Der Grosse Raub : Dark Doom Honey

Nr. 32 –

Enis Maci über Terror, Indiepop und andere Déjà-vus

Zwei Wochen offline gewesen. Das hinterher mit einem Wischen hochgefahrene Telefon: ein Gully nach dem Regen. You’re my river running high, Schmutzspringbrunnen. Wer soll das trennen? Oder gar beim Namen nennen?

Sommer der Übertretungen: zerplatzte Membranen, kompromittierte Wälle. Breaches. Kontrolle und Kontamination. Dutzende Tote. Hybride Kriegsführung an der Aussengrenze Europas, wo die von den Vereinigten Staaten ermutigten Marokkaner Zehntausende Verzweifelte das Nadelöhr in die spanische Exklave Ceuta passieren lassen, nur um die Überlebenden doch wieder einzufangen. Déjà-vu, Regime Change in der Staatengemeinschaft: Kein Ding, so lang es mit Spaniens Ministerpräsidenten Pedro Sánchez einen trifft, der «uns» schon lang ein Dorn im Auge war.

Zur Schau gestellte Menschenverachtung, die Zweite: Terroranschlag beim Christopher Street Day in Berlin. Die Tote, die ihrerseits mit ihrer Tochter die polnische Grenze überquert hatte, um ausgelassen zu sein. Der Täter, Reinheits- und Penetrationsfanatiker, dauerhaft berauscht von der Grenze zwischen Umma und Kafirn, Sklavenhaltern und Sklaven, Ausbeutern und Ausgebeuteten, Sauberen und Unsäuberbaren. Dass diese Grenze unscharf ist, ist ja grad der Grund, warum einer, den selbst die Eltern als betätigungslosen, incelhaften Versager apostrophieren, mit seinem Blechpanzer mitten in die Menge rast, voller Lustekel, mit dem unbedingten Wunsch, einzudringen, zu töten.

Dass das Unreine Leben ist und Leben schenkt, kann so einer, der selber leer und leblos ist, schlicht nicht verzeihen. Déjà-vu – wer wird die «Männerphantasien» des 21. Jahrhunderts schreiben? Der Unterwerfungsfetisch, die vergewaltigten Kinder und die über Uniformen drapierten Dessous; wer wird das alles einmal trennen, beim Namen nennen?

Sommer der Übertretungen: Endlich Indie-Revival und in der «Zeit» wird auf Thilo Sarrazins Eugenikhit «Deutschland schafft sich ab» abgekultet. Für die Interviewerin Anna Mayr gilt, was Lykke Li letztes Mal schon sang: He a message / I’m the runner / He the rebel / I’m the daughter waiting for you.

Déjà-vu: Das deutsche Informationsfreiheitsgesetz wird abgeschafft. Fortan nur begründete Nachfragen und ungedeckelte Gebühren. Über Maskendeals erführe so nur die etwas, die selber Masken herstellte oder vertriebe. Die Informationen, die beim Regieren entstehen, brauchen die Regierten nicht zu interessieren.

Programme, vermeintlich ausser Kontrolle, Programme, die ihren Zweck erfüllen. In Programmiererkreisen heisst es, der Garten sei ja nicht wirklich eingezäunt gewesen, Anthropics KI also nicht «selbst» entkommen, vielmehr seien optimale Bedingungen für ihr Entkommen geschaffen worden.

Ein passiver Hack, der gänzlich folgenlose Angriff eines grossen Unternehmens auf einige kleinere. Einzelpersonen haben schon für viel weniger Haftstrafen abgesessen.

Déjà-vu: der Selbstmord des US-amerikanischen Hacktivisten Aaron Swartz, der wissenschaftliche Aufsätze öffentlich zugänglich gemacht hatte, weswegen die Staatsanwaltschaft fünfzig Jahre Gefängnis forderte. Dark Doom Honey, Brecht falsch herum: Was ist die Gründung einer Bank schon gegen ihren Raub? Und wann, wann passiert endlich wieder was zum allerersten Mal? ●

Enis Maci ist Autorin und lebt in Berlin.