Pop : Zwinker, zwinker

Nr. 32 –

«Rock music»? Ein paar verzerrte Gitarren in einem kleinen, lustigen Popsong mit Lyrics zur Thematik, dass der Dancefloor tot sei und sie sich nun beim Headbangen am Nacken verletze: Unter dem Ironielevel machts Charli xcx nicht. Das halbe Internet in Aufruhr versetzt hat sie mit dieser ersten Singleauskoppelung, nun Eröffnungstrack ihres neuen Albums «Fashion, Music, Film», trotzdem – ausgelöst von der «Vogue», die, wie darauf viele andere, ihre Behauptung allzu ernst nahm: Hat Charli xcx dem Dancefloor abgeschworen?

Das war, wieder einmal, gut kalkuliert von einer, die die nicht leichte Aufgabe hatte, an ihr Überalbum «Brat» von 2024 anzuschliessen: ein Dancefloor-, zu grossen Teilen auch ein Internet- und schon bald ein Kultalbum, auf das sich sehr viele, sehr unterschiedliche Leute einigen konnten (und von dessen limettengrünem Glow viele ein Stück wollten, zahlreiche Werbefirmen genauso wie Kamala Harris oder die Nato).

Wie macht man weiter nach einem solchen Erfolg? In einem Blogpost hat Charli xcx letzten Dezember darüber geschrieben, wie sie das Uncoolwerden von «Brat» miterlebt habe, denn ja: Irgendwann waren alle restlos übersättigt. Den Leuten also die Vermutung nahelegen, Charli xcx mache nun Rockmusik? Keine schlechte, auch eine lustige Idee, das Netz war sofort voll mit aufgeregten bis schockierten Takes dazu. Kurz darauf verkündete Charli in einem Instagram-Post dann nonchalant, sie habe nie gesagt, sie mache ein Rockalbum.

Jetzt ist es da: «Music, Fashion, Film» klingt überhaupt nicht wie «Brat», denn ja, da sind verzerrte Gitarren, ein Blur-Verschnitt, Pixies-artige Riffs, Skatepunk-Anleihen. Aber so richtig Rockalbum ist das tatsächlich nicht, eher ein neckisches Kopfnicken in die Richtung. Die Verwandtschaft mit dem Vorgänger ist offensichtlich, schon nur, weil Charli es auch hier wieder hinkriegt: ebenso nahbar wie schwer zu fassen zu wirken. Alles kann gesagt und dann wieder infrage gestellt werden, und sowieso kann man sich nie sicher sein, auf welcher Metaebene man sich gerade befindet. Falls überhaupt.

Charli stellt wie auf «Brat» die eigene Verletzlichkeit ins Zentrum («wie wir wissen, bin ich unsicher», kommentiert sie lapidar im tollen, verwaschenen «I’m Afraid»), dann strotzt sie wieder vor Selbstbewusstsein – das Album ist ein eigentlicher Kommentar zur Musikindustrie und ihrer inzwischen enorm mächtigen Position darin: «Egal was ich mache, ihr wollt es sowieso», scheint es zu sagen. Vielleicht wirken die Songs deswegen skizzenhaft, schlau und exakt durchdacht zugleich. Es ist alles nur ein Witz und eben auch nicht: «Ich habe mit deinem Vater geschlafen, just kidding», sagt Charli in «Wink Wink», in dem sie auch verspricht, kein «bad girl» mehr zu sein, zwinker zwinker. So deutlich hätte sie gar nicht werden müssen. ●

CD-Cover Charli xcx: «Music, Fashion, Film».

▶ Charli xcx: «Music, Fashion, Film». Atlantic Records. 2026.