Durch den Monat mit Ahmed Ajil und Kambez Nuri (1) : «Inwiefern haben Sie bei null angefangen?»

Nr. 32 –

Gewaltberater Kambez Nuri und Kriminologe Ahmed Ajil sorgen mit ihrem Podcast «Keshmesh» für Aufsehen.

Kambez Nuri und Ahmed Ajil
«Wir sind beide im Kindesalter als Kriegsflüchtlinge in die Schweiz gekommen und hatten nichts. Da kommen wir her»: Kambez Nuri und Ahmed Ajil.

WOZ: Ahmed Ajil, Kambez Nuri, Ende März haben Sie Ihren Podcast «Keshmesh» gestartet und verhandeln seither regelmässig Themen wie Migration, Rassismus, Gewalt und Männlichkeit. Auf Ihrem Insta-Account habe ich mehrere Kommentare gelesen im Sinne von «Tatsächlich ein Männerpodcast, den ich mir anhören möchte» …

Ahmed Ajil: Das ist lustig, denn unser Anspruch war nie, für Flinta-Personen einen Podcast zu machen, sondern für junge, migrantische Männer.

WOZ: Und wer hört Ihren Podcast nun tatsächlich?

Ajil: Es sind etwa zu sechzig Prozent Frauen, zu vierzig Prozent Männer. Es gibt migrantische Leute – Männer wie Frauen –, die uns ansprechen: «Endlich wird meine Lebenswelt gesehen.» Und dann gibt es weisse Personen, die sagen: «Hey, ich kann megaviel lernen.»

Kambez Nuri: Was ich schön finde, ist, dass ich in letzter Zeit oft Rückmeldungen von weissen Menschen bekomme: Bei ihnen löst unser Podcast sehr viel aus. Im ersten Moment sei es für sie recht schwer reinzuhören, weil sie merkten, dass sie in eine Abwehrhaltung kommen würden: «Ich bin nicht einer von denen, ich bin nicht rassistisch.»

WOZ: Bleibt es beim Widerstand, oder kommt auch ein Reflexionsprozess zustande?

Nuri: Manche schalten vielleicht einfach ab. Andere sagen mir, dass sie mit dem Podcast in einen Reflexionsprozess über ihre eigenen, auch unbewussten rassistischen Verhaltens- und Denkweisen kommen, und sie sind megadankbar dafür. Kürzlich hat mich sogar eine Richterin auf den Podcast angesprochen und mich für eine Weiterbildung für das ganze Gericht gebucht.

WOZ: «Keshmesh» scheint eine Lücke zu füllen, in der Podcastwelt, aber auch allgemein im Diskurs in der Schweiz.

Ajil: Ich wollte schon länger einen Podcast machen. Als ich im Januar 2025 Kambez kennenlernte, konnte ich das erste Mal mit jemandem reden, der den Justizapparat, die Gewalt-, die Kriminalitäts- und die Fluchtthematik kennt, der in der Schweiz sozialisiert ist und der Männlichkeit reflektiert. Vorher hatte ich diesen Raum nie gehabt.

WOZ: Wie meinen Sie das?

Ajil: Ich kannte niemanden, der diese Schnittmenge abdeckte. Mit meinen Kollegen von früher kann ich über alles Mögliche reden, aber kaum über systemkritische, männlichkeitskritische Dinge. Es braucht ja ein gewisses Vorwissen dafür. Mit Kambez teile ich nicht nur biografische Überlappungen, sondern eben auch das Interesse, die eigene Männlichkeit zu hinterfragen. Das ist der Raum, den wir teilen wollen, den wir bisher nicht hatten.

Nuri: Ich bin damit aufgewachsen, dass ich Leuten ein Sicherheitsgefühl vermitteln muss, dass ich nicht gefährlich bin, dass sie keine Angst vor mir haben müssen, dass ich nicht überemotional bin. Wenn ich mit meinen weissen Kolleg:innen über Rassismus redete, spürte ich oft eine Abwehrhaltung. Ich fühlte mich nicht sicher, war die ganze Zeit dabei, mein Gegenüber zu regulieren. Wie kann ich Systemkritik üben, ohne dass sie sich auf individueller Ebene angegriffen fühlen? Wenn ich mit Ahmed rede, muss ich ihn nicht regulieren. Das ist so befreiend.

WOZ: In einer der ersten Folgen sagen Sie, dass Sie den Podcast auch für sich selbst machen.

Ajil: Wir nehmen den Podcast auf, den wir gerne gehört hätten, als wir jung waren. Uns fehlte eine schweizerische migrantische Stimme, die zudem fachlich fundiert ist und nicht erst ihren Platz behaupten muss. Wir gehen davon aus: Wir haben diesen Platz, und wir sind Schweizer. Wir müssen nicht zuerst mal die Daseinsberechtigung klären. In diesem Sinne ist es für uns heilsam. Und wir wollen diese Möglichkeit auch anderen eröffnen: Du kannst migrantisch sein, sportlich, ein ganz normaler Dude. Aber hinterfrage einfach deine Rolle als Mann in diesem ganzen System.

Nuri: Wir können nicht für alle migrantischen Personen sprechen. Aber wir können eine Position einnehmen: Wir sind hetero-cis-männlich aufgewachsen, wir sind migrantisch aufgewachsen. Wir haben bei null angefangen.

WOZ: Inwiefern bei null angefangen?

Nuri: Wir sind beide im Kindesalter als Kriegsflüchtlinge in die Schweiz gekommen und hatten nichts. Meine Eltern mussten die Milch mit Wasser verdünnen, um ihre sechs Kinder zu ernähren. Da kommen wir her. Jetzt reden wir natürlich aus einer anderen Position. Es wird so viel über uns, also über migrantisch-muslimische Männer, geredet. Wir werden als gefährlich dargestellt und höchstens dann beigezogen, wenn es ein Gewaltdelikt gibt. Dabei sind wir nicht nur dann Experten, wenn ein migrantischer Mann Gewalt ausübt. Wir möchten jetzt einfach mitreden.

Ajil: Wir bieten eine kompromisslose migrantisch-linke Perspektive, die schweizerisch ist. Migranten müssen nicht immer nur für Migranten reden, wir können auch einen Schweizer Entwurf anbieten.

Kambez Nuri (33) ist Koleiter der Schweizer Fachstelle für geschlechterreflektierte Jungenarbeit «Oh Boy*». Ahmed Ajil (35) ist Assistenzprofessor für Verhaltenswissenschaften mit Fokus Kriminologie und Sicherheitsforschung an der Universität Luzern. Nächste Woche sprechen sie unter anderem über die mediale Debatte nach dem Anschlag auf den CSD in Berlin.