Drogenpolitik : Seit Jahrzehnten die falschen Fragen
Vor der Street Parade am Samstag ärgert sich der ehemalige Zürcher Drogenbeauftragte über die Versäumnisse im Schweizer Diskurs.
Sechzehn Jahre lang war ich als Experte für Drogen und Drogenpolitik in Zürich tätig. Jeden Sommer vor der Street Parade musste ich Jahr für Jahr dieselben Fragen zu den gerade angesagten Substanzen beantworten. Sechzehn Jahre lang erzählte ich kaum Neues. Ebenso lang versuchten die Journalist:innen, dabei eine akute Gefahr für die Partygänger:innen heraufzubeschwören. Die Frage, ob man Drogenkonsum denn auch als etwas Alltägliches behandeln könnte, stellte man mir sechzehn Jahre lang nie.
2014 habe ich bei der Stadt Zürich aufgehört. Nochmals zwölf Jahre später stelle ich fest, dass sich das Sprechen über Drogen weiterhin höchstens graduell verändert hat. Psychedelika werden gerade zelebriert, Cannabis wird je nachdem kultiviert, medizinalisiert oder in Forschungsprojekten bürokratisiert, Ketamin wird erotisiert, Kokain wird tabuisiert, Crack wird pathologisiert, Heroin wird stigmatisiert, und alle zusammen werden sie nach wie vor kriminalisiert. Nur eines wollen wir partout nicht: den Umgang mit diesen Substanzen als etwas Normales verstehen. So normal und vielfältig wie Sexualität, Sport, Strassenverkehr und andere Dinge, die zu unserem Alltag gehören, mit denen die meisten Menschen im Verlauf ihres Lebens vernünftig umzugehen lernen, an denen einige aber scheitern, mit denen sie sich selbst oder anderen schaden oder durch die sie sogar umkommen.
Als normal betrachten würde bedeuten zu akzeptieren, dass die überwiegende Mehrheit der Menschen, die illegale Drogen konsumieren, nicht abhängig werden. Es würde auch bedeuten, damit zu leben, dass einige Menschen an einer Abhängigkeit erkranken – ob von legalen oder illegalen Substanzen ist relevant, wenn es um die sekundären Effekte geht, insbesondere die finanziellen Probleme, das Stigma und die Ausgrenzung. Nicht zuletzt müssten wir akzeptieren, dass es absolute Sicherheit nicht gibt, auch nicht bei der Frage, ob ein Kind dereinst ein Drogenproblem entwickeln wird oder nicht.
Schuld und Sühne
Was ein normaler Umgang mit Drogen wäre, wird in heftigen Auseinandersetzungen ausgehandelt. Dabei wäre ein halbwegs akzeptabler Konsens nur durch radikale Sachlichkeit zu erzielen. Ansonsten finden wir nicht aus den Widersprüchen heraus, mit denen wir leben, seit wir Drogenkonsum verboten haben: mit Politiker:innen, die Cannabis zum Schutz unserer Jugend auf keinen Fall legalisieren wollen, aber das Mindestalter für Motorradfahren auf sechzehn Jahre senken. Die Unfallstatistik enthüllt, wie wichtig diesen Politiker:innen der Schutz der Jugend wirklich ist. Mit Eltern, die mit ihren Kindern nicht über Drogen sprechen, ADHS-Medikamente aber unhinterfragt akzeptieren. Mit Asylunterkünften, in denen traumatisierten Minderjährigen das Cannabis weggenommen wird und sie stattdessen mit Benzodiazepinen ruhiggestellt werden. Mit der Unterscheidung zwischen den unschuldigen Menschen, die von einem ärztlich verschriebenen Medikament abhängig werden, und den schuldigen, die sich dieselben oder ähnliche Substanzen auf dem Schwarzmarkt besorgen (müssen).
Ginge es darum, drogenpolitische Absurditäten aufzuzählen, könnte ich ein Abendprogramm füllen. Darum an dieser Stelle nur noch etwas Zürcherisches: Die Stadt diskutiert gerade wieder darüber, ob sie eine neue offene Drogenszene habe oder nicht, ob es deswegen mehr oder weniger Polizei brauche, mehr oder weniger Konsumräume, mehr oder weniger strenge Gesetze und so weiter. Was aber passiert, wenn sich in Zürich Menschen in einem kulturell aufgeschlossenen, akademisch gebildeten und politisch nicht zu dogmatischen Milieu zu einem entspannten Abendessen oder einem gepflegten Drink treffen?
Sie sprechen über ihre Drogenerfahrungen. In vertrautem Rahmen reden eine Politikerin, ein Psychiater, eine Professorin, ein Staatsanwalt, eine Beamtin und ein Allgemeinmediziner über ihre Trips, als tauschten sie Ferienerinnerungen und Reisetipps aus. Allerdings geniessen dabei nicht alle Substanzen dasselbe Ansehen. LSD, Ecstasy, Psilocybin und Ketamin fügen sich wunderbar in ein kultiviertes Gespräch ein. Kokain wird geflissentlich verschwiegen, weil es mit Grössenwahn assoziiert wird. Cannabis gilt eher als Ausrutscher aus weniger reflektieren Lebensphasen. Alkohol gehört (gerade noch) dazu – massvoll, gezielt ausgewählt und nicht zu billig. Tabak hingegen ist tabu, weil er nicht nur schädlich ist, sondern auch stinkt.
Achtsamer Rausch
In einigen Zürcher Milieus wird eine Form der achtsamen und kontrollierten Ekstase gepflegt, über die zu sprechen nicht an den Rand der guten Gesellschaft führt, sondern in ihre Mitte. Aber weshalb nur akzeptieren wir ohne Widerrede, dass Drogen im Privaten als etwas Normales thematisiert werden, in der Öffentlichkeit jedoch als Bedrohung für das Stadtbild und das Sicherheitsgefühl? Warum tolerieren wir, dass Crackkonsument:innen wie Ausgestossene durch die Strassen gehetzt werden, während andere in Bars und in Salons das Potenzial psychedelischer Substanzen erörtern?
Weil es in der Drogenpolitik nicht um Drogen geht, sondern um Disziplinierung. Ob du zu deren Ziel wirst, hängt nicht allein davon ab, welche Substanzen du konsumierst. Dein Kontostand spielt eine Rolle, dein Job, deine Bildungsabschlüsse, dein Netzwerk, deine Sprachkompetenzen und dein aufenthaltsrechtlicher Status in der Schweiz, deine Familienverhältnisse und deine Familiengeschichte, deine Wohnsituation und dein Quartier, dein Geschlecht, deine sexuelle Orientierung, deine physische Konstitution und deine psychische Verfassung, deine Selbstwahrnehmung, dein Selbstwert und ob du in deinem bisherigen Leben Schicksalsschläge einstecken musstest oder nicht. Darum denk daran, wenn du oder andere das nächste Mal über Crackuser:innen herziehen: Du hast bloss Glück gehabt. ●
Michael Herzig (60) war von 1998 bis 2014 Drogenbeauftragter der Stadt Zürich. Heute arbeitet er als Dozent für Soziale Arbeit an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Herzig hat ausserdem vier Krimis und einen Roman veröffentlicht – und beteiligt sich am Festival «Substanzen jetzt!», das im November in Zürich stattfindet.