Comic : Im Kiezgeflecht
Ein Baum entpuppt sich bei Joris Bas Backer als Archiv menschlicher Gewalt.
Die Wurzeln einer alten Eiche brechen durch den mürben Asphalt eines Berliner Schulhofs. Dass sie nun gefällt werden soll, weil sie krank sei und eine Gefahr für die Schulkinder darstelle, verweist zunächst auf einen vertrauten Konflikt. Darunter lauert jedoch zusätzlich historischer Sprengstoff: Bei der Eiche handelt es sich um eine sogenannte Nazi-Eiche, 1938 zu Ehren des «Führers» gepflanzt. Im Comic «Baumschatten» des niederländischen, in Berlin lebenden Illustrators Joris Bas Backer ist diese Eiche keine friedliche Schattenspenderin, sondern ein Störkörper – ein lebendiges Archiv, das eine grausame Geschichte in sich trägt. Nach seinem viel beachteten autofiktionalen Debüt, «Küsse für Jet», das die Identitätssuche eines trans Jugendlichen in den neunziger Jahren beleuchtet, nutzt Backer diesen Kiezkonflikt nun für ein flirrendes Epochenporträt ohne moralische Bequemlichkeiten.
«Es ist kompliziert»
«Baumschatten» beginnt an einem emotionalen Wendepunkt: Sjonnie van den Bossche, ein trans Mann, erzieht seine Tochter Joss allein und arbeitet im Kundendienst eines Dating-App-Anbieters. Während Sjonnie auf der Suche nach sexueller Selbstbehauptung digitale Intimitäten austauscht, bleibt die väterliche Care-Arbeit auf der Strecke. Sein Alltag ist von Begehren geprägt – und wird von einer schmerzhaften Trennung erschüttert: Sjonnie flüchtet vor fester Bindung, was zum Bruch mit seinem Lover Kamil führt, der sich nach echtem Commitment sehnt. Als das Antifaschistische Baumkollektiv die Schule von Tochter Joss dazu zwingen will, eine offizielle Erklärung zur Eiche abzugeben, laufen die Linien im Kiez zusammen: Ausgerechnet Kamil ist der Kopf dieser Aktivist:innengruppe. Die zufällige Wiederbegegnung der Exlover auf dem Schulhof verwebt das Intime mit dem Politischen und bringt die Figuren in ihren unterschiedlichen Beziehungen in ein emotionales Auf und Ab.
Die Bruchlinien, denen Backer nun nachgeht, ziehen sich quer durch die Generationen und machen den Mikrokosmos Schule zum ideologischen Reibungsfeld. Sjonnie, Tochter Joss und deren Grosstante Hannie wollen die Eiche aus ökologischer Überzeugung retten: Der Baum soll als lebendiger Organismus, der dem städtischen Mikroklima trotzt, bewahrt werden. Kamils Antifa-Zelle bricht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in die Schule ein, während die Schulleiterin, Frau Tröwe, das Problem am liebsten klammheimlich begraben möchte. Sie will um jeden Preis vertuschen, dass ihr eigener Grossvater ein glühender Nationalsozialist war und den Baum einst pflanzte. Dass Frau Tröwe parallel unter einem Fake-Account auf Sjonnies Dating-App unterwegs ist, gibt dem Ganzen zusätzlich eine noch pikantere Dynamik. Ihr dortiger Beziehungsstatus bringt das Kiezgeflecht auf den Punkt: «Es ist kompliziert.»
Spuren staatlicher Gewalt
Zum aufwühlenden Höhepunkt wird schliesslich die Thematisierung des Leids zweier Epochen: In einer intimen Szene erzählt Kamil von seiner Grosstante, die unter den Nationalsozialisten im Konzentrationslager zwangssterilisiert wurde. Backer stellt diesem Verbrechen Sjonnies eigene Biografie gegenüber: Bis ins Jahr 2011 war es in Deutschland gesetzlich verpflichtend, sich einer Sterilisation zu unterziehen, um den Geschlechtseintrag legal ändern zu können. Als Sjonnie einwendet, er habe im Gegensatz zu Kamils Tante immerhin seine Einwilligung gegeben, und Tochter Joss fragt, wer ihn denn sterilisiert habe, antwortet Grosstante Hannie wutentbrannt: «Der aktuelle demokratisch gewählte Staat, wer sonst!»
In diesem Kapitel verschieben sich die Panels, ihre Ränder werden wellig, die Linien beginnen vor Unruhe zu zittern. Backer setzt die Kontexte nicht plump gleich, sondern lässt sie nebeneinander atmen, um die generationenübergreifenden Spuren staatlicher Gewalt spürbar zu machen. Die Biografien lassen sich nicht einfach glatt streichen; die Traumata sitzen tief in den Körpern der Figuren und spiegeln sich in den Verhandlungen über die Zukunft der Eiche wider.
Visuell findet Backer sonst in klaren Linien die perfekte Balance für diese fragile Konstruktion. Zunächst wirken die Zeichnungen täuschend ruhig und harmlos, stehen aber in einem produktiven Kontrast zur Schwere der Themen. Die gezeichneten Körper sind weich und wirken manchmal berührend unbeholfen. Und die Eiche wuchert zuweilen so ungezähmt und fleischig durch die Seiten, wie es auch die ungeschönten Körper der Figuren selbst sind. Am Ende dieser körperlichen Auseinandersetzung entlässt einen «Baumschatten» mit einem fast ironischen Deus ex Machina. Was bleibt, ist ein Plädoyer für die Zumutung von Uneindeutigkeit. ●