Frauenrechte in Afghanistan : Unterdrückt, aber nicht verschwunden

Nr. 33 –

Trotz Verboten finden Frauen Wege, weiter zu arbeiten, zu lernen und zu unterrichten. Nicht überall haben sie die gleichen Möglichkeiten, denn innerhalb des Talibanregimes gibt es Machtkämpfe.

drei Frauen unterwegs in der Hauptstadt Kabul
In vielen Städten werden die drastischen Verbote der Taliban streng durchgesetzt. In der Hauptstadt Kabul können sich Frauen noch verhältnismässig frei bewegen. Oriane Zerah, Reuters

Schon kleine Dinge könnten draussen auf der Strasse schnell zu grossen Problemen führen, sagt Schirin Mehrabi*. Sie meldet sich per Telefon aus der Stadt Herat im Westen Afghanistans, ihre Stimme klingt nervös. Anfang Juni hatten die Taliban in Herat rund zwei Dutzend Frauen wegen angeblicher Verstösse gegen die Kleiderordnung festgenommen. Die darauffolgenden Proteste schlugen sie brutal nieder. Nach Angaben der Uno-Mission für Afghanistan wurde mindestens eine Person getötet, zahlreiche Demonstrierende wurden verhaftet. Seither fühlt sich Mehrabi nicht mehr sicher. «Wir können jederzeit und überall festgehalten werden», sagt sie.

Seit die Taliban vor rund fünf Jahren erneut die Macht in Afghanistan übernommen haben, hat sich der Alltag vor allem für junge Frauen und Mädchen dramatisch geändert. Für sie ist das Land heute eines der restriktivsten der Welt: Frauen und Mädchen dürfen keine weiterführenden Schulen oder Universitäten besuchen. Ihnen ist der Besuch von Schwimmbädern, Fitnessstudios, Schönheitssalons oder öffentlichen Grünanlagen verboten. Internationale Menschenrechtsorganisationen sprechen von einer «Geschlechter-Apartheid». Der Internationale Gerichtshof in Den Haag erliess im vergangenen Jahr offiziell einen Haftbefehl gegen den Talibanführer Emir Hibatullah Achundsada und den obersten Richter Abdul Hakim Hakkani. Ihnen werden «Verbrechen gegen die Menschlichkeit» und «Geschlechterverfolgung» vorgeworfen.

Gestohlene Zukunft

«Sie rauben uns den Verstand und unsere Gedanken», sagt Mehrabi. Eigentlich wollte sie nach Abschluss der Schule Medizin studieren, um später als Ärztin den Menschen im Land helfen zu können. Stattdessen arbeitet sie heute als Lehrerin. Und auch das sei keine Selbstverständlichkeit. Anders als viele andere habe sie Glück gehabt.

Mehrabi besuchte die zehnte Klasse, als im Sommer 2021 das Schulverbot einsetzte. Anschliessend habe sie drei Jahre auf eigene Faust Englisch gelernt und nach einer Anstellung als Lehrerin gesucht. Doch fast alle privaten Universitäten und Bildungseinrichtungen hätten sie abgelehnt, weil sie keine offiziellen Zeugnisse vorlegen konnte. Nur durch Glück habe sie schliesslich vergangenes Jahr einen Job als Paschtulehrerin an einer privaten Grundschule gefunden, an der neben Buben auch Mädchen bis zur siebten Klasse unterrichtet werden. «Doch ich habe stets Angst, dass die Taliban uns kontrollieren und merken, dass ich keine offiziellen Papiere als Lehrerin habe», sagt sie.

Denn während sich Frauen in der Hauptstadt Kabul noch immer verhältnismässig frei bewegen könnten, seien die Massnahmen der Taliban in Städten wie Herat zuletzt immer radikaler geworden. «Vor ein paar Wochen haben sie plötzlich verkündet, dass wir nur noch mit Tschador, dem dunklen Ganzkörperschleier, und männlicher Familienbegleitung auf die Strasse gehen dürfen», sagt Mehrabi. Es folgten die eingangs erwähnten Proteste.

Doch die immer drastischeren Verbote sind auch unter den Taliban umstritten. Als der Anführer Achundsada im Frühjahr 2022 entschied, die Mädchenschulen entgegen allen vorherigen Ankündigungen geschlossen zu halten, setzte er sich über eine Mehrheit seines Kabinetts in Kabul hinweg. Einige hochrangige Taliban haben die Bildungsverbote seitdem immer wieder kritisiert. Eine Regierung, die nur durch Angst und Gewalt regiere, könne keine legitime Regierung sein, sagte etwa der Innenminister Siradschuddin Hakkani letzten Dezember. Noch deutlicher war der ehemalige stellvertretende Aussenminister Abbas Staniksai bereits im Frühjahr 2025 geworden, als er kritisierte, die oberste Führung weiche vom Pfad Gottes ab, wenn sie zwanzig Millionen Afghaninnen Unrecht antue. Nur kurze Zeit später wurde er von der obersten Führung seines Amtes enthoben und flüchtete ins Exil.

Ein Graben in der Elite

«Viele der hochrangigen Talibanführer in Kabul wissen bis heute nicht, wie es so weit kommen konnte», sagt der Sozialwissenschaftler Wahid Rahimdil aus Kabul. Längst hätten die immer drastischeren Dekrete zu einer Spaltung innerhalb der Taliban geführt: zwischen jenen Führern in der Hauptstadt, die an die Notwendigkeit eines modernen, unabhängigen Nationalstaats glaubten, und einem strikt konservativen Zirkel in Kandahar, der im Süden gelegenen drittgrössten Stadt des Landes. Letzterer stelle bis heute die strikte Befolgung seiner religiösen Ideologie über alles andere.

Das habe sich nicht zuletzt im vergangenen Herbst gezeigt, sagt Rahimdil. Nachdem der Emir eine landesweite Abschaltung des Internets angeordnet hatte, stellten sich mehrere Minister in Kabul gegen den Entscheid, wie die BBC später berichtete. «Viele von ihnen wissen, dass sich ein Land wie Afghanistan langfristig weder ohne Internet noch ohne Bildung für Frauen regieren lässt.»

Zwar gilt es als unwahrscheinlich, dass die internen Differenzen der Taliban in absehbarer Zeit zu einem breiteren politischen Wandel führen werden. Schliesslich gehören Gehorsam und Loyalität gegenüber der obersten Führung seit jeher zu den wichtisten Prinzipien der Talibanbewegung. Dennoch, so Rahimdil, gebe es schon heute eine immer grössere Diskrepanz zwischen dem, was in den Dekreten stehe, und dem, was tatsächlich umgesetzt werde.

Das zeigt sich etwa an stillschweigenden Zugeständnissen in der Wirtschaft. Während die Taliban die Arbeitsmöglichkeiten für Frauen im öffentlichen Raum, im Verwaltungsapparat sowie bei nichtstaatlichen Organisationen radikal eingeschränkt haben, ist die Zahl frauengeführter Unternehmen und weiblicher Selbstständiger seit 2021 laut der Denkfabrik International Crisis Group deutlich gestiegen. Abgesehen von Regeln zur Geschlechtertrennung blieben sie von vielen Einschränkungen verschont und würden teils sogar gefördert – etwa durch die Wiedereröffnung der Frauenhandelskammer sowie spezielle Messen und Märkte.

Erweiterte Spielräume

«Die Behörden sind mittlerweile viel flexibler und offener geworden», erzählt Amira Latifi* aus Kabul am Telefon. Als die Taliban die Macht übernahmen, bereitete sich die 24-Jährige gerade auf die Aufnahmeprüfung für ein Informatikstudium vor. Doch dann verboten die neuen Herren den Frauen das Studieren. Latifi begann stattdessen, zu Hause eigene Mode und traditionelle afghanische Kleidung zu nähen, um sie später über Instagram oder Facebook ins Ausland zu verkaufen. Heute beschäftigt sie rund zehn junge Frauen in einer kleinen Werkstatt.

Zwar sei die Situation für Frauen noch immer katastrophal, sagt Latifi, es gebe immer mehr Einschnitte im öffentlichen Leben, wie etwa die strikte Geschlechtertrennung bei Restaurantbesuchen. Gleichzeitig hätten sich die Spielräume für Frauen in Unternehmen, der Selbstständigkeit und privaten Bildungseinrichtungen zuletzt etwas erweitert. Viele Frauen in ihrem Umfeld hätten inzwischen auch ohne männlichen Vormund eigene Lizenzen für ihre Unternehmen und selbstständigen Tätigkeiten erhalten. «Noch vor zwei Jahren wäre das unmöglich gewesen», sagt sie.

Weil es an Weiterbildungsmöglichkeiten und Schulbildung für Mädchen und Frauen mangelte, begann Latifi zunächst heimlich, neben der Modeproduktion auch Mädchen und junge Frauen mit der Unterstützung befreundeter Lehrer:innen in Fremdsprachen, Nähen oder Informatik zu unterrichten. Vor zwei Monaten verlängerte sie dann nicht nur ihre Lizenz als Modedesignerin, sondern beantragte auch eine Genehmigung für eine private Bildungseinrichtung. «Wir haben ganz offiziell angegeben, dass wir rund siebzig Schülerinnen und Schüler unterschiedlichen Alters unterrichten, darunter auch verheiratete Frauen», erzählt sie.

Grenzen des Sagbaren

Zweimal hätten die Behörden daraufhin bereits ihre Räumlichkeiten untersucht. Jedes Mal habe sie eine Ablehnung befürchtet. Doch die Talibanbeamten hätten ihr stattdessen eine temporäre Erlaubnis erteilt, mit dem Unterricht weiterzumachen, bis sie den endgültigen Entscheid erhalte. Auch wenn Frauen grundsätzlich weiterhin von den Restriktionen betroffen und der Willkür der Taliban unterworfen seien, mache ihr das persönlich zumindest etwas Hoffnung, sagt Latifi.

Langfristig zahle die afghanische Bevölkerung durch Bildungsverbote und Restriktionen zwar einen zu hohen Preis, sagt Wahid Rahimdil, doch gebe es letztlich keine Alternative, als weiterhin mit der Regierung in einen Dialog zu treten. Auch wenn sich der gesellschaftliche Dialog bislang vor allem auf Intellektuelle und gesellschaftliche Eliten beschränke, die den Machthabern offen widersprächen, so hätten sich die Grenzen des Sagbaren zuletzt doch deutlich verschoben. «Bei einem bewaffneten Aufstand dagegen könnte der Preis noch viel höher ausfallen und das Land erneut in einen Bürgerkrieg geraten», sagt Rahimdil.

Letztlich müssten sich nicht nur die Taliban, sondern auch die afghanische Gesellschaft an sich ändern, sagt Lehrerin Schirin Mehrabi in Herat. «Die Probleme existieren auch unabhängig von der Regierung.» In vielen Familien würden Väter noch immer als Eigentümer gesehen, Mütter dagegen wie Dienerinnen behandelt. Fordere eine Frau hingegen Freiheit und Eigenständigkeit ein, gelte das oft als verwerflich. «Egal wer regiert, ich wünsche mir einfach nur, dass wir endlich unsere grundlegenden Rechte erhalten.» ●

* Name geändert.