Manifesta : Gemeinschaft statt Provokation
Die neuste Auflage der politischen Wanderbiennale rennt im Ruhrgebiet offene Kirchentüren ein.
Ein Blowjob für Jesus? Als der Künstler Andrea Saltini 2024 in einer entweihten Kirche im norditalienischen Carpi seine Arbeit «INRI» ausstellte, war die Aufregung gross. Ein Besucher attackierte den Künstler und sein Gemälde, auf dem sich der Kopf eines Mannes über den Intimbereich des nackten Jesus nach der Kreuzabnahme beugt, mit Messer und Lack. Eine Onlinepetition forderte, die «blasphemische» Ausstellung zu schliessen.
Kunstfreund:innen, die nun bis Anfang Oktober durch die zwölf Kirchen in Essen, Bochum, Gelsenkirchen und Duisburg pilgern, in denen die 16. Ausgabe der europäischen Wanderbiennale Manifesta gastiert, haben keine solchen atheistischen Provokationen zu befürchten. Die Videoarbeit «Sleeping Jesus» der Kunstgruppe Superflex in einem Raum der St.-Marien-Kirche im Essener Norden, die den jüdischen Wanderprediger in Nahaufnahme beim Schlafen zeigen soll, ist viel zu liebevoll, als dass sie Anstoss erregen könnte.
Bergbau wird Kultur
Im Kulturlandschaft gewordenen Hochamt des Fossilozäns, das auf den Kosenamen «Ruhrpott» hört, verschmelzen die scheinbaren Erzfeinde Kunst und Religion: Das zeigt Mirosław Bałkas Skulptur «Madonna». Die Kohlebrockenskulptur einer überlebensgrossen Gottesmutter im Stahlkäfig vor der Bochumer Christ-König-Kirche ruft die Bedeutung der Ikone für die polnischen Arbeitsmigrant:innen in Erinnerung, die die Region prägten. Sie symbolisiert aber auch, wie der Rohstoff der Industrialisierung gleichsam zur göttlichen Substanz aufstieg.
Der Verzicht auf Blasphemisches mag damit zu tun haben, dass niemand gern Sterbenden nachtritt: Die Ausstellungsorte für die über hundert Künstler:innen der 1996 als Reaktion auf das Ende des Kalten Krieges konzipierten Ost-West-Biennale, die sich später in ein Labor der urbanen Transformation entwickelte, sind alle bereits entweiht. In den kommenden Jahren werden in Deutschland bis zu 22 000 der rund 44 000 Kirchen schliessen. Schrumpfende Mitgliederzahlen und steigende Kosten machen sie als Andachts- und soziale Orte obsolet. In der Schweiz geht es nicht ganz so schnell; dort haben in den letzten 25 Jahren etwa 200 Klöster, Kirchen und Kapellen von mutmasslich insgesamt 3500 Kirchen diese Verwandlung durchlaufen – oder stehen kurz davor.
Da leuchtet die Idee des katalanischen Architekten Josep Bohigas, einst Generaldirektor der Stadtentwicklungsagentur in Barcelona (dem Standort der letzten Manifesta 2024) und aktuell ein Mitkurator der Manifesta im Ruhrgebiet, unmittelbar ein. Man macht nicht die ehemaligen, teils längst zu Kulturorten umgeformten Produktionsstätten des Bergbaus (wie etwa die Essener Zeche Zollverein) oder die ökologisch aufbereiteten Gruben zu Schauplätzen der Transformationsmaschine Manifesta. Vielmehr setzt man dem Zerfall der religiösen Nachbarschaftsstrukturen ein Plädoyer für deren säkulare Umnutzung entgegen, entstanden diese sogenannten Pantoffelkirchen doch nach dem Zweiten Weltkrieg in der mit Hausschuhen erreichbaren Lebenswelt der Menschen.
Hotspot oder Begegnungsort
Mit Religion hat Bohigas, auch bekannt als Miterfinder der verkehrsberuhigten und begrünten städtischen «Superblocks», aber nichts am Hut. «Die Kirche ist für mich ein Ausdruck der Nachbarschaft und der Nähe. Sie ist nicht als Ort der Religion anzuschauen», entgegnet der Architekt auf Einwände, er wolle hier doch einfach den Teufel der sozialen Leere mit dem Beelzebub der Sakralbauten austreiben. Angesichts des Verlusts öffentlicher Räume, in denen sich Menschen begegnen können, versucht die Manifesta als exemplarisches Labor eine Öffnung solcher Orte. Diese ist für ganz Europa interessant, weil sie jenseits von Kommerz und Übersinnlichem stattfindet.
Sie unterscheidet sich damit etwa auch vom spektakulären Versuch des Berliner Galeristen Johann König. Die brutalistische Kreuzberger St.-Agnes-Kirche, die der Spross der deutschen Buchhändlerdynastie schon 2011 in eine Galerie verwandelt hat, ist heute einer der exklusiven Hotspots des internationalen Kunstmarkts.
Schade nur, dass die 16. Manifesta trotz dieses interessanten Ansatzes nicht die Strahlkraft legendärer früherer Stationen erreicht. Was auch daran liegt, dass die Orte im Stadtbrei des Ruhrgebiets weniger spektakulär sind als die Ruine des Grandhotels in Priština 2022 oder der neoklassische Palazzo Costantino in Palermo 2018. Wer durch die versteckten Kirchen streift, dem dämmert immerhin die Dimension dieses Kulturerbes der Nachkriegszeit und des geistigen Leerraums, der sich hier auftut.
Und natürlich gibt es grossartige Arbeiten wie Ayşe Erkmens digitalen Beichtstuhl in einer Glaskabine in der Essener St.-Gertrud-Kirche, wo man mit einem Chatbot kommuniziert. Luc Tuymans’ Wandfries, gefertigt aus Standbildern von Leni Riefenstahls NS-Propagandafilm «Triumph des Willens», ist eine der wenigen Manifesta-Arbeiten, die auf den erdrückenden politischen Rechtsruck nicht nur im Ruhrgebiet zielt. Der Fries, bei dem der Künstler alle expliziten Symbole entfernt hat, steht in der Bochumer Christ-König-Kirche, die 1932, also ein Jahr vor Hitlers Ernennung zum deutschen Reichskanzler, erbaut wurde.
Orgeln mit Basketball
Aber nur selten gelingt einer Arbeit ein nachhaltiger Brückenschlag zur künftigen Gemeinschaftsbildung. Die leuchtend blaue Plane, mit der das Kollektiv Penique Productions die Gelsenkirchener St.-Josef-Kirche ausgekleidet hat, formuliert nicht viel mehr als die offene Frage danach. Das Pele Collective wiederum hat vor der Essener Markuskirche einen Spielplatz mit Planschbecken und Minibibliothek eingerichtet. Vielerorts wird längst umgenutzt: Die Stiftung Brennender Dornbusch betreibt die Duisburger Liebfrauenkirche als Kulturort, in der Thomaskirche in Gelsenkirchen haben sich Architekt:innen eingemietet, in St. Bonifatius eine Bäckerei. Womöglich hätte es des Grossevents Manifesta gar nicht bedurft, um einen Wandel anzuschieben, der sich bereits überall vollzieht.
Die Schwierigkeit, «This is not a church», das exorzistisch angehauchte Motto der Manifesta, durchzusetzen, zeigt sich in der Bochumer St.-Ludgerus-Kirche. In den vor zwei Jahren als Gotteshaus aufgegebenen Klinkerbau hat das Künstlerpaar Cabosanroque mit dem Kollektiv Flexo Arquitectura die wie ein Spielfeld gestaltete Klanginstallation «Fail Louder» eingebaut. Jeder Wurf mit dem Basketball auf das weiss-pink lackierte Gestänge löst eine Note auf der alten Orgel auf der Empore aus. Rief noch vor kurzem die Liturgie Menschen zusammen, ist es hier das absichtslose Spiel. Doch selbst wenn sich die Gemeinde entschlösse, das coole Set zu behalten, um die Kids aus der Nachbarschaft ins leere Kirchengebäude zu locken – das symbolische Gewicht der Religion würde der Bau so schnell nicht los. ●
▶ «This is not a church». Manifesta 16 Ruhr, bis zum 4. Oktober 2026. Eintritt frei. manifesta16.org/de