Wetterleuchten : Das bisschen Eugenik
Daniel Hackbarth über diskursfreudige Liberale
Vergangene Woche hat sich das deutsche «Zeit»-Magazin in einer liberalen Paradedisziplin geübt: Man hat mit einem Rechten geplaudert. Dieses Mal fiel die Wahl auf den früheren SPD-Politiker Thilo Sarrazin, was insofern originell ist, als man das unselige Wirken des inzwischen 81-Jährigen schon verdrängt hatte. 2010 hatte dieser mit einem sozialchauvinistischen und rassistischen Schmöker («Deutschland schafft sich ab») enormen Wirbel gemacht, anschliessend legte er weitere ressentimentgeladene Bestseller nach.
Damals war die AfD noch nicht gegründet, vielmehr kann die «Sarrazin-Debatte» als wegbereitend für den in der Bundesrepublik heute auch parteipolitisch etablierten Rechtsextremismus gelten. Das macht den Fall als mediales Ereignis zeitgeschichtlich interessant, nicht aber Sarrazin als Person. Bedauerlicherweise sieht man das bei der «Zeit» anders.
Im Vorspann des Interviews wird zunächst an die damalige Aufregung erinnert, ehe es heisst: «Heute ist der Mainstream in Thilo Sarrazins Richtung gerückt. Zeit für eine neue Konfrontation.» Schon fährt man zusammen: Wieso bloss soll Anlass für eine abermalige Auseinandersetzung mit diesem Hanswurst bestehen?
Bereits vor «Deutschland schafft sich ab» hatte Sarrazin gezündelt, etwa Berliner:innen abqualifiziert, die in keinen «produktiven Kreislauf» eingebunden seien: «Zwanzig Prozent der Bevölkerung» würden ökonomisch nicht «gebraucht». Er beklagte, dass «ständig neue kleine Kopftuchmädchen produziert» würden. Und er traktierte Arme mit Ratschlägen zu kostengünstiger Ernährung und effektivem Heizen.
«Man kann anderer Meinung sein, aber ignorieren kann man es nicht», doziert derweil die «Zeit»: «Vielleicht ist es klüger, Diskursgrenzen aufzubrechen, bevor man es muss.» Das ist suggestiv formuliert, eben weil es mitnichten «klüger» ist: Sarrazins Bücher verkauften sich millionenfach, wochenlang wurden seine «Thesen» rauf- und runterdiskutiert – und dann fantasiert man mehr als fünfzehn Jahre später aufzubrechende Sprechverbote herbei?
Entsprechend liest man im Interview nur allzu Bekanntes, etwa wenn Sarrazin (unwidersprochen) in eugenischer Nazidiktion vom deutschen «Volkskörper» schwadroniert, der sich durch «Migration» und «Geburtenarmut» vollständig verändert habe (ein Prozess, der vermutlich im Jahr 9 nach der Schlacht im Teutoburger Wald einsetzte). Oder wenn er zu Protokoll gibt, dass jetzt, da schon «so viele Türken, Araber und Afrikaner bei uns sind», man eben das Beste daraus machen müsse, auch wenn «sich Unterschiede nur begrenzt nivellieren» liessen. Einmal Ausländer, immer Ausländer.
Immerhin veranschaulicht das Gespräch, dass Rassismus bereits beginnt, wo man überhaupt «Rassen» identifizieren zu können glaubt, die das individuelle Verhalten determinieren sollen. Man kettet Menschen gleichsam an ihre Körper und erklärt dann mit dem Verweis auf ominöse biologische Eigenschaften soziale Hierarchien – ganz so, wie es im Übrigen auch Sarrazins Gesprächspartnerin von der «Zeit» tut: «Zu mindestens fünfzig Prozent» sei der Bildungserfolg «genetisch bedingt», weiss sie, woher auch immer.
Zugleich gerät so all das aus dem Blick, was den liberalen Kapitalismus seit jeher begleitet: Enteignung, Ausbeutung, Klassenherrschaft, Kolonialismus und Imperialismus. Bei diesen Fragen ist die Diskursfreude derer, die es in solchen Zuständen bequem haben, weniger ausgeprägt. ●
An dieser Stelle nehmen die WOZ- Journalist:innen Anna Jikhareva und Daniel Hackbarth abwechselnd die politische Grosswetterlage unter die Lupe.