Essay : Von der Verantwortung für den Schutz queerer Leben

Nr. 32 –

Am 25. Juli tötete ein islamistischer Attentäter am Berliner CSD eine Frau und verletzte 31 weitere Menschen. Die rechten Reaktionen waren erwartbar – aber in der Linken wäre es Zeit für eine produktivere Aufarbeitung.

Tatort des Anschlags am Christopher Street Day im Berliner Tiergarten
«Gewalt ist nur die ex­trems­te Form der Ablehnung»: Tatort des Anschlags am Christopher Street Day im Berliner Tiergarten.   Christian Ditsch, Imago

Ich weiss nicht mehr genau, wie alt ich war, zwölf vielleicht oder dreizehn, als ich in eine fröhliche Parade lief, angeführt von tanzenden Männern in Lack und Leder, manche mit SM-Masken, manche in Drag. Überall flatterten Fahnen in leuchtenden Regenbogenfarben. Das musste dieser in Hamburg allseits bekannte Christopher Street Day sein. Ich war froh, an einem Ort zu leben, an dem Menschen ausgelassen feiern können. Mit der Zeit nahm ich die Parade als selbstverständlich wahr: Wenn ich gut drauf war, winkte ich den Tanzenden zu; manchmal war sie mir auch egal, weil ich andere Sorgen hatte wie den nächsten Mathetest oder die Frage, wie ich vermeiden könnte, meinem Crush an der U-Bahn-Haltestelle zu begegnen.

Die politische Dimension des CSD begriff ich aber nicht in Hamburg, sondern etwas später in Teheran. Ich war ein wenig älter, als ich dort eine Strasse entlangging, an der junge Männer sassen. Sie sahen schüchtern aus, verängstigt, ihre Augen traurig. Ich fragte in meiner Familie, weshalb das so sei. «Die sind schwul. Oder trans», lautete die Antwort. Ich wusste damals schon, dass Homosexualität im Iran verboten ist. Homosexuellen droht Inhaftierung oder auch die Todesstrafe. Erst Jahre später erfuhr ich, dass man Homosexuellen im Iran eine Geschlechtsoperation empfiehlt, um der Kriminalisierung zu entkommen. Trans sein ist legal, die Krankenkasse übernimmt die Kosten für die OPs grösstenteils. Dennoch bleiben trans Menschen diskriminiert und die psychische Belastung für die LGBTIQ-Community hoch. Für sie wünschte ich mir die Freiheit und Normalität, die ich aus Hamburg kannte.


Als sich im September 2021 die trans Frau Ella Nik Bayan auf dem Berliner Alexanderplatz anzündete und später starb, hat mich das sehr getroffen, auch wenn ich sie nicht kannte. Sie war aus dem Iran geflohen und hatte es hier wie so viele queere Geflüchtete mit der Brutalität der Behörden zu tun. Ihre ersten Jahre in Deutschland lebte sie in Magdeburg. Ein Freund von ihr sagt, es seien oft arabischstämmige Jugendliche gewesen, die sie auf der Strasse beleidigt hätten. Aber auch die Behörden machten ihr das Leben schwer. Einmal hatte ihr eine Sachbearbeiterin entgegengeschrien, sie sei ein Mann. Ihre Freunde sagten, dass es die tägliche Diskriminierung war, die sie in den Tod getrieben habe. Ihr Grab wurde seitdem mehrfach geschändet.

Wenn ich Ellas Lächeln auf Fotos sehe, denke ich auch an die traurigen Augen der Männer in Teheran. Sie verbindet die Erfahrung, dass queeren Menschen immer wieder vermittelt wird, dass sie weniger wert seien und ihre Leben nicht schützenswert.

Fünf Jahre nach Ellas Tod tanze ich selbst in Berlin auf dem CSD zum schwulen, kurdischen Rapper Baran Kok. Die Parade ist inzwischen vielfältiger geworden, nicht mehr ganz so weiss wie zu meiner Teeniezeit, und gleichzeitig ein kommerzieller Massenevent, den auch nichtqueere Menschen besuchen, um ein Zeichen gegen Queerfeindlichkeit zu setzen. Am Rand der Parade stehen Gruppen von Nazis und beschimpfen Teilnehmende. Einen Tag später fährt ein Islamist voller Hass in feiernde Menschen. Viele werden verletzt, eine Frau stirbt. Sie hinterlässt eine junge Tochter. Die beiden waren extra aus Polen angereist, einem Land, in dem queere Menschen unter grossem politischem und gesellschaftlichem Druck stehen.


Der Anschlag auf den CSD passierte nicht aus dem Nichts. Er ist die extremste Ausprägung einer Queerfeindlichkeit, die es in vielen Milieus gibt. Die Zahl queerfeindlicher Hassverbrechen hat sich in Deutschland zwischen 2020 und 2024 verdreifacht; die Zahl der Fälle, die sich gegen geschlechtliche Diversität richten, sogar mehr als verfünffacht. Die meisten Straftaten werden rechten Täter:innen zugeordnet. Zahlen belegen auch die hohe psychische Belastung queerer Menschen: Weltweit sind Suizidrisiko und Suizidraten unter ihnen höher und Depressionen häufiger – auch in Deutschland und der Schweiz.

Beim CSD in Berlin ging die tödliche Gewalt von einem 21-jährigen Deutschen mit libanesischen Wurzeln aus. Ein islamistischer Gefährder, bekannt bei den Sicherheitsbehörden. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt sprach von einem «islamistischen Terroranschlag». Das entfachte erneut eine aufgeregte Debatte darüber, wie mit Muslim:innen umzugehen sei. Bei Rechten stehen härtere Gesetze und Bestrafungen, Abschiebefantasien und der Entzug der deutschen Staatsbürgerschaft auf der Tagesordnung. Linke hingegen neigen dazu, ein Auge zuzudrücken, wenn es um LGBTIQ-Feindlichkeit in migrantischen und muslimischen Communitys geht; dabei sind sie sonst gerne religionskritisch. Doch man möchte nicht als rassistisch gelten. So hatte etwa 2024 der Berliner Queerbeauftragte Alfonso Pantisano dem damaligen SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert antimuslimischen Rassismus vorgeworfen, als dieser berichtete, dass aus muslimisch gelesenen Männergruppen öfter mal ein homophober Spruch komme.

Mit diesem Totschlagargument wird die dahinterliegende Problematik abgefrühstückt. Man duldet so homo- und queerfeindliche Einstellungen – worunter Betroffene leiden, denen eigentlich Solidarität zusteht. Manche Linke verweisen darauf, dass es sich bei Queerfeindlichkeit um ein gesamtgesellschaftliches Problem handle. Das stimmt. Aber es kann nur Lösungen geben, wenn ein Problem konkret da thematisiert wird, wo es auftritt. Das muss man auch von Muslim:innen und Menschen, die von Rassismus betroffen sind, einfordern.

Gleichzeitig betrachten Linke in Europa Islamismus oft als Folge hiesiger Verhältnisse oder als Antwort auf westlichen Imperialismus. Dies blendet aus, dass islamistische Ideologien in anderen Ländern politische und gesellschaftliche Ordnungen prägen, und spricht Islamist:innen ihre Entscheidungsmacht ab. Im Kontext transnationaler islamistischer Netzwerke und länderübergreifender Finanzierung darf diese Ebene nicht ausgeblendet werden. Auch sollten Fälle der islamistischen Radikalisierung nicht ausschliesslich als Reaktion auf ausgrenzenden Rassismus erklärt oder der Fokus darauf verengt werden. Aus der Forschung ist ein breites Spektrum an Faktoren bekannt, die eine entsprechende Radikalisierung fördern können, darunter etwa geopolitische Konflikte oder sozioökonomische Perspektivlosigkeit.

Eine Analyse verwässert das Problem, wenn sie stets darauf verweist, dass Muslim:innen in Deutschland und Europa keine hegemoniale Macht ausübten. Sie sollte stattdessen anerkennen, dass Rassismus wie Islamismus hier gleichsam institutionell verankert sind. Und dass Muslim:innen genauso sehr Täter:innen sein können wie Nichtmuslim:innen – wenn auch in unterschiedlichem Ausmass, und auch wenn die Verhältnisse nicht gleichgesetzt werden dürfen.

Manche Muslim:innen wehren sich gegen den Begriff «Islamismus», weil sie ihn als stigmatisierend empfinden. Und weil es auch in Christentum und Judentum queerfeindliche Haltungen gibt, aber keinen vergleichbaren Begriff. Diese Kritik ist berechtigt. Dennoch ist es nicht falsch, von Islamismus zu sprechen, denn er benennt die Motivation hinter einer Handlung direkt und präzise. Begriffe wie «religiös begründeter Extremismus» oder der Verweis darauf, dass muslimische Queerfeindlichkeit letztlich einem faschistischen Denken entspricht (was nicht falsch ist), verschleiern diese spezifische Motivation. Es ist eine privilegierte Debatte, sich allein über Begrifflichkeiten zu streiten. Und sie verdrängt die eigentliche Frage: Wie wird in muslimischen und migrantischen Communitys mit Homosexualität und queeren Menschen umgegangen?


Den Nährboden für antiqueere Haltungen und Gewalt bereitet die Gesellschaft. An der Politik wiederum liegt es, dass die Frage, ob queeres Leben ausreichend Schutz erhält, immer wieder verdrängt wird – gerade angesichts der gestiegenen Zahl queerfeindlicher Straftaten. Beispiele gibt es zuhauf. Wenn einem CSD wie jenem im brandenburgischen Rathenow die Förderung gestrichen wird. Wenn die Finanzierung queerer Projekte ungewiss ist. Wenn die Regenbogenfahne anlässlich des CSD nicht über dem Bundestag gehisst wird – und Bundeskanzler Friedrich Merz dazu sagt, das Parlamentsgebäude sei «kein Zirkuszelt». All das sendet ein Signal an die Gesellschaft: Queere Menschen haben Partikularinteressen, die nicht so wichtig sind. Es kommt auch in konservativen migrantischen und muslimischen Kreisen an und bestätigt Menschen, die Homosexualität und Queerness ohnehin ablehnen, in ihrer Haltung.

Der Anschlag auf den CSD markiert daher keinen Bruch mit unserer Gesellschaft. Er ist Teil eines grösseren Gefüges, in dem Queerfeindlichkeit, Rassismus, Islamismus und staatliche Entscheidungen miteinander verwoben sind. Die Gewalt eines Einzelnen ist dabei keineswegs repräsentativ für eine gesamte Community. Aber sie steht auch nicht ausserhalb von Strukturen, in denen bestimmte Einstellungen entstehen und weitergegeben werden.

Islamverbände haben sich von Gewalt gegen Queers distanziert. Doch Gewalt ist nur die extremste Form der Ablehnung. Die entscheidende Frage für die Organisationen sollte daher lauten, wie mit queeren Menschen innerhalb muslimischer Gemeinschaften umgegangen wird. Darf ein schwuler Mann, eine lesbische Frau oder eine trans Person am Freitagsgebet teilnehmen? Darf man eine Regenbogenfahne im Gebetsraum aufhängen – als Zeichen der Solidarität, die man selbst so oft einfordert? Wie steht man zu Frauen, die sich als lesbisch outen? Wie möchte man migrantischen Teilen der LGBTIQ-Community die Angst davor nehmen, beschimpft oder verletzt zu werden? Möchte man ein Schutzraum sein für Homosexuelle? Würde ein Imam einem homosexuellen Paar seinen Segen aussprechen?

Soll die Gesellschaft queeres Leben schützen und die Selbstverständlichkeit von CSDs verteidigen, dürfen sich auch Muslim:innen und Migrant:innen nicht hinter Begrifflichkeiten verstecken und sich dadurch ihrer Verantwortung entziehen. ●

Islamwissenschaftlerin Amina Aziz war bis vor kurzem Ko-Chefredaktorin beim queerfeministischen Berliner «Missy Magazine». Derzeit arbeitet sie als freie Autorin.