Interessante Welt : Auf dem Trockenen
Ruedi Widmer über die Schweiz in humor- und wasserlosen Zeiten
Wie soll ich beginnen? Mit trockenem Humor oder saisonal ausgetrocknetem Humor?
Dieser humorlose Sommer ist nicht zum Lachen. Die Menschen ächzen unter der siedenden Nachrichtenlage. Herr Rösti demontiert die Post. Herr Infantino macht Walliser Witze, die keiner versteht («Fifa verchöife»). In Deutschland trocknen die Gehirne so stark aus, dass sie zerbröseln und in die Essays der «Welt» und die Unterhaltungsblöcke der AfD rieseln (U. Poschardt, U. Steimle).
Die Landwirtschaft klagt über fehlendes Wasser und sterbende Kühe. Das ist eine problematische Kombination, denn eigentlich dachte ich, dass sich die Felder für das Vieh im Notfall auch mit deren Milch bewässern liessen («bemilchen»), denn wir haben ja immer noch Milchschwemme.
Aber immer mehr Milch wird als Löschmilch in die EU exportiert, zum Beispiel nach Frankreich.
Denn dort brennen diesmal nicht die «Problemviertel», sondern die Problemwälder (Pinien), und für Europa ist kein Löschwasser mehr vorhanden, weil die KI-Rechenzentren im All bei diesen Temperaturen gewässert werden müssen, damit Bauer Musk seine Ernte (saftige Wasser- und Honigbillionen) einfahren kann.
Die Gletscher und die Bergfirne schmelzen gar noch schneller, als es der Butterberg tat. Der Piz Bernina ist inzwischen ganz grau, ausser dem Biancograt. Die Berghänge beginnen ihre Muskeln zu lockern. Locker-trockig trifft Hang auf Gegenhang, bis irgendwann alles eingeebnet (blatt) ist.
Gerade in den Sommerferien sind wir auf Reisen («klimawandeln») und beschäftigen uns mit anderen Sprachen, vor allem auch in der Schweiz, wo Rösti auf Französisch Rœustie heisst.
Viele schweizerische Ortschaften haben einen Namen auf Deutsch und Französisch oder auf Deutsch und Italienisch. Bekannt sind Biel und Bienne, Bâle und Basel oder Porrentruy und Pruntrut. Weniger bekannt sind Lauis für Lugano, Luggárus für Locarno, Bellenz für Bellinzona oder Aschgunen für Ascona. Wenn Bellinzona Bellenz ist, ist Koblinzona Koblenz. Lausanne heisst auf Deutsch Losanen, Montreux Muchtern (Letztere beiden keine Witze, ganz Sommer 2026).
Gut zu wissen, denn inzwischen wollen ja die meisten deutschschweizerischen Schüler:innen lieber Italienisch als Französisch lernen. Es braucht also keine französischen Namen mehr für Laucarne (Locarno) und Louganault (Lugano). Schluss auch mit Laummise (Lommis), Frichâtel (Freiburg), Croxlingue (Kreuzlingen), Toutechville (Allschwil), Autregivé (Andermatt), Bisousnuit sur le Rigi (Küssnacht am Rigi), Train (Zug) oder Zurich Oreillesicon (Zürich Oerlikon).
Für die Übersetzungen in diesen Zeilen benutze ich teilweise Deepl. Auf die Gefahr hin, wegen KI zum Deppl zu werden. Deepl hat sich selbstständig in meinen Kopf eingehackt (Spitzhacke). Bergsteigerinfos: Mein Kopf ist zwar schneefrei, aber immer noch hart wie Granit.
Das einzig Gute nach diesem humorlosen rechtspopulistischen Feuerkriegsfussballsommer: Der Wanderpokal wechselt wieder die Besitzerschaft. Die Wutbürger:innen des Herbstes sind wir! ●
Ruedi Widmer (immer noch aus Hiverthour ZH) schreibt nun wieder alle zwei Wochen eine Kolumne.