Monika Helfer (1947–2026) : Literarisches Leben

Nr. 32 –

Mit der autofiktionalen Literatur ist es so eine Sache: Viel zu oft wird da Biografisches ausgebreitet, das man so genau gar nicht wissen wollte, und allzu selten findet sich ein literarischer Anspruch. Nicht so bei Monika Helfer. Wobei sie es einem nicht leicht macht, mit einem Buchtitel wie «Vati» (2021) etwa – doch die Zweifel fallen gleich mit den ersten Sätzen ab: «Wir sagten Vati. Er wollte es so. Er meinte, es klinge modern.» Und schon ist man mitten in einer Welt, mit Kinderaugen beschrieben, aber immer wieder durchbrochen, reflektiert in Szenen aus der Gegenwart, einem kurzen Wortwechsel mit der hochbetagten Stiefmutter über ein altes Familienfoto. Die Sprache lakonisch, mitunter so ironisch, dass man laut herauslacht.

Portraitfoto von Monika Helfer
Die österreichische Autorin wurde für ihre literarischen
Arbeiten vielfach ausgezeichnet.
Imago

Die Verknappung schafft aber auch Distanz, wo sich unvermittelt biografische Abgründe im Hier und Jetzt des Schreibens auftun. Da ist man mit der kleinen Monika und ihrer älteren Schwester im Kriegsopfererholungsheim, das der Vater, selbst kriegsversehrt, verwaltet, und spielt im Speisesaal grosses Kino. Um ein paar Zeilen später abrupt zu stolpern: «Jeden Tag gehe ich über den Berg, der Schlossberg heisst, von dem meine Tochter gefallen ist, sie war einundzwanzig, seit wenigen Tagen erst einundzwanzig.» Überhaupt ist da unerhört viel Tragik in Monika Helfers Leben: Die Mutter früh an Krebs gestorben, worauf die vier Kinder voneinander getrennt und auf die Verwandtschaft aufgeteilt wurden; der Bruder, dem immer alles leichtfiel im Leben, hat sich später umgebracht. Seine Geschichte hat Helfer in «Löwenherz» (2022) verarbeitet. Es ist der dritte Band der Familientrilogie, die mit «Die Bagage» (2020) begann und Helfer erstmals ein grosses Publikum bescherte.

Da hatte sie bereits Dutzende Romane, Erzählungen, Kinderbücher, Theaterstücke und Hörspiele veröffentlicht und war literarisch vielfach ausgezeichnet worden. Anfang August ist Monika Helfer an den Folgen eines Sturzes gestorben. Wie die Tochter. Wie der Vater, dieser aus der Zeit gefallene Büchernarr in der Leihbibliothek. Mit «Vati» und der «Bagage» aber wird eine komplexe Familiengeschichte überdauern, die weit über das Persönlich-Biografische hinausreicht. ●