Sexualisierte Gewalt : «Der Wunsch nach Dominanz ist angelegt in der Sozialisierung»

Nr. 32 –

Der Fall Patrick Frei sei Ausdruck einer misogynen Gesellschaft, sagt Expertin Agota Lavoyer. Sie plädiert für einen Perspektivenwechsel.

WOZ: Frau Lavoyer, kürzlich machte der «Tages-Anzeiger» einen brutalen Fall sexualisierter Gewalt publik: Der ehemalige Aargauer SVP-Grossrat Patrick Frei soll seine Expartnerin Iwona L. und ihre minderjährige Tochter Paula mehrfach sediert und vergewaltigt haben. Ein ähnliches Martyrium musste Freis Exfrau erleiden. Wie haben Sie reagiert, als Sie davon erfuhren?

Agota Lavoyer: Ich war nicht überrascht. Es ist ja bei weitem nicht der erste solche Fall, auch nicht aus der Schweiz. Gleichzeitig bin ich auch diesmal wieder schockiert und unheimlich traurig, dass Frauen solche Gewalt erfahren müssen. Und unglaublich wütend – auf den Täter, aber auch auf die Behörden, die die Betroffenen nicht geschützt haben.

WOZ: Iwona und Paula L. stammen aus Polen. Welchen zusätzlichen Herausforderungen müssen sich Migrantinnen stellen, wenn sie Opfer sexualisierter Gewalt werden?

Agota Lavoyer: Der Fall zeigt exemplarisch, wie zur erfahrenen Gewalt noch die strukturelle hinzukommt – erst recht für Migrantinnen. Viele Betroffene fühlen sich von den Behörden nicht ernst genommen, haben das Gefühl, die Gewalttaten würden verharmlost oder gar ignoriert. Aus Angst, bei einer Meldung oder Trennung ihre Aufenthaltsbewilligung zu verlieren, wenden sie sich oft gar nicht erst an Behörden oder Polizei. Hinzu kommen Sprachbarrieren, fehlendes Wissen über Unterstützungsangebote, ein fehlendes privates Netzwerk. All das wird verstärkt durch das Risiko, aufgrund von klassistischen oder rassistischen Zuschreibungen diskriminiert zu werden.

WOZ: Frei forderte als SVP-Politiker härtere Strafen bei Pädokriminalität und warnte vor Ausländerkriminalität, während er im eigenen Haus mutmasslich schwere Straftaten beging. Was verrät diese Diskrepanz?

Agota Lavoyer: Es ist schwierig, für diese Doppelmoral das passende Adjektiv zu finden! Das stereotype Bild vom migrantischen oder muslimischen Täter, das gerade konservative und rechte Politiker:innen gerne hochhalten, ist natürlich falsch und höchst problematisch, weil es die zahlreichen gewaltausübenden Schweizer unsichtbar macht. Täter gibt es überall – unabhängig von sozialer Schicht, Herkunft oder Bildung. Dass einem das durch die Öffentlichkeit dieses Falls wieder in Erinnerung gerufen wird, ist sicher gut. Der Täter im Femizidfall von Binningen, der vor ein paar Monaten zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, war ja auch ein reicher Geschäftsmann aus einer angesehenen Berner Familie. Ein Mann, wie er in wahrscheinlich vielen Freundeskreisen zu finden wäre. Etwas hat mich aber schockiert.

Die Expertin für sexualisierte Gewalt

Agota Lavoyer hat Soziale Arbeit studiert und war stellvertretende Leiterin der Fachstelle Opferhilfe bei häuslicher und sexualisierter Gewalt, bevor sie die Opferhilfestelle des Kantons Solothurn aufbaute. Heute ist Lavoyer als Dozentin, selbstständige Beraterin und Autorin tätig. 2024 ist ihr Buch «Jede_Frau. Über eine Gesellschaft, die sexualisierte Gewalt verharmlost und normalisiert» bei Yes Publishing erschienen.

Agota Lavoyer
Foto: Raphaela Graf

WOZ: Was denn?

Agota Lavoyer: Just an dem Tag, an dem der erste Artikel zum Fall Frei erschien, hat die SVP Schweiz einen Instagram-Post veröffentlicht zu Gewalttaten, die von Migranten verübt wurden. Das kann kein Zufall sein und ist eine verheerende Nichterklärung zur Causa Frei. Seither hört man von der SVP vor allem, dass es doch gemein sei, Frei ständig mit der Partei in Verbindung zu bringen. Dabei hätte sie auch Haltung zeigen und klar Position beziehen können: gegen geschlechtsspezifische Gewalt und in Solidarität mit den Betroffenen – unabhängig von der jeweiligen Herkunft.

WOZ: Patrick Frei, Dominique Pelicot oder der deutsche Schauspieler Christian Ulmen: Das seien monströse Einzeltäter, heisst es oft. Was verdeckt ein solches Narrativ?

Agota Lavoyer: Wir müssen diesem Monstermythos entgegenwirken, die allermeisten Täter entsprechen diesem Bild nicht, im Übrigen auch nicht die drei erwähnten. Wahrscheinlich hätte niemand aus dem Umfeld von Frei, Pelicot oder Ulmen sie als Monster beschrieben, viel eher als normale Männer, liebende Familienväter oder schlicht nette Kerle. Das Monsternarrativ verdeckt diese Normalität. Gleichzeitig verunsichert es die Betroffenen, aber auch die Behörden, die deren Offenlegungen skeptisch begegnen, weil der vermeintliche Täter nicht ihrem Bild entspricht. Wir dürfen also weder nur eine spezifische Art von Opfern ernst nehmen noch bloss eine spezifische Art von Tätern zur Rechenschaft ziehen.

WOZ: Was ist das gesellschaftliche Fundament von Taten wie jenen, die Patrick Frei mutmasslich beging?

Agota Lavoyer: Misogynie, also die Haltung, dass einem Mann Aufmerksamkeit, Liebe, Fürsorge und der Körper einer Frau zustehen. Wichtig ist, sich bewusst zu sein, dass der Fall Frei keinesfalls ein Einzelfall ist. Wir leben in einer Gesellschaft, in der sexualisierte Gewalt omnipräsent und alltäglich ist – und auf alle möglichen Arten ausgeübt wird. Schauen wir uns doch mal die letzten Monate an: Neben dem Fall Frei wurde auch jener eines Arztes in Zürich publik, der seine Patientinnen sedierte und die Vergewaltigung an ihnen filmte. Oder es gab die Aufdeckung diverser Telegram-Netzwerke mit Tausenden Männern, die sich darüber austauschten, wie sie Frauen betäuben und missbrauchen können. Auch sogenannter Sleep Content auf Pornoplattformen ist ein riesiger Boom, täglich wird massenhaft neues Material hochgeladen und konsumiert. Und dann war da noch der Fall Pelicot.

WOZ: Was sagen uns all diese Fälle über die strukturellen Zusammenhänge?

Agota Lavoyer: Es liegt auf der Hand, dass das Problem weit über den aktuellen Fall hinausreicht. Um also auf die Frage zurückzukommen: Das Fundament ist eine Gesellschaft, in der sehr viele Männer das Gefühl haben, es stünde ihnen zu, sich zu nehmen, was sie wollen, Frauen zu beherrschen, sich ihre Körper zu eigen zu machen.

WOZ: … das, was in feministischen Diskursen «Rape Culture» genannt wird …

Agota Lavoyer: Genau. Eine zutiefst patriarchale Gesellschaft, in der grossmehrheitlich cis Männer, die in der Machtpyramide zuoberst sind, sexualisierte Gewalt an Menschen ausüben, die zu ihnen in einem Abhängigkeitsverhältnis stehen: Kinder, Frauen, Queers und marginalisierte Männer. Macht ist sowieso ein wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang. Es geht selten um sexuelle Präferenzen oder psychische Störungen, wie nach solchen Taten gern geglaubt wird, sondern um den Wunsch nach Erniedrigung, Beherrschung und Dominanz. Und der wiederum ist stark angelegt in der männlichen Sozialisierung.

WOZ: Was würden sie einem Mann antworten, der meint, so ein brutaler Gewaltfall wie der im Aargau habe nichts mit ihm zu tun?

Agota Lavoyer: So gut wie jede Frau und queere Person erfährt in ihrem Leben sexualisierte Gewalt, wie auch viele Kinder. Es sind also nicht einfach bloss ein, zwei Patrick Freis oder Dominique Pelicots, sondern Millionen Täter. Die Gewalt stellt ein Kontinuum dar: Einer Frau einen sexualisierenden Spruch hinterherzurufen, eine Vergewaltigung oder ein Femizid – diese Verhältnisse haben die gleichen Ursachen, auch wenn sie an unterschiedlichen Enden der Skala liegen mögen. Wer selbst objektifizierende Kommentare macht, Frauen mit Blicken taxiert oder nicht interveniert, wenn andere das tun, ist Teil des Problems. Der erste Schritt wäre also, anzuerkennen, dass Gewalt, Geschlecht, Hierarchien und Machtverhältnisse eng miteinander verknüpft sind.

WOZ: Ist das Sedieren mit K.-o.-Tropfen eigentlich eine neue Dimension sexualisierter Gewalt?

Agota Lavoyer: Das Thema ist alt; neu ist höchstens, dass immer mehr Betroffene gehört werden und solche Fälle deshalb mehr Aufmerksamkeit erhalten. Ich bin jetzt über vierzig – und schon vor zwanzig Jahren wurde mir gesagt, ich solle auf mein Getränk aufpassen. Aber was, wenn der Täter wie bei Frei der eigene Partner ist? Soll ich etwa auch zu Hause auf mein Wasserglas aufpassen? Und was, wenn mir die Droge ins Essen gemischt wird? Egal was ich tue, ich kann mich nicht davor schützen, dass ein Mann mich sediert und vergewaltigt. Da Drogen in den letzten Jahren sehr viel einfacher verfügbar geworden sind, gehe ich davon aus, dass die Zahl solcher Fälle zunimmt. Zudem können Täter meist immer noch sicher sein, dass sie nicht erwischt werden, sogar Zuspruch von anderen Männern erhalten. Wir haben keinen Grund, anzunehmen, dass die Gewalt sinkt – schliesslich tun wir ja nichts dafür, in Sachen Prävention passiert praktisch nichts.

WOZ: Hat das Internet die Rape Culture verändert oder noch verstärkt?

Agota Lavoyer: Sicher sichtbarer gemacht. Grundsätzlich gibt es keinen einzigen Raum, in dem Frauen vor sexualisierter Gewalt sicher wären – der digitale ist genauso unsicher wie der analoge, das Zuhause genauso wie das Draussen. Sobald es also einen neuen Raum gibt, durch eine neue Technologie etwa, wird dieser benutzt, um geschlechtsspezifische Gewalt auszuüben. Die Ursachen sind nicht in den neuen Räumen zu suchen, die Verbreitung der Inhalte aber wird immer einfacher möglich.

WOZ: Wenn die Täter ihre Gewaltakte digital dokumentieren oder gar verbreiten, was sagt das über ihr Machtbedürfnis oder Unrechtsbewusstsein aus?

Agota Lavoyer: Wie sicher sie sich fühlen. Umso wichtiger ist also, dass solche Fälle Öffentlichkeit erhalten. Was der aktuelle Fall zudem zeigt: Wir können nicht auf Strafverfolgung allein setzen – denn die hätte ja auch ohne die Berichterstattung stattgefunden. Strafen halten offensichtlich nicht davon ab, solche Taten zu verüben.

WOZ: Wo sehen Sie den wirksamsten Hebel für Veränderung?

Agota Lavoyer: Sexualisierte Gewalt ist ein sehr nützliches Instrument, um die bestehenden gesellschaftlichen Machtverhältnisse so zu behalten, wie sie sind. Denn Gewalt wird ausgeübt, um die eigene dominante Position, die ja sehr viele Männer innehaben, zu sichern und die anderen auf ihre Plätze zu verweisen. Wir müssen uns also fragen, wie wir die Machtverhältnisse ändern: Was müssen wir tun, damit wir eine gleichberechtigte Gesellschaft werden? Denn solange wir die nicht haben, wird es weiterhin so viel sexualisierte und auch häusliche Gewalt geben. Von daher ist eigentlich jedes gleichstellungspolitische Anliegen auch eine Form von Prävention geschlechtsspezifischer Gewalt.

WOZ: Können Sie ein Beispiel nennen?

Agota Lavoyer: Dass vor allem cis Männer sexualisierte Gewalt ausüben, hat viel mit der Sozialisierung zu tun – also müssen wir diese ändern: Wir dürfen Männer nicht mehr zu Tätern erziehen, müssen uns als Gesellschaft, aber auch in den Schulen mit der Thematik auseinandersetzen. Was heisst Männlichkeit, was ist problematisch an unserem Konzept davon? Es gibt schliesslich wenig Männlicheres als Dominanz. Dominant kann aber nur sein, wer jemand anderes unterordnet – wer mit anderen auf Augenhöhe ist, ist nicht dominant. An diesen Konzepten müssen wir dringend rütteln. Und wir müssen die Perspektive wechseln.

WOZ: Wie meinen Sie das?

Agota Lavoyer: Wir müssen davon wegkommen, Betroffenen Ratschläge zu erteilen wie jenen, dass sie auf ihr Glas aufpassen sollen, und ihnen damit eine Mitverantwortung zuzuschreiben, dass es nicht zu Gewalt kommt. Prävention müsste viel mehr Aufklärung bedeuten, Menschen stärken und ermächtigen. Ich wünsche mir, dass Jugendlichen beigebracht wird, aufmerksam zu sein: Wenn dein Kollege K.-o.-Tropfen googelt oder blöde Sprüche darüber klopft, sprich ihn darauf an. Oder rede mit einer erwachsenen Person darüber. Schlussendlich geht es darum, zu verhindern, dass so viele Männer zu Tätern werden. ●

Illustration eines Transparent mit der Aufschrift «D' ANGST MUES D' SITE WÄCHLÄ»
Transparent bei der Mahnwache letzte Woche im aargauischen Untersiggenthal.