Das zweite Pyrozän : «An diese Feuer kann man sich nicht anpassen»

Nr. 32 –

Die französische Philosophin Joëlle Zask warnt schon lange vor einem neuen Zeitalter des Feuers: vor Kriegslogik, Wissensverlust und Katharsis vor dem Fernseher.

verbrannte Landschaft bei Le Porge nahe Bordeaux Ende Juli
«Verwüstung entsteht, wenn eine Zivilisation sich gegen sich selbst richtet.» Bei Le Porge nahe Bordeaux Ende Juli.   Victor Lochon, Getty

WOZ: Joëlle Zask, Frankreich erlebt dieses Jahr besonders bedrohliche Waldbrände. Mit welchem Gefühl verfolgen Sie die Ereignisse?

Joëlle Zask: Es scheint bisweilen so, als sei das Feuer unaufhaltsam, als könnten wir ihm nichts entgegensetzen. Dabei war schon lange voraussehbar, dass unkontrollierbare Brände zunehmen werden. Schon 2017 habe ich mich für mein Buch «Quand la forêt brûle» (Wenn der Wald brennt) damit beschäftigt. Trotzdem wurde nichts unternommen, um die Destabilisierung des Klimas aufzuhalten. Mit anderen Worten: Wir befinden uns heute in einer beispiellosen Risikosituation – und der Mensch trägt dafür die Verantwortung.

WOZ: Waldbrände gab es schon immer. Was hat sich verändert?

Joëlle Zask: Seit dem Auftreten des Homo erectus vor rund zwei Millionen Jahren haben sich die Menschen auf der Erde ausgebreitet und in den Gebieten, die sie durchquerten oder bewohnten, Feuer gelegt. Wo es kein Feuer gab, gab es auch keine Menschen – so wie es keine Fische auf Bäumen gibt. Auf diese Art und Weise hat das Verhalten, das dazu beigetragen hat, menschliches Überleben zu sichern, gleichzeitig die Natur tiefgreifend verändert. Über Zehntausende von Jahren hatte sich ein Gleichgewicht herausgebildet. So haben die Aborigines in Australien den Busch seit etwa 60 000 Jahren durch regelmässige und gezielt eingesetzte Brände gepflegt und erhalten. Auch der mediterrane Wald ist das Ergebnis kontrollierter, jahrtausendealter Brandpraktiken, von denen er heute abhängt. Ebenso wurden der Amazonasregenwald und die indonesischen Wälder sowohl zu ihrer Pflege als auch für landwirtschaftliche Zwecke gezielt durch Brände geformt.
 

Portraitfoto von Joëlle Zask
Joëlle Zask (66) ist Professorin der Philosophie an der Universität Aix-Marseille und spezialisiert auf Fragen der politischen Ökologie. Simon Birman

 

WOZ: Und heute?

Joëlle Zask: Diese Phase des Gleichgewichts bezeichne ich als erstes Pyrozän. Heute spreche ich vom zweiten Pyrozän. Es beginnt, wenn dieses Gleichgewicht gestört wird. Gemeint ist eine neue Herrschaft des Feuers, so ausgedehnt und zerstörerisch, dass ein in Flammen stehender Planet nicht mehr undenkbar erscheint. Das Feuer war einst ein Verbündeter des Menschen und wird jetzt zu seinem schlimmsten Feind. Was einst eine Quelle des Lebens war, wird in Gestalt des Megafeuers zu einer Quelle des Todes.

WOZ: Was ist mit «Megafeuer» gemeint?

Joëlle Zask: Ein Megafeuer wird auch als Extremfeuer, als aussergewöhnlicher Grossbrand oder Riesenbrand bezeichnet. Der Begriff geht auf den kalifornischen Journalisten Michael Kodas zurück. Megafeuer haben eine enorme Intensität, breiten sich rasch und über grosse Flächen aus. Ihre Entwicklung ist nicht vorhersehbar, da sie eigene Wetterphänomene erzeugen können. Sie stehen in engem Zusammenhang mit dem vom Menschen verursachten Klimawandel. Und mit dem Verlust von Wissen.

WOZ: Wie meinen Sie das?

Joëlle Zask: Einfluss auf die Entwicklung hat auch das Verschwinden jener Gemeinschaften, die über ein tiefes Wissen im Umgang mit Feuer und Wald verfügten. Dazu gehören nicht nur indigene Bevölkerungsgruppen in fernen Regionen, sondern ebenso unsere traditionellen Bauern, Viehzüchterinnen und Schäfer, Försterinnen und die Dorfbewohner unserer eigenen Landschaften. Das Verschwinden dieser «Kulturen des Feuers» ist das Ergebnis eines Prozesses kultureller Zerstörung – verursacht durch die Entvölkerung ländlicher Räume, Enteignungen, die Durchsetzung neuer Normen und die Abwertung überlieferter Praktiken.

WOZ: Was ist an ihre Stelle getreten?

Joëlle Zask: Eine Naturschutzpolitik, die Natur als unberührten Schutzraum versteht und den Nutzen menschlicher Eingriffe grundsätzlich infrage stellt. Bei Waldbränden führte dies zur Maxime, jedes Feuer bereits beim ersten Funken zu löschen. Dabei erfüllten die saisonalen Feuer wichtige ökologische Funktionen: Sie verringerten die Menge an brennbarem Material, hielten die Wälder offen und reduzierten die dichte Zwischenvegetation. Meiner Ansicht nach sind Extraktivismus und der Verzicht auf menschliche Eingriffe zwei Seiten derselben Medaille.

WOZ: Den Waldbränden waren beispiellose Hitzewellen und Trockenphasen vorausgegangen. Was bedeuten diese neuen und extremen klimatischen Bedingungen für die Möglichkeit, in betroffenen Regionen zu leben? Wird eine Anpassung möglich sein?

Joëlle Zask: An Extremfeuer kann man sich nicht anpassen. Sie führen uns vielmehr vor Augen, wie absurd die Idee ist, das Problem allein über technische Lösungen anzugehen. Keine Technologie kann sie bezwingen – ebenso wenig, wie sich ein Tsunami oder ein Erdbeben kontrollieren lässt. Dennoch hält man an den herkömmlichen Strategien der Brandbekämpfung fest und versucht, eine Art Industriekomplex des Feuers weiter auszubauen.

WOZ: Was soll man denn sonst tun?

Joëlle Zask: Der richtige Ansatz wäre, das Entstehen eines Megafeuers von vornherein zu verhindern. Wir müssten Präventionsmassnahmen entwickeln, wie sie in Erdbebengebieten selbstverständlich sind: die Bauweise und die Infrastruktur anpassen, die Bevölkerung aufklären, Fluchtwege planen. Auf einer anderen Ebene und langfristig müssten wir vor allem unsere Lebensweise grundlegend ökologischer gestalten und unsere Treibhausgasemissionen drastisch senken. Demgegenüber bedeutet der Ruf nach mehr Löschflugzeugen, mehr Ressourcen, mehr Ausrüstung, mehr Robotern und mehr Feuerwehrkräften, um dem Megafeuer den Krieg zu erklären, lediglich die Fortsetzung einer einseitigen, martialischen Logik. Es ist ein Rückgriff auf jene Mittel, die gerade zur katastrophalen Situation beigetragen haben, in der wir uns heute befinden. Und dieser Krieg wird sich ohnehin nicht gewinnen lassen.

WOZ: Welche Auswirkungen haben die apokalyptischen Bilder, die uns erreichen, auf die Gesellschaft und die öffentliche Debatte?

Joëlle Zask: Diese Bilder sind wie ein Schauspiel, das wir aus sicherer Entfernung betrachten. Auf dem Bildschirm sehen wir brennende Wälder, Koalas mit versengtem Fell, die – wie während der verheerenden Brände in Australien 2018 – in den Wipfeln der Eukalyptusbäume Zuflucht suchen, verstörte Rinder, von den Flammen zerstörte Villen in Kalifornien oder verzweifelte Menschen. All das wirkt zutiefst kathartisch.

WOZ: Kathartisch?

Joëlle Zask: Die Bilder lösen Mitleid und Schrecken aus, während man sich zugleich dadurch beruhigt, dass man selbst weit genug entfernt ist von der Gefahr. Das Problem dieser medialen Inszenierung besteht darin, dass sie keine Bereitschaft zum Handeln weckt. Im Gegenteil: Sie erzeugt Gefühle, die eher lähmen. Die Menschen hingegen, die unmittelbar betroffen sind, zeigen oft eine aussergewöhnliche Bereitschaft zur Mobilisierung. Beeindruckend waren die spontane Solidarität, der gemeinschaftliche Einsatz im Unterholz in allerletzter Minute, die gegenseitige Hilfe und die Gastfreundschaft gegenüber den Betroffenen. Aber wir sitzen vor dem Fernseher und geben abwechselnd den Behörden, den unzureichenden Mitteln oder den Brandstiftern die Schuld. Gewiss reichen der politische Wille und die vorhandene Ausrüstung nicht aus – doch darin liegt nicht das eigentliche Problem.

WOZ: Warum hat die Politik bislang keine angemessenen Antworten auf die zunehmenden Waldbrände gefunden?

Joëlle Zask: Solange man darauf wartet, dass alle Lösungen durch zentralisierte Entscheidungen von oben kommen, wird sich nur wenig ändern. Die politisch Verantwortlichen haben weder den Willen noch die Macht, die gegenwärtigen Entwicklungen umzukehren, die unsere Lebensgrundlagen auf der Erde gefährden. Sie sind weder aufgeklärte Despoten noch Zauberer. Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez hat angesichts der Waldbrände deshalb zu Recht und mit Mut für einen neuen Gesellschaftsvertrag geworben, der die gesamte spanische Bevölkerung einbezieht. Mehr kann ein Regierungschef letztlich kaum tun.

WOZ: Wieso nicht?

Joëlle Zask: Solange die Mehrheit der Bevölkerung dem Problem gleichgültig gegenübersteht, zu seiner Fortdauer beiträgt oder seine Existenz leugnet, ist es schwer vorstellbar, dass eine Regierung einschneidende Massnahmen ergreift – insbesondere gegen die grössten Verursacher von Umwelt- und Treibhausgasemissionen wie die Erdölindustrie, die Automobilindustrie oder Futter- und Lebensmittelhersteller. Doch während in diesem Sommer die Wälder brennen und die Temperaturen ein geradezu infernalisches Ausmass erreichen, herrscht in der Umwelt- und Klimapolitik weitgehend Schweigen. Gleichzeitig gewinnen Parteien, die offen oder verdeckt klimaskeptische Positionen vertreten, zunehmend an Einfluss.

WOZ: Was für Folgen hat der Megabrand für jene, die direkt davon betroffen waren?

Joëlle Zask: Nach dem verheerenden Brand im kalifornischen Paradise 2018 beschrieben Menschen, die alles verloren hatten – ihr Haus, ihre Erinnerungen, ihre vertraute Umgebung –, ihre Erfahrung als eine Amputation, als eine Wunde, die niemals verheilen werde. Wir müssen die schwerwiegenden psychischen Folgen von Megafeuern endlich ernst nehmen. In den vergangenen Tagen wurden die Beobachtungen mehrerer Psychologinnen und Psychologen veröffentlicht. Inzwischen ist von posttraumatischen Belastungsstörungen bei den Hunderttausenden Betroffenen die Rede. Der Begriff, der diesen Zustand der Verzweiflung am treffendsten beschreibt, stammt aus der Bibel: «Verwüstung». In der Bibel ist Verwüstung jedoch weder die Folge einer Naturkatastrophe noch einer göttlichen Strafe. Verwüstung entsteht, wenn eine Zivilisation sich gegen sich selbst richtet und so die Orte ihres eigenen Gedeihens unbewohnbar macht – zurück bleiben nur Ruinen und Asche. Genau das wird geschehen, wenn wir weiter untätig bleiben. ●