Ein Aufbruch : St. Gallens wilde Jahrzehnte

Nr. 32 –

In den achtziger Jahren beseitigen Aktivist:innen fulminant den Mehltau, der sich über die Stadt gelegt hat. Vom veränderten Lebensgefühl erzählen zwei neue Bücher.

Selbstporträts der Fotografin Anita Hohengasser
«Ich wollte alles realisieren, was ich im Kopf hatte», sagt Fotografin Anita Hohengasser heute. 1985 zum Beispiel Selbstporträts mit Collier.   

Um 1900 ritt die Ostschweiz die erste grosse Globalisierungswelle ziemlich erfolgreich, ehe sie dann in der Zwischenkriegszeit brutal abgeworfen wurde. Dank der Textilindustrie boomte die Region. Die Textilindustrie deckte rund die Hälfte der weltweiten Produktion ab und machte beinahe ein Fünftel des schweizerischen Exportvolumens aus. Im Zentrum des Aufschwungs: die Stadt St. Gallen. Ihre Bevölkerung wuchs bis 1912 – in den heutigen Grenzen – von 60 000 auf 75 000. Sie war damit deutlich grösser als die von Bern und spielte zahlenmässig in einer ähnlichen Liga wie Genf, Zürich oder Basel. Der Wohlstand befeuerte einen Bauboom, der mit seinen Jugendstilvillen und Prachtbauten das Stadtbild bis heute prägt.

In der Zwischenkriegszeit verwelkt diese Blüte wegen der grossen Abhängigkeit von einem einzigen Industriezweig rasch. Das Exportvolumen bricht zwischen 1919 und 1935 von rund einer halben Milliarde dramatisch auf bloss noch 12 Millionen Franken ein. Die Bevölkerung schrumpft auf etwa 60 000 Einwohner:innen. Die Folge sind eine hohe Arbeitslosigkeit und vor allem: ein angeschlagenes Selbstbewusstsein, das noch Jahrzehnte weiterwirkt. Der hämische Spruch, die Schweiz ende nach Winterthur, könnte in dieser Zeit geprägt worden sein.

Technokraten und Museumskrise

Das Motiv dieser tiefen Verunsicherung taucht immer wieder auf. Im Zusammenhang mit dem Ausbau der Vorläuferausstellung der Olma schreibt die katholische «Ostschweiz»: Es gelte, jede Initiative zu fördern, «die den toten Winkel, in dem wir St. Galler stecken, in die helle und warme eidgenössische Sonne stellen möchte». Nachzulesen ist das Zitat im Buch «Die Stadt St. Gallen seit dem Zweiten Weltkrieg». Geschrieben hat es der ehemalige NZZ-Journalist und Historiker Peter Stahlberger. Er spannt den Bogen streng strukturiert über achtzig Jahre Stadtgeschichte. Sein Blick auf alle wichtigen Themen von öffentlichem Belang ist nüchtern-distanziert. Eine sehr gut lesbare historische Fundgrube für alle, die sich für die Entwicklung einer Schweizer Stadt interessieren.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs herrscht in St. Gallen grosse Wohnungsnot. Seit Beginn des Krieges hatte St. Gallen einen Babyboom und eine wieder einsetzende Zuwanderung erlebt. Die Stadt behilft sich zunächst mit einer Einschränkung der Niederlassungsfreiheit: Nur wer eine Beschäftigung für mindestens sechs Monate nachweisen kann, darf nach St. Gallen ziehen. Erst 1950 hebt die Stadt diese Bestimmung auf, erlässt aber für zwei weitere Jahre Vorschriften für den «höchstzulässigen Wohnraum» für zuziehende Einzelpersonen. Wohnungsnot und bezahlbare Bleiben sind auch in den folgenden Jahrzehnten ein Thema.

Mit dem einsetzenden «Wirtschaftswunder» erholt sich St. Gallen von den Folgen der Stickereikrise. Wohnbaugenossenschaften, gefördert von Kanton und Stadt, sorgen für bezahlbaren Wohnraum. An der Peripherie entstehen neue Siedlungen. Die Zahl der Autos wächst rasant, der Ausbau der Strassen und die maulwurfartige Unterhöhlung der Innenstadt mit Tiefgaragen und die technokratisch-irren Fehlplanungen des Anschlusses ans Autobahnnetz beschäftigen St. Gallen bis heute. Ausserdem schlagen Spekulanten mit der Abrissbirne Schneisen ohne Rücksicht auf den gewachsenen Ort.

Ausdruck dieses technokratischen Wahns ist die grobe Vernachlässigung der Museen im Besitz der finanziell überforderten Ortsbürgergemeinde. 1970 muss das Kunstmuseum wegen Baufälligkeit schliessen und öffnet erst 1987 wieder. Das ist selbst in der Rückschau hochnotpeinlich: Eine Stadt gibt ihre kulturelle bürgerliche Infrastruktur dem Zerfall preis. Womöglich endet die Schweiz tatsächlich in Winterthur.

«Güller-Bewegung»

Am Ende hat diese rücksichtslose, die Bedürfnisse der breiten Bevölkerung ignorierende «Weiterentwicklung» der Stadt auch etwas Gutes. Sie bereitet den Boden für einen produktiven und wilden Neuanfang. Ab Mitte der siebziger Jahre kocht im provinziellen St. Gallen der Unmut aus dem Untergrund hoch und verändert scheinbar aus dem Nichts die Stadt und ihr Lebensgefühl in bloss einem Jahrzehnt. Davon handelt das Buch «Der grosse Aufbruch. Kunst Kultur Protest. Die 80er in St. Gallen». Die Autor:innen Corinne Schatz und Ralph Hug waren selbst Teil dieses linken kollektiven Prozesses. Die «Güller-Bewegung» verquickt Politik und Kultur in wechselnden Kollaborationen. Es geht wild zu und her, Kontroversen, Spannungen und Disharmonie kennzeichnen die mitunter in sich gebrochene Bewegung.

Als sich die Kunsthistorikerin und Kunstkritikerin Corinne Schatz – unter anderem Mitgründerin der Kunsthalle – und der Journalist Ralph Hug 2024 an die Arbeit machen, ist die Quellenlage unklar. Doch die Bedenken erweisen sich als unbegründet. Das Autor:innenteam trägt Originale, Fotos, Zeugnisse und Dokumente zusammen. Aus Ateliers, Kellern und Estrichen, aus Privatarchiven, Fotoalben, alten Mappen und Nachlässen kommt «so manche Exklusivität ans Licht». Das über 500 Seiten starke Buch erinnert an einen Kunstkatalog, der hohe Bildanteil ist wichtig und spricht genauso aus der Zeit wie die Texte und die zahlreichen Interviews mit damaligen Aktivisten und Künstlerinnen. Es ist keine systematische Geschichte, schon gar nicht eine abschliessende. Das ist aber gerade eine Stärke und spiegelt den vibrierenden Geist jener Zeit.

«Wir waren alle sehr unbekümmert»

Zu sehen sind Arbeiten von Künstler:innen, die sich vom Kunstbetrieb bewusst fernhielten, etwa die aufwendig gestalteten Kino- und Konzertplakate eines Stefan Schwald, aber auch Bilddokumente von heute international bekannten Künstler:innen wie Roman Signer, Pipilotti Rist, jene des Kunstvermittlers, Kurators, Verlegers und Förderers Josef Felix Müller oder des Dokumentarfilmers Peter Liechti. Sie waren genauso Teil der Bewegung wie der stille Hugo Budaz Keller, der die Lizenz als Filmoperateur besass, aber auch als Experimentalfilmer und Plakatkünstler aktiv war. Ohne ihn hätte das Programmkino K59 (heute Kinok) Mitte der achtziger Jahre gar nicht starten und Filme aufführen können. Viele Bewegte von damals kommen in Interviews im Buch zu Wort. Sie vermitteln eine Ahnung davon, wie diese jungen Menschen ins Handeln kamen und einfach drauflosmachten, scheinbar ohne Plan, ohne führende Köpfe jedenfalls, ohne Fördergelder, ohne feste Orte.

Es war ein unübersichtliches Durcheinander, Nebeneinander und Miteinander, getrieben von einer anarchischen Energie. Sie eroberten sich ihre Orte gegen die Widerstände der etablierten bürgerlichen Kräfte im Lauf des Jahrzehnts selbst und etablierten sie schliesslich. Die Fotografin Anita Hohengasser sagt über jene Zeit: «Jede freie Minute nutzte ich, um Neues auszuprobieren. Ich war voller Ideen und wollte alles realisieren, was ich im Kopf hatte.» Und Pipilotti Rist erinnert sich: «Wir waren damals alle sehr unbekümmert und probierten einfach alles aus.»

Ein Beispiel, das die damaligen Kollaborationen veranschaulicht, ist eine Aufführung der Kinoki-Gruppe. Als Vorläuferin des Programmkinos K59 formierte sie sich 1982 um den Künstler Peter Kamm. Sie bezog sich auf ein historisches Vorbild, eine Gruppe junger Dokumentarist:innen um den sowjetischen Filmpionier Dsiga Wertow (1898–1954). Entsprechend führte die St. Galler Gruppe sowjetische Filme aus jener Zeit vor – an Orten wie der Kehrichtverbrennungsanlage oder dem Volksbad. Den Stummfilm «Sturm über Asien» von Wsewolod Pudowkin projizierten sie an einen schneebedeckten Hang am Stadtrand. Der Schnee diente als Leinwand, das Filmbild war mit Spraydosen abgesteckt. Sie waren mit Sprengkapseln und Zündschnüren versehen. Am Ende jagte Roman Signer die Schneeleinwand in die Luft. Peter Liechti dokumentierte den Vorgang fotografisch. In den kommenden Jahrzehnten hinterliessen die jungen Künstler:innen von damals markante Spuren in der Stadt, so etwa Roman Signer mit seiner Brunnenskulptur, Pipilotti Rist am Raiffeisen-Hauptsitz mit ihrem nicht unumstrittenen roten Platz und Norbert Möslang mit der Uhr am Bahnhofplatz, die die Zeit im Binärcode anzeigt.

Wortbilder von Peter Kamm mit Kreide, Kohle und Schellack, 1981
Gegen die Widerstände der etablierten bürgerlichen Kräfte: Wortbilder mit Kreide, Kohle und Schellack, 1981.   Peter Kamm

Vollmundige Ansage

Prägend für den politisch-kulturellen Aufbruch war auch die feministische Bewegung, die sich gestalterisch ins öffentliche Leben einmischte. Sie webte ein Netz, das bis heute trägt: die politische Frauengruppe (PFG), das Frauenhaus, die Frauenbibliothek Wyborada und das Archiv für Frauen- und Sozialgeschichte (ursprünglich Frauenarchiv). Die Bewegung hinterlässt eine kulturelle Infrastruktur, ohne die St. Gallen nicht wäre, was die Stadt bis heute ist, nämlich alles andere als provinziell: die Grabenhalle, das Programmkino Kinok, die Kunsthalle im alten Lagerhaus, die Buchhandlung Comedia, die Genossenschaftsbeiz Schwarzer Engel. In den neunziger und nuller Jahren gab es weitere Neugründungen, etwa das Kulturmagazin «Saiten» und das Debattier- und Konzertlokal Palace oder das punkige «Rümpeltum». Nicht zu vergessen die Lokremise und die international ausstrahlende Kunstgiesserei Sittertobel mit ihren Ateliers, dem Werkstoffarchiv und der Kunstbibliothek.

Peter Stahlberger zitiert in seiner Geschichte die «Vision 2030» des Stadtrats. St. Gallen, heisst es dort vollmundig, verstehe sich in Sachen Kultur als eine «Stadt mit nationaler und internationaler Ausstrahlung». In der öffentlichen Kulturförderung hat sich zwar etwas verschoben, aber allein Stadttheater und Tonhalle erhalten jährlich 30 Millionen Franken, während alle anderen Kulturorte vom Kleintheater bis zur Grabenhalle oder dem Kinok sich mit 3,7 Millionen Franken begnügen müssen. Das ist deutlich mehr als in den Achtzigern, aber womöglich immer noch viel zu wenig. Falls eine jüngere Generation wieder mal in die politisch-kulturelle Offensive gehen möchte: «Der grosse Aufbruch» ist eine grossartige Inspirationsquelle. ●

▶ Peter Stahlberger: «Die Stadt St. Gallen seit dem Zweiten Weltkrieg». VGS Verlagsgenossenschaft. St. Gallen 2025. 464 Seiten.

▶ Ralph Hug, Corinne Schatz: «Der grosse Aufbruch. Kunst Kultur Protest. Die 80er in St. Gallen». VGS Verlagsgenossenschaft. St. Gallen 2026. 536 Seiten.