Gesellschaft ohne Bücher : Der buchstäbliche Unterschied
Es wird immer weniger gelesen, insbesondere von Männern. Hat das Buch ein Genderproblem?
Für viele sind die Sommermonate, in denen der Lärm der Aktualität und oft auch der Druck der Lohnarbeit etwas abnehmen, die wichtigste Lesezeit. Es ist darum wohl kein Zufall, dass im Sommer gern Debatten über das Lesen losgetreten werden.
So erschien in der Augustausgabe des US-Magazins «The Atlantic» ein sehr langer Essay über das Ende des Lesens. Er beginnt mit dem Verfall der Bibliothek im antiken Alexandria, einem der grössten Verluste von Wissen in der Geschichte, als Analogie zur Gegenwart. Die Autorin legt umfangreich dar, dass weniger gelesen wird und kognitive Fähigkeiten zurückgehen. Gemäss einer grossen Erhebung zum Leseverhalten in den USA haben 2022 weniger als die Hälfte der Erwachsenen mindestens ein Buch gelesen, nur 38 Prozent einen Roman oder eine Kurzgeschichte (Glücksspiel war laut der Umfrage populärer als Bücherlesen).
Die Gegenwart sei zwar geprägt von einem Bombardement mit Textfragmenten in Form von Chatnachrichten, Social-Media-Posts, E-Mails, argumentiert die Autorin, doch die Fähigkeit, längere und komplexere Texte zu lesen und zu verstehen, schwinde. Die heutige Gesellschaft sei deshalb nicht analphabetisch («illiterate»), sondern nachschriftlich («postliterate»). Video und Audio verdrängten die Schrift als zentrales Medium: «Das Zeitalter der Schrift wird sich als kurzes Intermezzo zwischen dem mündlichen und dem digitalen Zeitalter erweisen.»
Eine Unterdebatte innerhalb des Komplexes der Lesedeprivation ist die über eine «male reading crisis» oder «male reading epidemic»: der Befund, dass der Rückgang des Lesens bei Männern besonders schnell voranschreitet, sich beim Lesen also ein Gendergap auftut.
«Aura der Erlösung»
Während der letztjährigen Sommerlesedebatte fragte die «New York Times» gewichtig: «Why Did the Novel-Reading Man Disappear?» (Wieso ist der romanlesende Mann verschwunden?) In der gleichen Zeitung erklärte der Autor und Dozent für kreatives Schreiben David Morris schon Ende 2024, warum uns das Verschwinden des «literarischen Mannes» Sorgen machen sollte. Der Meinungstext ist prototypisch für eine Position, die so ähnlich immer wieder auftaucht: Die Literatur sei heute eine vorwiegend weibliche Angelegenheit. Morris betont, dass er nicht nach erneuter männlicher Dominanz trachte, aber: «Wenn Ihnen die Gesundheit unserer Gesellschaft am Herzen liegt – insbesondere im Zeitalter von Donald Trump und den verzerrten Vorstellungen von Männlichkeit, zu deren Verbreitung er beiträgt –, dann sollte Ihnen der Niedergang und der Untergang der literarischen Männer Sorge bereiten.»
Die Idee dahinter: Literatur macht Männer zu besseren Menschen, sie sei ein hervorragendes Mittel, den «emotionalen IQ zu verbessern», wie Morris schreibt. Wieso soll sie also nicht ein paar der Probleme lösen, mit denen die Welt heute zu kämpfen hat?
Constance Grady, Autorin beim US-Magazin «Vox», hat eine vielbeachtete Replik auf Morris geschrieben. Speziell nach der Wahl Trumps 2024 sei Belletristik in der öffentlichen Diskussion ähnlich dargestellt worden wie Psychotherapie: «etwas, was gut ist für die psychische und emotionale Gesundheit und was wir alle tun sollten, um bessere Bürger:innen zu werden». Insbesondere eben heterosexuelle Männer.
Grady macht eine interessante Feststellung: Mindestens seit einem Beitrag für das Radionetzwerk NPR von 2007, vielleicht sogar seit einer Schätzung der «New York Times» von 1997 wird in Artikeln zum Thema immer wieder die Statistik verbreitet, dass in den USA, Kanada und Grossbritannien Männer für zwanzig und Frauen für achtzig Prozent der Verkäufe von Belletristik verantwortlich seien. Doch die Studien, die diese Zahlen stützen, existieren offenbar nicht.
Während es den Gender-Lese-Gap, wie es im Deutschen heisst, unzweifelhaft gibt, scheint es auch ein Bedürfnis zu geben, diesen zu dramatisieren. In einer Zeit, in der die Linke «um die Seele der Männer fürchte», könnten Bücher die Sehnsucht nach einer Art spiritueller Lösung befriedigen, sie würden zu Objekten mit einer «Aura der Erlösung», so Grady.
Amulett des Fortschritts
So erhellend diese Analyse ist, schafft sie die Tatsache, dass Männer deutlich weniger Literatur lesen, nicht aus der Welt. Grady selbst zitiert eine staatliche Statistik von 2023, wonach Frauen in den USA täglich neunzehn Minuten zum Vergnügen lesen, während es bei Männern nur zwölf Minuten sind, was doch ein beträchtlicher Unterschied ist.
Feststellen lässt sich das auch in der Schweiz. Laut der Erhebung zum Kultur- und Freizeitverhalten des Bundesamts für Statistik geben 81,5 Prozent der Frauen an, 2024 eines bis drei Bücher gelesen zu haben, bei den Männern sind es nur 66,1 Prozent. 19,5 Prozent der Frauen sagten, in dem Jahr mindestens dreizehn Bücher gelesen zu haben, während das nur 8,8 Prozent der Männer sagten. Laut dem von Ex Libris beim Institut Sotomo in Auftrag gegebenen Lesebarometer 2025 zeigen sich auch Unterschiede bei den Vorlieben: 84 Prozent der Frauen gaben an, am liebsten Romane zu lesen, bei den Männern waren es 48 Prozent. Bei Sachbüchern ist das Verhältnis 47 zu 60.
Was man daraus auch immer für Schlüsse zieht – fest steht, dass das Schicksal des Buches im postliteraten Zeitalter auf dem Kampfplatz des Internets verhandelt wird. Die FAZ hat kürzlich zusammengetragen, wie Männer aller politischen Schattierungen unter Hashtags wie #booksforboys um die Gunst junger Leser werben. Trotzdem bleiben die Booktokerinnen ihren männlichen Pendants zahlenmässig weit überlegen. Nun aber von diesem Internetgeschehen darauf zu schliessen, dass der Literaturbetrieb übermässig feminisiert sei, wäre eine Verzerrung. Wer andererseits dem Frauenhasser Andrew Tate zuhört, der sagt, Bücherlesen sei für Loser, die Angst hätten, vom Leben zu lernen, könnte das Buch vorschnell zum Inbegriff und Amulett des Fortschritts erklären. ●