislang niemand. Ende Mai sagte die Schweizer Bundesanwaltschaft gegenüber SRF, dass man zwar von keinen involvierten Schweizer:innen wisse, aber mit den italienischen Behörden in Kontakt stehe. Und dennoch lässt sich schwer rechtfertigen, dass zahlreiche Publikationen Gavazzenis Geschichte als Ergebnis einer seriösen Recherche präsentieren. Im erwähnten Artikel der «SonntagsZeitung» etwa werden die kritischen Einwände eines spanischen Journalisten zwar erwähnt, aber rasch beiseitegeschoben.
Dass einzelne reiche Ausländer aus Mordlust auf Menschen in Sarajevo schossen, lässt sich nicht ausschliessen. Für einen organisierten «Tourismus» mit Hunderten Kunden gibt es jedoch keine belastbaren Belege, sondern vor allem anonyme Erzählungen, Hörensagen und Verschwörungstheorien. So lenkt die Geschichte von den eigentlichen Verbrechen und Tätern ab: Sarajevo wurde von bosnisch-serbischen Einheiten belagert. Auch Ausländer standen auf den Hügeln, um die Stadt zu terrorisieren – vor allem aus dem Nachbarland Serbien sowie aus der serbischen Diaspora. Was aber offenbar weniger spektakulär klingt als die Gruselgeschichten von westeuropäischen Millionären auf Menschenjagd. ●
* Der entsprechende Artikel bei «Übermedien» stammt vom Autor dieses Textes.