Best Western : Stimmen aus dem Nichts
Dorothee Elmiger über das Telefonieren und dessen Beziehung zum Unbewussten
Im Jahr 1887 wird eine ledige Schneiderin aus Zürich in der psychiatrischen Klinik Burghölzli aufgenommen. Einige Jahre zuvor hat sie begonnen, Stimmen zu hören – so vermerkt es C. G. Jung im fünften Kapitel seines Werks «Über die Psychologie des Unbewussten». Als er die Patientin zwanzig Jahre nach ihrem Eintritt kennenlernt, befindet sie sich immer noch in der Klinik. Die Stimmen, so Jung, führe sie auf «unsichtbare Telephone» zurück.
Das erste Telefonnetz der Schweiz wurde im Jahr 1880 von der Zürcher Telephongesellschaft eingerichtet – nur wenige Jahre bevor die Schneiderin erste Stimmen hört. Vierzig Jahre später, als Jung seine Fallstudie über «Pat. B. St., Schneiderin, ledig, geb. 1845» bereits veröffentlicht hat, kommen auf hundert Einwohner:innen noch immer nur gerade 3,3 Telefonapparate. Trotzdem figuriert das neue Gerät bereits zu Beginn des Jahrhunderts in der Vorstellungswelt der Patientin und ihres Psychiaters. Es übermittelt körperlose Stimmen, Stimmen, die sich unvermittelt und aus dem Nichts anmelden. Das Telefon, so der Medientheoretiker Marshall McLuhan 1964, «ist ein unwiderstehlicher Eindringling in Zeit und Raum».
Selbst hatte ich in meinem Leben stets eine gewisse Telefonangst verspürt – der plötzliche Anruf erschreckte mich, und auch selbst wollte ich nicht die unangekündigte Anruferin sein, die schlagartig eindringt in die Gegenwart der anderen. Am Apparat fehlten mir Informationen: Die Stimmen allein waren zu dünn. Von dieser Telefonhemmung hat mich die Auswanderung über den Atlantik befreit: Stunde um Stunde habe ich hier schon in den Schleifen verbracht, ich kenne das stille Rauschen und die blecherne Musik, die endlosen Sprachmenüs und die Tricks, um von den Bots zu den realen Personen zu gelangen. Wochenlang telefonierte ich mich einmal durch die Abteilungen der Bundessteuerbehörde auf der Suche nach einer spurlos verschwundenen Steuerzahlung. Ich stellte mir das System aus Zimmern und Hinterzimmern vor, das ich mir telefonisch erschloss, ohne je die richtige Stelle zu erreichen. Please hold. Das Geld wurde monatelang nicht gefunden.
In den vergangenen Wochen war es die geschlossene psychiatrische Abteilung eines grossen New Yorker Spitals, die ich zu erreichen versuchte. «Amerika operiert nach der Logik der Unterbrechung und des Notrufs», schreibt Avital Ronell in «The Telephone Book. Technology, Schizophrenia, Electric Speech». Tagelang verlor ich mich im Labyrinth der Nummern und Menüs. «If this is an emergency or you are sick, please press 1 now.» Regelmässig wurde mein Anruf wortlos beendet. Ein Klicken in der Leitung: Das überlastete Personal triagierte. Ab und zu wurde mir eine Durchwahl genannt, Nummern, die zuverlässig ins Leere führten; hin und wieder hob jemand ab, aber die gesuchte Person war immer schon weg oder nie dort gewesen. «Try again after midnight», sagten sie, aber nach Mitternacht verhallte jedes Klingeln ungehört. Tage später ein Anruf aus dem Krankenhaus: Man teilte mir eine neue Durchwahl mit; tatsächlich hob jemand ab.
Auf der Station, sagte die Stimme, die aus dem Hörer drang, hänge ein Telefon. Wenn es klingle, rennten die Patient:innen in ihren grünen Krankenhemden zum Apparat. Im Hintergrund war erst das scheppernde Geräusch eines Fernsehers zu hören, später ein Chor aus Stimmen. Happy Birthday. Es werde gerade eine Torte hereingetragen, sagte die Stimme am anderen Ende. Dann brach die Verbindung ab. ●
Dorothee Elmiger ist Autorin und lebt in Queens, New York.