Demografie in Israel : Bewegung in zwei Richtungen

Nr. 32 –

Seit drei Jahren verlassen mehr jüdische Israelis das Land als einwandern – viele Nationalist:innen kommen, während Liberale gehen. Mit Folgen für die Gesellschaft.

Gilad Kenan in seiner Küche in Berlin
«Die Risse in meinem Weltbild kamen viel früher»: Gilad Kenan in seiner Küche in Berlin.

Moish Ekman und Gilad Kenan sitzen auf Stühlen, die nicht ihre sind. In Wohnungen nur für den Übergang. Ekman im israelischen Pardes Chana, vor der Schiebetür zum Wohnzimmer liegt ein kleiner Garten mit Pool unter Palmen. Kenan in Berlin, Altbau mit Südbalkon in Prenzlauer Berg. Beide haben in den letzten zwölf Monaten ihre Heimat verlassen.

Beide beginnen das Gespräch mit zögerlichen Worten in der jeweiligen Landessprache, auf Hebräisch und Deutsch, bevor sie auf Englisch wechseln. «Wir haben keine Zukunft gesehen», sagt Ekman. Vergangenen August sind seine Frau Jade und er mit ihren vier Kindern umgezogen. Und Kenan sagt: «Wir mussten weg, wir wollten das nicht für uns und unsere künftige Familie.» Mit seiner Partnerin Carmel packte er im März die Koffer.

So kam der australische Jude Moish Ekman nach Israel. Und der jüdische Israeli Gilad Kenan wollte von dort nur noch weg.

Vor allem Kenans Weg wählen derzeit viele: Die Zahl der jüdischen Israelis, die das Land verlassen, steigt. Über 82 000 zogen laut israelischem Statistikamt 2024 ins Ausland. Die Zahl der Einwander:innen brach hingegen ein, sodass seither mehr Jüdinnen und Juden das Land verlassen als herziehen. Das ist nicht nur ein Einschnitt in der Einwanderungsgeschichte des Landes. Es fordert auch das Selbstverständnis Israels als Zufluchtsort für Juden und Jüdinnen aus aller Welt heraus.

Pausenloser Kriegszustand

Philosophiedoktorand Gilad Kenan ist so israelisch, wie es nur geht. Er ist in Rechovot südlich von Tel Aviv in einer linken Mittelschichtsfamilie aufgewachsen, sein Elternhaus war säkular, stand politisch der lange unangefochten regierenden Arbeiterpartei nahe. Kenan wuchs «patriotisch und zionistisch» auf, wie er sagt. «Ich habe an die Notwendigkeit eines jüdischen Staates als Lehre aus dem Holocaust geglaubt», so der 40-Jährige.

In der Berliner Wohnung hat er bisher vor allem seine Bücher ausgepackt. Im Regal stehen Werke von Slavoj Žižek und Hannah Arendt. Sein Grossvater stammt aus der Nähe von Trier, seine Grossmutter aus Lettland. «Ich habe mich persönlich mit dem Erbe der Shoah identifiziert», sagt Kenan. Statt der drei verpflichtenden absolvierte er fünf Jahre bei der Armee, wurde Offizier in der Geheimdienst-Eliteeinheit 8200.

Auch Immobiliengutachter Moish Ekman pflegt schon lange eine Verbindung zu Israel, vor allem eine religiöse. Als Anhänger der orthodoxen Chabad-Bewegung hat der 43-Jährige im neuen Haus in Pardes Chana als Erstes einen Metallschnitt des verstorbenen Rabbi Menachem Mendel Schneerson aufgehängt. Ekmans Urgrosseltern, ebenfalls Chabad-Anhänger:innen, kamen im späten 19. Jahrhundert im Zuge einer der ersten zionistischen Einwanderungswellen aus Russland ins historische Palästina. Doch das Leben in der ländlichen osmanischen Provinz war hart, die jüdische Gemeinschaft klein. «Sie emigrierten 1912 nach Melbourne und bauten dort die erste Chabad-Gemeinde auf», sagt Ekman.

In jungen Jahren kommt Ekman für eineinhalb Jahre zum Thorastudium nach Jerusalem. Jade, die er schon aus seiner Zeit an der jüdischen Schule in Australien kennt, ist weniger religiös, tritt aber ebenfalls der Chabad-Bewegung bei. Bald wird ihr Rudolf Steiner wichtiger als der Rabbi; die Kinder kommen auf eine Waldorfschule, die Familie zieht in den von der Hippiegegenkultur geprägten Ort Mullumbimby an der australischen Ostküste. Heute noch trägt Ekman Birkenstock-Sandalen und ein Surferhemd, darunter schauen die Fransen seines religiösen Zizithemds hervor. «Etwas hat uns dort gefehlt», sagt er.

Auf der Gegenseite sind es vor allem zwei Faktoren, die die aktuelle Auswanderungswelle aus Israel antreiben: 2023 begann die in Teilen rechtsextreme Regierung unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu trotz monatelanger Massenproteste, die Schwächung der Justiz zu forcieren. Am 7. Oktober desselben Jahres folgte der blutige Überfall der Hamas auf das zerrissene Land. Fast pausenlos befindet es sich seither im Kriegszustand.

«Die Risse in meinem Weltbild kamen viel früher», erinnert sich Gilad Kenan in Berlin. Mitte der zehner Jahre schaut er gemeinsam mit Freund:innen aus seiner Geheimdiensteinheit den deutschen Film «Das Leben der Anderen». Als Soldat ist er damals für die elektronische Überwachung von Palästinenser:innen zuständig, und die Parallele zum Stasi-Mitarbeiter, der im Film einen Künstler überwacht, lässt ihn nicht los. «Wir haben das Gleiche getan», sagt Kenan. 2014 veröffentlicht er mit 42 weiteren Soldat:innen seiner Einheit einen offenen Brief: Sie verweigern den Dienst, weil ihre Arbeit «politische Verfolgung und die Spaltung der palästinensischen Gesellschaft» zur Folge habe.

Kenan beginnt, Dialogkurse mit Palästinenser:innen zu besuchen. Er fährt mit besetzungskritischen NGOs ins Westjordanland. Ihm sei bewusst geworden: Solange es die Besetzung gebe, müssten die Ruhe und die Sicherheit der Israelis mit immer mehr Überwachung und Gewalt erzwungen werden. «Es war klar, dass es explodieren würde», sagt Kenan, «und am 7. Oktober ist es explodiert.»

Ekman befindet sich zu diesem Zeitpunkt mit seiner Familie in Israel, um den Kindern zum ersten Mal das Land zu zeigen. Bereits erwägen er und Jade, Alija (auf Deutsch «Aufstieg») zu machen, wie die Einwanderung nach Israel heisst. Als in den Morgenstunden Tausende bewaffnete Hamas-Anhänger Dörfer im Süden Israels überrennen, rund 1200 Menschen massakrieren und 251 verschleppen, ist Familie Ekman gerade zu Besuch in der völkerrechtlich illegalen Siedlung Tekoa im Westjordanland. Zehn Tage bleiben sie dort. Bewaffnete Siedler:innen und Soldat:innen beobachten die palästinensischen Nachbardörfer. «Danach sind wir mit einer australischen Militärmaschine ausgeflogen worden und haben die Alija-Pläne erst mal pausiert», sagt Moish Ekman.

Moish und Jade Ekman
«Wir wollten, dass unsere Kinder in einer Umgebung aufwachsen, in der eine jüdische Identität selbstverständlich ist»: Moish und Jade Ekman.

Stolz im Sirenengeheul

Es gibt auch jene, für die gerade der Hamas-Überfall zum entscheidenden Anlass wurde, um nach Israel zu ziehen. Für die jüdische US-Amerikanerin Eve Karlin zum Beispiel, die kurz nach dem 7. Oktober 2023 in den USA eine Initiative namens «Stärke für Israel» gründet und für israelische Hilfsorganisationen Geld sammelt. Als «laute und stolze Zionistin» stehe sie zu Israel, schreibt die 39-Jährige damals auf Social Media. Im Juni 2025 steigt sie in den Flieger. Auf Fotos, die sie online teilt, ist Karlin bald darauf in Tel Aviv am Flughafen zu sehen, gehüllt in blau-weisse Israelfahnen.

Bevölkerungszahlen waren schon immer ein wichtiger Faktor im Nahostkonflikt. Ein jüdischer Staat braucht eine jüdische Mehrheitsbevölkerung, so das vorherrschende Grundverständnis. Einschliesslich des Gazastreifens und des Westjordanlands leben zwischen Jordan und Mittelmeer heute allerdings gut sieben Millionen jüdische Israelis – und etwa ebenso viele Palästinenser:innen. Ein Leben in einem gemeinsamen Staat mit gleichen Rechten für alle kommt allein schon deshalb für viele jüdische Staatsbürger:innen nicht infrage.

So verhärtet sich die Stimmung mit dem jüngsten Auswanderungsüberschuss weiter: Es sind vor allem gut gebildete, liberale Israelis, die das Land verlassen. Die Neuankömmlinge hingegen, besonders diejenigen aus westlichen Ländern, kommen oft aus religiösen Gründen oder zionistischer Überzeugung. Damit verändert sich die israelische Gesellschaft. Die liberale Mitte, die das Land lange auch wirtschaftlich getragen hat, bröckelt. Der nationalistische und religiöse Sektor hingegen wächst, auch weil dort die Geburtenraten weit höher liegen als im Landesdurchschnitt.

Eve Karlin, deren Grossmutter aus Deutschland stammt und den Nazis als Kind nur knapp entkommen war, steht exemplarisch für diese Verschiebung. Israel kennt sie schon seit ihrer Jugend, unter anderem dank einer «Birthright-Tour»: Junge Jüdinnen und Juden aus der ganzen Welt erhalten eine zehntägige Reise durchs Land geschenkt, auf der ihnen ihr Recht, hier zu leben, vermittelt wird. Dass auch andere Menschen dasselbe Recht haben, wird dabei meist völlig ausgeblendet. Oft werden die Touren von Wehrdienstleistenden begleitet, zu denen die Teilnehmer:innen Kontakte knüpfen sollen.

Anfangs erklärt sich Karlin noch bereit, mit der WOZ ein Interview zu führen. Später zieht sie ihre Zusage zurück. Ihr Weg lässt sich auf Social Media weiterverfolgen: Kurz nachdem sie im Sommer 2025 in Tel Aviv angekommen ist, warnen in Israel die Sirenen vor anfliegenden Raketen; mit der Operation «Rising Lion» hat Israel gerade einen offenen Krieg mit dem Iran begonnen. Karlin fühlt sich in ihrem Entschluss bestätigt: «Ich bin einem Ruf gefolgt, den ich seit meiner ersten Reise als Teenager gefühlt habe», schreibt sie. Und dokumentiert in den folgenden Monaten ihr Leben zwischen Bunker, Strand und Bars unter dem Hashtag #makealiyah.

Etwas ist zerbrochen

Währenddessen blockiert die israelische Armee monatelang die Einfuhr von Nahrungsmitteln in den Gazastreifen. Schon seit Anfang 2024 gibt es Berichte über Hungertote, doch jetzt verschärft sich die Lage nochmals dramatisch. Eve Karlin, die sich früher in den USA mit der Black-Lives-Matter-Bewegung solidarisierte, erwähnt Gaza jedoch kaum – ausser es geht um die israelischen Geiseln. Auch die Medien im Land berichten wenig zur humanitären Lage dort.

Für Gilad Kenan führen ebendiese Monate zum entscheidenden Bruch. Während ihn aus dem Küstenstreifen Bilder verzweifelter Menschen vor Essensausgaben erreichen, fragt er sich: Wie soll das unserer Sicherheit dienen? Er sucht fieberhaft nach Gleichgesinnten: «Ich habe jeden, den ich traf, gefragt: ‹Seht ihr, was ich sehe?›» Es habe ihn nicht überrascht, dass «Rechte und Rassisten» wenig Empathie aufgebracht hätten, sagt Kenan. Er habe es aber nicht hinnehmen können, dass auch Linke und Liberale untätig zugesehen hätten. «Damals ist in mir etwas zerbrochen.»

Seine Nichte habe als Soldatin Kameradinnen in Gaza verloren, erzählt Kenan, und sein Bruder musste wegen Hisbollah-Angriffen für fast zwei Jahre sein Haus verlassen. Auch er habe sich für die Rückkehr der Geiseln eingesetzt. Aber «den obsessiven Einsatz für die einen, während das Leid der anderen Seite keine Rolle spielt», habe er nicht ertragen.

Offiziell tritt in Gaza im Oktober 2025 eine Waffenruhe in Kraft, alle noch lebenden Geiseln werden freigelassen. Israelische Angriffe bleiben aber an der Tagesordnung, häufig mit zahlreichen zivilen Opfern. Auf über 73 000 belaufen sie sich mittlerweile. Die Hamas weigert sich, ihre Waffen abzugeben, und Israels Armee drängt die zwei Millionen Einwohner:innen ohne ausreichende Versorgung auf immer engerem Raum zusammen. Mehrere Uno-Gremien, zahlreiche Menschenrechtsorganisationen und Genozidforscher:innen haben Israel mittlerweile vorgeworfen, in Gaza einen Völkermord zu begehen.

Familie Ekman kommt im August 2025 in Israel an. Die IPC-Initiative, eine von der Uno gestützte Organisation, erklärt für Nordgaza zur selben Zeit offiziell eine Hungersnot. Nur wenige Wochen sind seit dem Krieg mit dem Iran vergangen, vom Libanon aus beschiesst die Hisbollah weiterhin den Norden Israels.

Ein halbes Jahr später, Ende Februar 2026, starten die USA und Israel einen weiteren Krieg gegen den Iran. Ekmans haben an jenem Samstag Gäste zum Sabbatessen eingeladen. «Ich war sicher, dass niemand kommen wird, und habe den Tisch gar nicht gedeckt», sagt Ekman. Doch die Gäste kommen trotzdem. Längst sind die Angriffe zur Routine geworden, dank Raketenabwehrsystemen und Bunkern. Die Berichte über Hunger und Kriegsverbrechen in Gaza wischt Ekman rasch zur Seite: «Lügen, wie sie in der Geschichte immer wieder gegen Juden erhoben wurden», sagt er. Internationalen Medien wirft er Doppelmoral vor. «Wir tun, was wir tun müssen, um zu überleben», sagt er.

Keine Illusionen

Die humanitäre Katastrophe in Gaza und die Siedlergewalt gegen Palästinenser:innen im Westjordanland untergraben indes Israels Ansehen in der Welt. In den USA und damit beim wichtigsten Verbündeten steht mittlerweile auf demokratischer wie auf republikanischer Seite die Unterstützung Israels zur Debatte. Ekman bleibt trotzdem optimistisch: «Ich denke, die Kriege werden bald vorbei sein.» Er hofft auf weitere Normalisierungsabkommen mit benachbarten Staaten.

Im kleinen Pardes Chana, bekannt als Hippiehochburg, scheint der Krieg tatsächlich weit weg. Zu den Meditationszentren und selbstgebauten Pizzarestaurants ist in den vergangenen Jahren eine wachsende religiöse Gemeinde hinzugekommen. Und Ekman arbeitet an der Einrichtung eines neuen Zentrums für die Chabad-Bewegung.

Tochter Keila kommt vom Töpferkurs nach Hause. Zum Umzug der Familie nach Israel sagt die Achtzehnjährige: «Ziemlich blöd, aber ich verstehe meine Eltern auch.» Obwohl sie deren Einschätzung, wonach Israel der einzige Ort auf der Welt für eine jüdische Zukunft sei, nur zum Teil zustimmen mag. «Ich selbst habe mich in Australien sicher gefühlt, aber ich weiss, dass es viele Jüdinnen und Juden dort anders sehen», sagt Keila. Ihren Vater Moish hat der antisemitische Terroranschlag am Bondi Beach, bei dem im Dezember fünfzehn Menschen ermordet wurden, in seinem Entschluss bestätigt. Die Bedrohung sei aber nur ein Beweggrund gewesen: «Wir wollten, dass unsere Kinder Hebräisch lernen und in einer Umgebung aufwachsen, in der eine jüdische Identität selbstverständlich ist», sagt Ekman.

Auch Gilad Kenan macht sich keine Illusionen, was die Bedrohungslage für Jüdinnen und Juden auf der ganzen Welt betrifft. «Es ist in den vergangenen Jahren schwieriger geworden, als Israeli im Ausland zu leben», sagt er in seiner Wohnung in Prenzlauer Berg. Der Antisemitismus habe zugenommen – aber gleichzeitig auch die legitime Kritik an der israelischen Regierung, die viele Israelis mit Antisemitismus verwechselten. «Ich bleibe Israeli und muss weiter mittragen, was immer Israel tut», sagt Kenan. In Berlin habe er sich nun der Gruppe Israelis for Peace angeschlossen.

Mit dem Umzug sei eine grosse Last von ihm abgefallen, «ich heile und trauere gleichzeitig», sagt Kenan. Berlin sei multikulturell, Carmel und er sprechen bereits einigermassen Deutsch. Er hat einen hebräischen Chor gefunden. «Aber ich werde mich hier nie so zu Hause fühlen wie in Israel», sagt Kenan. Berlin nennt er einen «Test», aber seine Aussichten auf eine mögliche Rückkehr nach Israel sieht er letztlich düster. Dort wächst die Polarisierung auch unter der jüdischen Bevölkerung. Und schon heute sind Armee, Geheimdienst und Polizei von rechten Siedler:innen durchsetzt. Für ein Ende der militärischen Kontrolle über die Palästinenser:innen setzt sich selbst innerhalb der Linken kaum noch ein:e Politiker:in ein.

Am 27. Oktober wird in Israel gewählt. Moish Ekman in Pardes Chana kann sich vorstellen, für Netanjahu zu stimmen. Gilad Kenan in Berlin hat sich noch nicht entschieden, ob er überhaupt noch einen Wahlzettel ausfüllt. «Hätten wir gedacht, dass die Wahlen dort noch etwas ändern, dann wären wir nicht gegangen», sagt er. ●