«The Odyssey» : Heldendämmerung

Nr. 32 –

Wieder liefert Christopher Nolan den Film des Sommers. Und lockt sogar allerlei Altsprachler:innen ins Imax.

Ende Juli legte ein Beitrag der bis dahin nur Eingeweihten bekannten Homer-Übersetzerin Emily Wilson den Onlineauftritt der «London Review of Books» lahm. Das Intellektuellenmagazin war im Netz stundenlang nicht erreichbar, weil Wilsons Verriss von Christopher Nolans erfolgreicher neuer «Odyssey»-Verfilmung zu oft geklickt worden war.

Auch andere Altertumswissenschaftler:innen, die ihre Orchideenfächer plötzlich vom Leinwandlicht eines weltweiten Blockbusters beleuchtet wiederfanden, mutierten über Nacht zu Filmjournalist:innen – und kritisierten Nolan streng. Sie listeten detailliert auf, was fehlt oder anders ist als bei Homer – die Götter, die Ethik, das Heldentum, die Helme, die Unterwelt, die fantastischen Kreaturen –, und reihten sich in einen lautstarken unzufriedenen Chor ein: flankiert von Rechten, die dem Film noch vor dem Start «Wokeismus» vorwarfen, weil ein trans Schauspieler und eine Schwarze Helena gecastet worden waren; und von Linken, die sich an Nolans Frauenfiguren störten und ihm vorhielten, einige Szenen in der besetzten Westsahara gedreht zu haben.

Das Ende der Zivilisation

Derweil war die kommune Filmkritik mit dem Werk ganz zufrieden. Und die Massen strömten sowieso ins Kino, um Odysseus (Matt Damon) dabei zuzuschauen, wie er nach listig errungenem Sieg im Trojanischen Krieg einen irrsinnig langen Umweg nach Hause nimmt, wo Gattin Penelope (Anne Hathaway) und Sohn Telemachos (Tom Holland) zunehmend verzweifeln. Von Odysseus’ Abenteuern zu Wasser und zu Land; von seinen Albträumen wegen des Krieges; von den ekelhaften Freiern, die zu Hause in Ithaka Frau und Sohn belagern: Davon handelt Nolans Film.

Das Problem der Homer-Expert:innen? Sie schimpfen über Abweichungen und mangelnde «Authentizität» und merken nicht, was Nolan anstelle einer werktreuen Umsetzung alles leistet. Auch Emily Wilson spottet eloquent, dass Nolans Trojanisches Pferd «stümperhaft designt» sei und aussehe, als sei es «von einer Drohne auf den windverwehten Strand» abgeworfen worden. Sie erkennt aber nicht, dass Nolan hier gleich zum Einstieg in seine Odyssee eine ikonische Filmszene zitiert: das Schlussbild aus «Planet of the Apes», in dem die Freiheitsstatue ähnlich wie jetzt das Pferd aus einem Sandstrand ragt – mächtiges Sinnbild für den Untergang der Menschheit und ihrer Werte.

Damit sind wir im Herzen dessen, was Nolan interessiert: die Zivilisation, ihr Wertegerüst, ihre Lügen, ihre Selbstzerstörung. Was ist diese Zivilisation in Kriegszeiten wert? Und was oder wer ist eigentlich ein Kriegsheld? In dieser neuen «Odyssey» werden solche Fragen entlang zweier Grundgesetze verhandelt: des Gesetzes der Gastfreundschaft – jeder Bettler soll behandelt werden wie ein Gott im Tarnkleid; und des Gesetzes, dass die Toten respektvoll begraben werden müssen. Nicht allein im kriegerischen Morden, Brandschatzen und Vergewaltigen, sondern eben auch im unspektakulären, wiederholten Bruch dieser beiden homerischen Grundregeln einer menschlichen Gemeinschaft vollstreckt sich der Kollaps einer Zivilisation. Ganz selbstverschuldet.

Ein weiterer höchst aktueller Brennpunkt der neuen Verfilmung: Bereits den Dialektikern der Aufklärung war ja Homers «Odyssee» Anschauungsmaterial für den Umschlag von aufgeklärter Vernunft und Selbstbeherrschung in Blutdampf, Naturgewalt und Wahn. Nolan webt diesen Faden von Horkheimer und Adorno weiter. Er schafft die Götter weitgehend ab und zeigt seine prototypischen modernen Menschen heillos überfordert zwischen leerem Himmel, Orakelsprüchen, archaischem Opferglauben, Verstand, alten Ängsten und – so viel Hoffnung darf sein – einem provisorischen Halt im ganz diesseitigen Geschichtenerzählen.

Gierige Schweine

Und die Kritik von links bis rechts? Die Frauenfiguren sind um einiges überzeugender als in Nolans letztem Film «Oppenheimer» (was an sich noch wenig bemerkenswert wäre): Alle – Penelope, Helena, Kalypso und die Zauberin Kirke (eine überragende Samantha Morton) – halten schonungslose Reden auf die Männerwelt und ihre Gewalt. Und wenn Kirke Odysseus’ Gefährten von Tieren in Menschen zurückverwandelt, verrät ihr dazu gemurmelter Zauberspruch, dass sie als grunzende, gierige Schweine eigentlich ihre ehrlichere Gestalt gefunden hatten.

Die rechten Befürchtungen waren insofern berechtigt, als Nolans Hommage an den trans Schauspieler Elliot Page ebenso berührend wie politisch eindeutig ist: Odysseus nennt ihn im Film den «mutigsten jungen Mann, den ich je kennengelernt habe». Und man kann sich auch sonst nicht vorstellen, dass der Film irgendwie von rechts zu instrumentalisieren wäre. Was beim ganzen Kriegs- und Heldenstoff keine kleine Leistung ist.

Wem der politische und philosophische Überbau egal ist: Der Film ist auch einfach ein grandioses Spektakel. Nicht mal Nolans schärfste Kritiker:innen klagen, es sei ihnen langweilig geworden. ●

▶ «The Odyssey». Regie und Buch: Christopher Nolan (nach Homer). USA 2026. Jetzt im Kino, es muss kein Imax sein.