Leser:innenbriefe

Nr. 32 –

Totaler Boykott tut not

«WM 2026, 2030, 2034: Riad. Ein Wintermärchen», WOZ Nr. 29/26

Der Autor schreibt mir aus der Seele. Ich habe vor etlichen Fussball-WMs ganze Endrunden am Fernseher geschaut, doch schon lange widert mich dieser «Sport» an. Und ich frage mich, was noch alles passieren muss – die Vorausschau des Autors ist überhaupt nicht abwegig –, bis linke und denkende Menschen sich endlich einem totalen Boykott anschliessen.

Werner Egloff, Walzenhausen

Grober Unfug

«Fifa in der Kritik: Mittlerweile eine Art Profimafia», WOZ Nr. 29/26

Ich habe selber zwanzig Jahre lang Fussball gespielt und schaue mir seit über sechzig Jahren Fussballspiele an – im Stadion, an der WM, am Fernseher. In diesem Interview masst sich der «Sportjournalist und Buchautor» Thomas Kistner eine Meinung zu einem Spiel an (Schweiz gegen Argentinien), das er gar nicht gesehen hat. Er bezieht sich für seine Ansichten auf «mehrere Schiedsrichterexperten». Er mutmasst über den Einfluss der Argentinier auf die Fifa generell und speziell auf den Schiedsrichter in diesem Spiel. Heimteams schliesslich, so Kistner weiter, müssten erfolgreich sein und mindestens das Halbfinal erreichen. Davon hänge die Stimmung und der kommerzielle Erfolg ab.

Das alles ist grober Unfug und hat einen verschwörungstheoretischen Beigeschmack. Keines der Heimteams hat das Halbfinal erreicht, alle schieden im Achtelfinal aus – chancenlos. Stimmung und kommerzieller Erfolg hätten kaum besser sein können. Schiedsrichter Pinheiro hat die Schweiz gelegentlich benachteiligt, nicht aber in der matchentscheidenden Szene. Bezüglich dieser «mutmasslichen Schwalbe» hat er richtig entschieden. Die rote Karte entspricht dem Regelwerk, war zwingend, und Embolo hat dem Schweizer Team einen Bärendienst erwiesen. Darüber sind sich die Experten zu Recht einig. Embolo, der lange geschwiegen hat, weiss das auch selber.

Jürg Oskar Luginbühl, Adliswil

Ich glotze!

«Aus der Küche des Wahnsinns: Wer hat ein Glotzproblem?», WOZ Nr. 29/26

Seit 2020 bin ich in meiner Stadt Zürich nur noch zu Fuss unterwegs, mit dem Handy als Schrittzähler, eingestellt auf 10 000 Schritte, aber ohne im Internet gefangen zu sein, wie die meisten unterwegs sind. Ich betrachte die Umgebung und bemerke Veränderungen, sehe die Leute, die mir begegnen, auch an. Wenn sie mich ebenfalls ansehen, grüsse ich verbal oder mit Nicken alle, Gross und Klein. Das sind Personen, die keine Kopfhörer im Ohr stecken haben oder wie «Mickymaus:innen» aussehen, sondern offen für die Umgebung sind.

Danke an die Kolumnistin, mir geht es wie ihr: Ich wusste nicht, dass ich ein Glotzer bin. Weil ich alle anglotze, glotze ich mit gutem Gewissen weiter und grüsse weiterhin andere Glotzer:innen, damit wir uns gelegentlich anlächeln.

Christian Ruh, per E-Mail

Missbrauch von Kulturgut

«Öffentlicher Raum: Mit Mozart gegen Menschen», WOZ Nr. 28/26

Mozart für die Menschheit eine Plage? Ich lese viele ausgezeichnete Artikel in der WOZ, aber was da mit Unterstützung des JournaFonds recherchiert und der Leserin, dem Leser präsentiert wird, darf nicht unwidersprochen bleiben.

Zunächst ist da einmal das Thema der akustischen Umweltverschmutzung: für manche tatsächlich eine Plage, weil es an vielen Orten, nicht nur bei den SBB, in Bahnhöfen dudelt, singt und klingt, wobei sich über Geschmack bekanntlich nicht streiten lässt. Aber genau da setzt der Artikel mit einer allzu engen Auslegung des Kulturbegriffs an. Klassische Musik ist keineswegs «nur» elitär. Im Gegensatz zu ihren «Gedudel»-Deutungen wird die Autorin bei Goethe und Gottfried Keller wohl kaum von Geschwafel reden oder bei einem Ferdinand Hodler von Geschmier. Damit aber zum Kern des WOZ-Artikels: Sollten die SBB im bedachten Bereich des «Rouchers» am Berner Bahnhof tatsächlich klassische Musik «dudeln» lassen, um Menschen zu vertreiben, wie behauptet wird, so wäre dies im Vorsatz missbräuchliche Verwendung eines Kulturguts.

Hans Martin Ulbrich, Rifferswil